Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 62-72

Der letzte Romantiker

Von Tim Sommer Timm Rautert

Alles ordnete der Maler, Zeichner und Druckgrafiker Gerhard Altenbourg (1926 bis 1989) dem Entwurf eines einsamen Künstlerlebens unter. Jetzt widmet die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf dem Außenseiter aus Thüringen eine große Retrospektive / TIMM RAUTERT (FOTOS)

Am Südrand der Leipziger Tieflandsbucht steigen die Hügel des Osterlandes wie ein rettendes Ufer auf. Das Gebiet davor ist voller Schründe und Narben, ein Braunkohlenrevier, das offen seine tieferen Schichten zeigt. Seit Jahrzehnten fressen sich hier knirschend die Bagger durchs Erdreich, verschlingen Wälder, Wiesen, Kirchen, Bauernhöfe - Kulturraub, Geschichtsverlust, Naturbarbarei immerzu, Tag und Nacht.

Oben in Altenburg ist vom industriellen Inferno vor den Toren nichts zu spüren. Fast ein Spitzweg-Idyll, diese alte Zwergstaatresidenz mit dem schönen Theaterbau, dem Schloss, dem deutschen Skatgericht und dem Museum mit seiner erlesenen Sammlung von Bildern der italienischen Frührenaissance. Die Heimat des Zeichners Gerhard Ströch, der sich mit einer kleinen distanzierenden Volte ab Mitte der fünfziger Jahre "Altenbourg" nannte, ist wie ein Deutschland im Kleinen, gemütlich und brachial. Hier entwarf er seine Künstlerexistenz, wie es kaum eine seltsamere im späten 20. Jahrhundert gab. Altenbourg war ein aristokratischer Eremit der Kunst, ein Tempelherr im schwarzen Ornat, ein Gralssucher in den rauen, zärtlichen Gefilden der eigenen Seele. Nur hier und nur so konnte er sich sein Junggesellenleben denken: treu umsorgt von seiner Schwester Anneliese, verschanzt hinter Büchern und kostbaren Papieren. "Mein Leben ist so gefährdet", erklärte er, "dass ich mir eine ganz bestimmte Form geschaffen habe, um nicht einfach zu unterliegen; diese Form der Existenz, die Anerkennung meiner selbst und das Auskommen mit mir persönlich, ist mir so schwer gefallen - bis jetzt wohl endlich der Zeitpunkt gekommen ist, von dem an ich merke, dass mein Leben nach diesen bestimmten Gesetzen verläuft."

Nun richtet die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen dem 1989 bei einem Unfall ums Leben gekommenen Meisterzeichner aus Thüringen eine Retrospektive aus, die erste große Museumsschau seit 1988. Und fast entschuldigt man sich in Düsseldorf dafür, 2003 erstmals einen "Künstler aus der DDR mit einer breiten monografischen Ausstellung" zu bedenken. Es klingt, als wäre die Apartheid eben abgeschafft: Altenbourg empfehle "sich hierfür in besonderer Weise, stehen seine in größter Zurückgezogenheit geschaffenen Bilder doch in einem feingeknüpften Netz aus Referenzen, auch und gerade zur Kunst der westlichen Welt". Ankäufe westeuropäischer und amerikanischer Museen würden das bereits zu Lebzeiten des Künstlers legendäre Werk aus seinem engeren Entstehungskontext lösen. Als könnte man das Schicksal exportieren.

