Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 85

Hommage an die Opfer der Fotografie

Von Kia Vahland

AUSSTELLUNGEN IM JANUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / BERLIN: TARYN SIMON / Eine neue Ästhetik: Aufnahmen unschuldig Verurteilter in den Kunst-Werken

Marvin Anderson ist ein Opfer der Justiz - und ein Opfer der Fotografie. Aufgrund eines Fotos war er wegen der Vergewaltigung einer jungen Frau zu 210 Jahren Gefängnis verurteilt worden, von denen er 15 absaß, bevor eine DNA-Analyse seine Unschuld bewies. Die Frau hatte bei der Identifikation unwillkürlich zum einzigen Farbbild zwischen lauter Schwarzweißfotos aus der Verbrecherkartei gegriffen. Aus der Fiktion, das Gesicht auf dem bunten Bild sei das des Täters, wurde vor Gericht eine Tatsache.

Die Fotokünstlerin Taryn Simon geht nun den umgekehrten Weg: Sie überführt Wirkliches in hoch geschickte Inszenierungen. Die New Yorkerin verzichtet darauf, unschuldig verurteilte Menschen wie Anderson in dokumentarischen Fotos ein zweites Mal einzufangen. Statt dessen begleitet sie aus dem Gefängnis Entlassene an die Plätze ihrer Geschichten. Ein Mann war während der Tatzeit beim Tontaubenschießen. Nun sitzt er am Ort seines Alibis zwischen lauter Scherben: Ihm ist anzusehen, dass hier mehr in die Brüche ging als nur ein paar Tontauben. Ein anderer klettert für das Foto am Ort seiner Festnahme auf einen Einkaufswagen, das eine Bein in Freiheit, das andere hinter den Gittern des Wagens. Manche betreten mit Taryn Simon zum ersten Mal den Ort des Verbrechens, für das sie eingesperrt wurden.

Die 28-Jährige ist sowohl in der Kunst- als auch in der Kriegsfotografie erfahren, und vielleicht ist es dieses Doppeltalent, das sie eine so einzigartige Bildsprache entwickeln ließ. Die ist realitätsnah wie bei ihrem Kollegen Allan Sekula, aber nicht so spröde; voller Zwielicht wie bei Gregory Crewdson, aber gar nicht melodramatisch. Stärker als an andere Fotografen erinnert Simons Arbeitsweise an Theatermacher ihrer Generation wie Stefan Kaegi, der Stücke über den Tod mit Laienspielern besetzt, die normalerweise als Leichenwäscher oder Pathologe arbeiten.

In der aktuellen Kunst wirkt solch eine konsequente Ästhetisierung der fremden Lebenserfahrung überraschend - und könnte doch, klug und sensibel eingesetzt, eine neue gesellschaftspolitische Fotografie begründen. Kurator Klaus Biesenbach ist mit dieser Schau in den Kunst-Werken eine Entdeckung gelungen.

Termin: bis 18. Januar. Katalog: auf Englisch 35 Euro. Internet: www.kw-berlin.de

Bild(er):

Bild: Rückkehr an den Ort des Alibis: "Tim Durham. Tontaubenschießen, Tulsa, Oklahoma" (2000, 122 x 152 cm)