Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 78-80

Sehnsucht nach den hübschen Blüten

Von Anke Drrzapf

AUSSTELLUNGEN IM JANUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / LILLE: FLOWER POWER / In der Kulturhauptstadt dreht sich gleich in drei Ausstellungen alles um Blumen

Blumenbilder sind so etwas wie der röhrende Hirsch unter den Stillleben: gerne mal gnadenloser Kitsch, tausendfach kopiert für die Wand über der gemütlichen Eckcouch-Kombi. Und doch traut sich die zeitgenössische Kunst wieder an das Thema heran, nimmt es spielerisch auf. In Lille beschäftigen sich jetzt drei Ausstellungen unter dem Titel "Flower Power" mit Blumen in der Kunst. Zudem stellt die Installationskünstlerin Yayoi Kusama (art 3/2002) in der Esplanade Francois Mitterrand eine Skulptur aus meterhohen, bunten Plastiktulpen auf. Die nordfranzösische Stadt mit der roten Lilie im Wappen beginnt damit ihr Jahr als europäische Kulturhauptstadt 2004.

Die Vorbilder, an denen sich zeitgenössische Kunst oft ironisch reibt, zeigt das Musee de l'Hospice Comtesse: rund 40 Blumenstillleben aus dem 17. Jahrhundert unter anderem von Jan Brueghel dem Älteren (1568 bis 1625), dem in Lille geborenen Stilllebenmaler Jean-Baptiste Monnoyer (1634 bis 1699) und von Rachel Ruysch (1664 bis 1750), eine der wenigen Malerinnen dieser Zeit. Damals begannen sich Künstler vor allem in den Niederlanden auf Blumendarstellungen zu spezialisieren: Detailgetreu malten sie jedes Blütenblatt in riesigen Bouquets, in denen zuweilen sogar Blumen verschiedener Jahreszeiten gleichzeitig blühten. Die Blume galt als Sinnbild von Vergänglichkeit. Und war gleichzeitig eben auch hübsch anzusehen, weshalb sich diese Art des Stilllebens bald großer Beliebtheit erfreute, bis es schließlich als Motiv auf Porzellantellerchen und Seidentüchern beim Kunstgewerbe ankam.

Das Palais des Beaux-Arts widmet sich der Kunst seit den sechziger Jahren vom Pop-Art-Vertreter Andy Warhol bis zum zeitgenössischen Installations-künstler John M. Armleder, vom Star-Bildhauer der achtziger Jahre Jeff Koons bis zur jungen japanischen Malerin Yayoi Deki. Warhols "Flower"-Serie zeigt eine Herangehensweise der Kunst des 20. Jahrhundert an das Stillleben-Motiv: Es geht dem Künstler nicht darum, seine Begabung an realistisch gemalten Blumenarrangements zu zeigen, sondern er druckt das Motiv in Serie. Das frühere Sinnbild bürgerlicher Dekoration und spätere Symbol der Hippie-Bewegung wird zum unendlich reproduzierbaren Bild der immer gleichen Blume - eine Ikone neben Marilyn Monroe, Mao oder CocaCola, passend zur westlichen Konsumgesellschaft des 20. Jahrhunderts.

Das Palais Rameau schließlich, früher Ausstellungsraum für Blumenmessen, wurde von fünf Installationskünstlern in ein Gewächshaus voller echter und künstlicher Blumen verwandelt: So stellt der Südkoreaner Jeong-Hwa Choi eine übergroße, krakenähnliche Blüte aus Plastik mit dem Titel "Touch Me" auf, die von einem Ventilator im Inneren bewegt wird. "Die Künstler gehen heute vorsichtig und fast zaghaft an Blumendarstellungen heran, gerne auch mit leichter Ironie", sagt Kurator Franck Gautherot. "Viele Künstler gestanden mir fast verschämt, dass auch sie ein Blumenbild gemalt hätten. Es haben sich eben viel mehr Künstler mit dem Thema beschäftigt als man vermuten würde. Da kommt in der Ausstellung vieles aus dem Verborgenen hervor."

Termin: bis 22. Februar. Katalog: zirka 25 Euro. Internet: www.lille2004.com

Bild(er):

Bild: Yayoi Kusama vor ihrem Skulpturen-Modell für die Stadt Lille, "Die Tulpen von Shangri-La" (2003)

Bild: Im Siebdruck "Flowers" (1964, 81 x 81 cm) macht Andy Warhol aus dem beliebten Stiefmütterchen eine Ikone der Konsumgesellschaft

Bild: Bei Yayoi Deki wirken Blumen wie am Computer entworfen: "Regenbogen" (2002, 100 x 150 cm)

Bild: Jean-Baptiste Monnoyer: "Goldene Vase mit Blumen und Papageien" (17. Jh., 120 x 130 cm)