Gerhard Ströch wurde 1926 in dem Dörfchen Rödichen-Schnepfenthal bei Gotha als Sohn eines Baptistenpredigers geboren, 1944 zog der Abiturient vom Humanistischen Gymnasium Altenburg zur Panzerjagd in den Osten. Die polnische Lysa Gora wurde ihm zum "Berg der Erkenntnis und der Schau", wie er schrieb. Der Feldzug endete in Lazaretten: "Menschenschau. Ekel. Inneres Verletztsein. Grenzkräfte und Schocküberwindungsversuche. Anderswerden. Hineinsehen." Der Zeichner mit der Nahkampfspange, die gab es für das Schlachten mit dem Bajonett. An Heilung und Vergessen war zunächst nicht zu denken, nur an Linderung durch Versenkung und Ausdruck. Sein Kunststudium an der Hochschule in Weimar war bald beendet, als Formalismus-Fahnder eine seiner Lithografien in der Presse fanden: "Mein Vater Hugo" (1950) - das fröhliche Bildnis vom nackigen Erzeuger, etwa in der Manier des frühen Paul Klee. Wie im Rausch hatte er gearbeitet, riesige Blätter entstanden, erst mit weiten, wütenden Schwüngen, dann mit immer kürzerem, nervigem Strich. Sein "Ecce Homo I" von 1949 krampft sich zusammen, durchs offene Fleisch kriechen dem sterbenden Kameraden schon die Schnecken, jede Faser ist Leid. Den Untergrund dazu bietet eine eigene Kinderzeichnung: Wohlgeordnet ziehen hier noch die Panzerwagen und die zackigen Infanteristen in die unblutige Schlacht. Für das Kind gab es noch weder Tote noch Verletzte.

In den Weimarer Jahren 1948 bis 1950 hatte der Student die Kunst und Literatur der Moderne entdeckt und für sich fruchtbar gemacht: die Gedichte von Gottfried Benn, Stefan George, Theodor Däubler, die expressionistischen Ekstasen, den DadaKlamauk. Dazu die Zeichnungen von Kindern und Geisteskranken. Es hatte nur dieser kurzen Inkubationszeit bedurft, um aus dem zutiefst verstörten Kriegsheimkehrer einen eigenwilligen, ganz eigenständigen Künstler zu machen, der unbeirrt von Moden oder Gruppenzwängen abseits seine Bahn durchs Leben zog.

Der Berliner Galerist Rudolf Springer richtete ihm 1952 und 1956 Einzelausstellungen aus, 1957 auch das Lindenau Museum in Altenburg. 1959 war er auf der Documenta 2 in Kassel vertreten. Aber hüben wie drüben war er ein Außenseiter: Seine Kunst passte nicht zum Dogma der Abstraktion, wie es die Kritiker im Westen predigten, und schon gar nicht in die Berufsoptimistenkunst des Sozialistischen Realismus.

In Altenburg fing die Baptistengemeinde ihren heimgekehrten Bruder Ströch schützend auf, bis die Verkäufe der Galeristen Springer in Berlin und später Dieter Brusberg in Hannover und Berlin ein Einkommen sicherten. Das Elternhaus zwischen Braugartenweg und Spinnbahn wurde zur Bastion mit der Bibliothek unterm Dach als geistiger Rüstkammer. Wie Kurt Schwitters seinen Merzbau, baute Altenbourg die kleine Villa mit dem Garten zur kostbaren und schützenden Schatulle aus: "Dies Haus als Aufgabe Verwirklichung meiner Selbst." Statt Kohl und Rüben wuchsen nun "Rhododendron, Azaleen, Koniferen". Aus Kupfer getriebene Gestalten zieren die getüpfelten Wände, in die Türen sind Zeichnungen geritzt, sogar die Zimmerschlüssel nehmen fantastische Formen an. An der Hauswand reckt sich geschmiedet eine vier Meter hohe "Eva", der Fußabstreifer an der Tür zeigt ein "Ora et Labora".

Oft 16 Stunden am Tag arbei tete Altenbourg wie ein Hieronymus im Gehäus. Keine Zigaretten, kein Radio, kein Fernsehen, Freizeit war für ihn ein neumodisches Wort wie aus einer anderen Welt. Alles ordnete sich seinem Lebenskunstwerk unter. Seine immer selteneren Reisen führten ihn in die Sammlungen von Dresden, Weimar, Berlin - und zu seinem Schneider Unter den Linden.

