Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 103-104

Warhols gefürchtete Freunde

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Nachlässe: Sammler und Händler protestieren gegen Gutachter-Gremium

So mancher Sammler von Pop Art musste in den letzten Jahren eine böse Überraschung erleben: Von einem Tag zum anderen wurde sein Warhol-Werk vom wertvollen Original zur Reproduktion degradiert. Jedes Mal ging die Herabstufung vom gefürchteten "Warhol Authentication Board" aus - einer vierköpfigen Jury, die seit 1995 im Auftrag der Warhol-Stiftung das umfangreiche Oeuvre des Künstlers (1928 bis 1987) durchforstet.

Jetzt formiert sich Widerstand gegen die Arbeit der Gutachter. Galeristen und Sammler unterstellen den Kunst-Richtern, sich bei der Wahrheitsfindung von Willkür leiten zu lassen. Schwerer noch wiegt der Vorwurf, die Warhol-Experten Sally King-Nero und Neil Printz, der Kunsthistoriker Robert Rosenblum und der Kurator David Whitney verfolgten mit ihrem Urteil mitunter eigene finanzielle Interessen: Denn nach wie vor verkauft die Warhol-Stiftung, in deren Auftrag das Gremium handelt, Bilder aus dem Nachlass des Künstlers. Durch Herabstufung anderer Werke, so die Kritik, werte sie ihr eigenes Angebot auf.

Ein Opfer der Warhol-Gutachter wurde Horst Weber von Beeren. Der Deutsche war zwischen 1979 und 1985 als Studio-Assistent von Andy Warhol an der Herstellung inzwischen berühmt gewordener Werke beteiligt. Für seine Arbeit bekam der heute 50-Jährige damals nur geringen Lohn -als Ausgleich dafür durfte er unsignierte Probedrucke mit nach Hause nehmen. Seit Warhols Tod hat sich der Wert dieser Arbeiten vervielfacht.

Im September 1999 und im Februar des darauf folgenden Jahres legte Weber dem Kuratorium fünf Arbeiten aus Warhols Liza-Minnelli-Serie vor. Die Prü-

fer bescheinigten ihre Echtheit, und Weber verkaufte die Blätter an einen italienischen Kunsthändler. Als er dem Gremium wenig später drei weitere Bilder aus derselben Serie vorlegte, verweigerten die Juroren das Echtheitssiegel und widerriefen zudem die Autorisierung der ersten fünf vom Ex-Assistenten vorgelegten Werke. Jetzt kritisiert Weber nicht nur den totalen Sinneswandel, sondern er verweist auch darauf, dass die Warhol-Stiftung selbst unsignierte Probedrucke aus Warhols Nachlass verkauft.

Als Opfer des Kuratoriums sieht sich Ivan Karp, 77, einst rechte Hand des berühmten Galeristen Leo Castelli und seit vielen Jahren selbst in New York ein angesehener Kunsthändler. Karp hatte 1961 als erster Galerist Andy Warhols Studio besucht und Castelli auf den Pop-Art-Künstler aufmerksam gemacht. Vor fünf Jahren bekam Karp den Anruf einer fassungslosen Sammlerin, deren Warhol-Bild, das sie einst bei ihm gekauft hatte, von dem Kuratorium als unecht eingestuft worden war. Dabei trägt das Doppelporträt von 1969 die deutlich sichtbare Signatur des Künstlers. Karp kaufte das Bild zurück und reichte es mit ausführlicher Dokumentation erneut ein.

Vergebens. Das Gremium überstempelte die Signatur rigide mit dicken roten Lettern: "Abgelehnt". Das Bild, dessen Wert Karp auf 150000 Dollar (rund 126000 Euro) beziffert, ist damit wertlos geworden. Der Kunsthändler fühlt sich nicht nur finanziell geschädigt. Er bangt auch um seinen Ruf. Um klarzustellen, dass er nicht mit Fälschungen handelt, erwägt er nun eine Verleumdungsklage gegen die Gutachter. Zwar gesteht er den selbst ernannten Richtern über echt und falsch das Recht zu, "Regeln für die Echtheitsprüfung aufzustellen", doch fordert er gleichzeitig: "Sie sollten die Kriterien offenlegen. Und sie sollten Andys Signatur respektieren."

Die Beschuldigten schweigen bislang zu den Vorwürfen. Über ihren Anwalt ließen sie lediglich mitteilen, dass sie sich durch die Kontroverse in ihrer Wahrheitsfindung nicht beirren ließen.

Bild(er):

Bild: Geschädigt: Horst Weber

Bild: Mal für echt, mal für falsch befunden: Probedruck aus der Serie "Liza Minnelli" von Andy Warhol

Bild: Andy Warhols Doppelporträt von 1969 (links) versah die umstrittene Kommission mit dem Stempel "Abgelehnt" (oben), obwohl der Künstler das Bild einst signiert hatte

Bild: Will klagen: Ivan Karp