Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 82-83

Ein Dandy mit vielen Rätseln

Von Kerstin Schweighfer

AUSSTELLUNGEN IM JANUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / BRÜSSEL: FERNAND KHNOPFF / Retrospektive des Symbolisten in den Königlich-Belgischen Kunstmuseen

Glaubt man seinen Freunden, setzte Fernand Khnopff jedesmal eine Brille mit dunklen Gläsern auf, wenn er Brügge besuchte, die Stadt seiner Kindheit: "Er wollte nicht sehen, was sich dort alles verändert hatte, seitdem er als Achtjähriger mit seinen Eltern nach Brüssel umgezogen war", erklärt Kustos Frederik Leen von den Königlich-Belgischen Kunstmuseen in Brüssel. Denn hatte sich Fernand Khnopff einmal ein Bild geformt, blieb er ihm treu. Das galt auch für sein Lieblingsmodell, die Schwester Marguerite: "Die blieb immer jung!"

In der bislang größten Khnopff-Retrospektive wird das vielseitige Oeuvre des belgischen Symbolisten umfassend präsentiert. Insgesamt 265 Werke aus internationalen Museums- und Privatkollektionen sind zu sehen, neben Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen auch bearbeitete Fotos, Buchillustrationen und Grafiken. Viele Werke sind kaum bekannt, so etwa die 25 Ansichten von Fosset, dem Ardennen-Dorf, wo Khnopff als Kind die Sommermonate verbrachte. Der kunsthistorische Zusammenhang wird durch 15 Arbeiten von Vorbildern und Nachfolgern hergestellt, darunter Gustav Klimt, Gustave Moreau, Franz von Stuck und Edward Burne-Jones. Khnopff erscheint in diesem Vergleich als eine der Schlüsselfiguren des europäischen Symbolismus. Typisch für ihn sind gewagte, scheinbar willkürlich gewählte Bildausschnitte und ein freier Umgang mit Symbolen: "Von allen Symbolisten ist er am wenigsten didaktisch", so Kustos Leen. Der Leopard mit dem Frauenkopf auf seinem rätselhaften Meisterwerk "Liebkosungen" zum Beispiel scheint ein Symbol zu sein - "aber ikonografisch ist dazu nichts bekannt, jeder kann es so interpretieren, wie er will".

Vielen Arbeiten liegen Fotos zugrunde: So etwa gehen die sieben Frauen auf dem berühmten Pastell "Erinnerungen" auf sieben verschiedene Aufnahmen zurück. Für einige seiner Stadtansichten verwendete Khnopff Ansichtskarten; oft fotografierte er auch eigene Werke, um die Abzüge dann wieder grafisch zu bearbeiten und zu signieren.

Ursprünglich hätte der 1858 geborene Khnopff wie sein Vater Richter werden sollen. Auf Wunsch seiner Eltern studiert er in Brüssel zunächst Jura, wechselt jedoch schnell zur Kunstakademie. Schon bald ist er sowohl in Brüssler als auch Pariser Salons vertreten und gehört zu den Gründungsmitgliedern der beiden stilprägenden belgischen Avantgardistengruppen "Les XX" und "La Libre Esthetique". Bei einem ersten Londonbesuch um 1891 gerät er unter den Einfluss von Präraffaeliten wie William Holman Hunt, George Frederick Watts und Burne-Jones.

Der internationale Durchbruch gelingt ihm 1898 mit der ersten Ausstellung der Wiener Sezession, auf der er 21 Arbeiten zeigt, die auch Gustav Klimt sehr beeindrucken. Fortan kann sich Khnopff den Stil eines Dandys leisten. Er versucht, sein Leben so einzurichten wie seine Werke: Alle Details haben zu stimmen, Schuhe und Hut müssen perfekt zum Anzug passen.

Der Maler bewegt sich in den feinsten Brüssler Kreisen und ist ein gern gesehener Gast bei den Soireen, die Großindustrielle in eigenen Konzertsälen abhalten. Khnopff porträtiert ihre Gattinnen und entwirft neben Bühnenbildern und Kostümen auch Muster für Spitzen und sogar eine (nie gedruckte) Banknote. Um 1900 lässt er sich nach eigenen Plänen ein Haus oder, besser gesagt, einen Tempel bauen, den er im Stil der Wiener Sezession mit dunkelblauen Wänden versieht. Ansonsten ist über sein Privatleben wenig bekannt. Khnopff lebte zurückgezogen nach dem Motto: "On n'a que soi" - "Man hat nur sich selbst". Auch über die Umstände seines Todes - er starb 1921 als 63-Jähriger - weiß man nichts.

Termin: 16. Januar bis 9. Mai 2004. Katalog: 30 Euro, gebundene Ausgabe 40 Euro. Internet: www.finearts-museum.be

Bild(er):

Bild: Leoparden küsst man doch: Die "Liebkosungen" ("Des Caresses", 51 x 151 cm) von 1896 kann jeder so verstehen, wie er möchte

Bild: Am liebsten malte er seine Schwester: "Porträt von Marguerite Khnopff" (1887, 96 x 75 cm)

Bild: Sieben verschiedene Fotos lagen den sieben Frauenporträts dieses Pastells zugrunde: "Erinnerungen" ("Memories", 1889, 127 x 200 cm)