Seine Wanderungen, oft auch nachts, gingen hinaus ins Altenburger Land: durchs Gartentor, die Spinnbahn entlang, über den Damm, um den Großen Teich, hinaus zur Hellwiese und zu den alten Slawenschanzen an der Pleiße. "Die Pappelalleen stehen an den Wiesen und Hügeln, und das Hügelland ist wie Frauenschöße. Es gibt dort Panwiesen, wurzelgefleckt in ihrem Schweigen." So entstand sein Werk aus Ich, Dichtung und dieser Landschaft: "Diese uralte Fremdheit; das Draußen als Unendlichkeit, anziehend und abstoßend zugleich. Ferngehaltensein, ein Nichtzugehörigkeitsgefühl, das Andersartige als verwandelndes Arkanum, ambivalent. Beobachtungen im Hügelgau Rieseln der Erde. Wachsen und Werden Landschaften als Gehirnbau." Immer wieder sind es die weichen Formen der Thüringer Hügel, die in Altenbourgs Kompositionen aufscheinen. Es gibt Linien wie Nebelbänke, harte Striche wie Tannennadeln, weiche wie Grashalme, Schwünge wie Bachläufe, Flecken wie raschelndes Laub. Wolken werden zu Schädeln, Hügel zu Leibern. Alles fügt sich aus tausend Winzigkeiten zum organischen Ganzen, schichtet sich auf wie die geologischen Formationen tief unter den Füßen des Wanderers.

Die Titel seiner Blätter klingen wie absurde, leicht durchgedrehte Gedichte: "Hui, Pfauh und Phui et cetera" (1964), "Wickelgeist vor dem Meer" (1965), "Wie es um den großen Pilzgott lebendig ist" (1966), "Der grinsende Cäsar, die kleine Knolle" (1967). Und mit der sonst gebräuchlichen lapidaren Angabe "Mischtechnik" begnügt sich ein penibler Handwerker wie Altenbourg noch lange nicht: fein säuberlich führt er all seine kostbaren Materialien auf, nach der Menge im Bild geordnet: "Aquarell, Tempera, Rötel, chinesische Tusche, Wachsmalkreide, Ölfarbe, Druckfarbe, Bleistift auf gelblichem Hahnemühle-Bütten". Er betrachtet sein Werkzeug mit größter Achtung und beherrscht es bis ins Letzte. Und das als Zeichner, Maler, Lithograf, Metallbildhauer, Holzschneider und Radierer - Techniken, die er nach und nach erwarb und zu seltener Perfektion und unverwechselbaren Eigenheit trieb. "Qualität ist auch eine Innovation" war seine lakonische Devise. Und tatsächlich: An Revolutionen und Provokationen, wie sie die Moderne liebt, ist Altenbourgs Werk nicht reich. Seine Blätter (Leinwände gibt es nur wenige) sind dafür unendlich kostbar, von einer Feinheit, die kaum im Druck zu reproduzieren ist. "Mein größter Ehrgeiz ist es, etwas zu zeichnen, was man gar nicht sieht", sagte Altenbourg 1984 dem Reporter Peter Sager.

Die Gemeinde seiner Verehrer wuchs über die Jahre in West und Ost. Noch 1976 musste der Museumsdirektor von Schloss Hinterglauchau nach einer Altenbourg-Schau seinen Posten räumen, eine "langfristig gezüchtete Sumpfdotterblume" nannte ihn ein Stasi-Dossier aus den siebziger Jahren. Es gab Verhöre, Anklagen, Diffamierungen, Behinderungen aller Art. Aber als er - Freunde hatten ihm einen Pass besorgt - zwischen den Zumutungen der Welt in Ost und West wählen konnte, entschied er sich, in Altenburg zu bleiben. Seinen Galeristen Dieter Brusberg hat er zwar oft dort empfangen, aber nie eine seiner Ausstellungen am Berliner Kurfürstendamm besucht. Der Herr fand es unter seiner Würde, als Bittsteller aufzutreten. Und er hatte es auch wirklich nicht nötig.

