Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 105
Die Nase bringt es an den Tag
Von
Archäologie: Das Rätsel des Alexandermosaiks ist gelöst
Das Alexandermosaik (um 100 vor Christus) gehört zu den bekanntesten Historienbildern der Kunstgeschichte. Es stellt den Sieg Alexanders des Großen über den persischen König Dareios III. in der Schlacht von Gaugamela am 1. Oktober 331 vor Christus dar. Das Mosaik wurde 1831 in Pompeji entdeckt und wird heute im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel aufbewahrt. Als Vorlage für das Wunderwerk aus vier Millionen Steinchen hatte den Mosaik-Künstlern ein verbürgtes, aber verloren gegangenes Alexandergemälde gedient. Zu den großen Rätseln des Bildes gehört seit jeher die Frage, wer die Hauptfigur des Bildes ist. Der vermutete Protagonist, Alexander, ist mit seiner gezückten Lanze und seinem wehendem Haar im Vergleich zu dem Perserkönig auf seinem Streitwagen kurioserweise eher am Rand dargestellt.
Der deutsche Archäologe Bernard Andreae hat jetzt eine plausible Lösung des Rätsels gefunden. Den Schlüssel zum Verständnis des Mosaiks sieht er in einem Fußsoldaten hinter Alexander dem Großen. Diese Figur blieb bislang unbeachtet, weil der Schutt, der das Mosaik beim Ausbruch des Vesuvs 63 nach Christus beschädigte, von ihr fast nichts übrigließ.
Fest steht: Ein Fußsoldat konnte mit der vorpreschenden Reiterarmee Alexanders gewiss nicht Schritt halten. Es kann sich, so Andreae, also nur um eine besondere Person handeln, die sich von dem Künstler an prominenter Stelle verewigen ließ. Der bekannteste Fußsoldat in dem Scharmützel war Seleukos, der spätere Begründer der Seleukidendynastie. Er wurde nach Alexanders Tod mit der Herrschaft über den heutigen Nahen Osten belohnt. Als er 301 vor Christus in der Schlacht von Ipsos seinen größten Widersacher besiegte, unterstand ihm ein Reich, das bis Indien reichte und dem Alexanders gleichkam. Nach dieser Schlacht, so Andreae, gab Seleukos das Bild in Auftrag. Es betont dessen Nähe zu dem Eroberer und verklärt ihn selbst als legitimen Erben des Alexanderreichs. Da zu Seleukos' Reich die persischen Stammlande gehörten, wird nun auch verständlich, warum Makedonier und Perser, Sieger und Besiegte, gleich heroisch dargestellt sind: Das Bild sollte die beiden Völker des Riesenreiches miteinander versöhnen.
Den vielleicht überzeugendsten Beweis für seine Entdeckung fand Andreae in Büsten und Münzbildern des Seleukos. Der darauf Dargestellte hat dieselbe gewölbte Stirn und die gekrümmte Nase wie der Fußsoldat des Alexandermosaiks.
Literatur: Bernard Andreae, Antike Bildmosaiken. Verlag Philipp von Zabern 2003
Bild(er):
Bild: Der Fußsoldat hinter Alexander dem Großen blieb bisher unbeachtet: das Alexandermosaik (2,77 x 5,12 m)
Bild: Frappierende Ähnlichkeit: Bronze-Büste des Seleukos aus Pompeji und Profil des Fußsoldaten aus dem Alexandermosaik (siehe Ausschnitt oben)