Termin: "Im Fluß der Zeit - Retrospektive", Düsseldorf, K 20 Kunstsammlung NRW, bis 7. März 2004 Internet: www.kunstsammlung.de Weitere Stationen: Dresden, Kupferstichkabinett Staatliche Kunstsammlungen, 2. April bis 6. Juni 2004; München, Staatliche Graphische Sammlung, 7. Juli bis 5. September 2004. Galerieausstellungen: "Stationen" - Gerhard Altenbourg, Rolf Szymanski, Brusberg, Berlin, bis 7. Februar 2004; Galerie am Sachsenplatz, Leipzig,10. Januar bis 28. Februar 2004. Katalog: 28 Euro, für Januar angekündigt ein Katalogbuch im Prestel Verlag, München, 59 Euro und Bd. 1 des Werkverzeichnisses im Wienand Verlag, Köln, zirka 78 Euro

"Mein Leben ist so gefährdet", erklärt Altenbourg, "dass ich mir eine ganz bestimmte Form geschaffen habe, um nicht einfach zu unterliegen"

Der Zeichner mit der Nahkampfspange. Die gab es für das Schlachten mit dem Bajonett. An Heilung und Vergessen war zunächst nicht zu denken

Expressionistische Ekstasen, Dada-Klamauk, Zeichnungen von Kindern und Geisteskranken - Altenbourgs Kunst schöpft aus vielen Quellen

Altenbourg besiegte die DDR durch bloßes Ignorieren - Verfeinerung war seine Rettung vor den Zumutungen der Welt

Bild(er):

Bild: Ein Gralssucher in den Landschaften der Seele: Gerhard Altenbourg, die Heimat betrachtend

Bild: "Garten an der Spinnbahn", Aquarell, chinesische Tusche, blaue Tinte auf Papier, 1951, 61 x 86 cm

Bild: "Hoher Mittag, August", Aquarell, Tempera, Bleistift auf THSaunders England-Bütten, 1969, 25 x 59 cm

Bild: Ein Herr: Besucher empfing Altenbourg gern in seiner Samtjacke (Foto: Rudi Meisel)

Bild: "Der Gärtner", Tempera, Aquarell, teilweise weiß unterlegt, auf blaugrauem Ingres-Papier, 1954, 63 x 49 cm

Bild: "Tränen der Landschaft, ungeweinte", chinesische Tusche, Graphit, Kreide, Bleistift, Aquarell auf rauhem Schoellershammer-Karton, 1973, 73 x 102 cm

Bild: Altenbourgs Hände: Kunst als Versenkung, disziplinierte Arbeit an feinsten Nuancen

Bild: "Über den Hügeln glänzen die Tränen", Aquarell, Tempera, Rötel, chinesische Tusche, Wachsmalkreide, Ölfarbe, Druckfarbe, Bleistift auf gelblichem Hahnemühle-Bütten, 1975, 63 x 49 cm

Bild: "Bald verhüllt, bald entschleiert: die große Abtrift", Gouache, Aquarell, Pitt-Kreide, Litho-Kreide, Rötel, chinesische Tusche auf Zeichenkarton, undatiert, wohl achtziger Jahre, 97 x 67 cm

Bild: Ein Atelier wie ein klösterliches Skriptorium: Altenbourg arbeitete, auf einem grünen Gartenstuhl sitzend, hinter Bergen von kostbaren Papieren

Bild: "Altenbourgs Arche", Gouache, Pulverfarbe, Teeaufguss, chinesische Tusche, Bleistift, Aquarell auf Bütten, 1989, 42 x 59 cm

Bild: "Ecce Homo I (Der sterbende Krieger)", Pitt-Kreide, Bleistift auf Rollenpapier, 1949, 135 x 88 cm