Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 54-59
Die Biennale in Venedig hat keinen kalt gelassen
Von
23. Internationale Kritiker-Umfrage / Wie kein anderes Ereignis des Jahres 2003 bewegte die internationale Kunstschau in der Lagunenstadt die Gemüter der Kritiker. Unter den jungen Künstlern haben auch bei den Experten die Malerinnen und Maler diesmal das Rennen gemacht
1. Welche Ausstellung des Jahres 2003 war für Sie die wichtigste und warum?
2. Welche Ausstellung des Jahres 2003 hat Sie am meisten enttäuscht oder geärgert und warum?
3. Welche Künstlerin, welcher Künstler, der/dem Sie 2003 erstmals begegnet sind, hat Sie am meisten interessiert?
Patricia Grzonka
Kritikerin des Magazins "Springerin", Wien
1. Keine Ausstellung, sondern ein Gesamtkunstwerk. Der slowakische Konzeptkünstler Stano Filko hat sein Atelierhaus auf einem Hanggrundstück bei Bratislava samt Garten und Garage in jahrelanger obsessiver Beschäftigung zu einem künstlerischen Parallel-Universum umfunktioniert. Eine insgesamt beeindruckende Arbeit, die beweist, dass historische Positionen im Moment um vieles aktueller sind als vermeintlich gegenwärtige.
2.Die Aktivitäten rund um Graz, die "Kulturhauptstadt Europas 2003" hielten bei allen Bemühungen nicht, was sie zu werden versprachen und demonstrierten vor allem eine Neigung zu ausgedehntem, aber inhaltlich äußerst flachem "Eventismus". Einige neugebaute Veranstaltungshallen, eine Insel im Fluss, ein Schatten des Grazer Uhrturms und der ganze Rest - sie hinterlassen ein riesiges Budgetloch in der Stadtkasse. Einziger Lichtschimmer: das neue Kunsthaus.
3.Carola Spadoni. "Dio e morto"/ "Gott ist tot" heißt die Film-Arbeit der 1969 geborenen italienischen Künstlerin Carola Spadoni, die im Venezianischen Pavillon auf der Biennale Venedig zu sehen war. Spadoni erzählte darin in Western-Manier von einem Cowgirl, das seinen Weg durch eine trockene, unbelebte Landschaft macht und dabei Momente von Schwäche, Müdigkeit und Erschöpfung durchlebt und übersteht. Die überzeugende Analyse einer traumatischen Situation in einer starken filmischen Sprache.
Ludmila Vachtova
Freie Kunstkritikerin, Zürich
1.Das Wichtigste? Ob Dieter Roth im Schaulager Basel, Bridget Riley in der Tate London oder "Berlin - Moskau 1950-2000" im Berliner Martin-Gropius-Bau, die Ausstellungen sind toll, cool, ausgiebig - und die Kunst unwichtig.
2.Die 50. Biennale in Venedig ohne Francesco Bonami als Sündenbock. Man kann sich wohl kaum über ein Thermometer ärgern, nur weil es Fieber zeigt.
3.Das Duo Gerda Steiner/Jörg Lenzlinger. Die erste Begegnung 1997: Überraschung und Kopfschütteln. Sie, eine betont kräftige Malerin der Räumlichkeiten, er, ein merkwürdiger Alchimist. Die zweite Begegnung: Das Kopfschütteln verschwindet, die Überraschung dauert an. Die dritte Begegnung, Kirche San Staï, Venedig 2003. Einmalig und einzigartig, wie sie mit "Fallendem Garten" auf den sakralen, barocken Raum eingegangen sind: Üppig, aber äußerst leicht, mit einem unaufdringlichen Spürsinn für voluminöse Leere evozierten sie das Geheimnis eines "guten Wunders".
Paolo Vagheggi
Kritiker der Tageszeitung "La Repubblica", Rom
1.Die Biennale in Venedig - sie ist ein perfektes Abbild der Konfusion der heutigen Zeit.
2. Die Saatchi-Sammlung, London: ein Privatmuseum, in dem nichts echt, nichts wahr ist, ohne jegliche gute Schwingungen.
3. Sislej Xhafa, im Kosovo geboren: die Hoffnung auf eine ironische und friedliche Zukunft.
Richard Cork
Kritiker der Tageszeitung "The Times", London
1. Die El-Greco-Retrospektive im Metropolitan Museum of Art (New York) war eine Offenbarung: Der Maler wird dort als erstaunlich moderner Künstler enthüllt. Seine "Eröffnung des 5. Siegels" ist ein eindrucksvolles, visionäres Meisterwerk.
2. Die Krönungsbilder von Feliks Topolski im Londoner Buckingham-Palast waren die verdrießlichste Ausstellung des Jahres - nicht mehr als eine hektische, nichtssagende Parade von ermüdenden Eigentümlichkeiten.
3.Roger Hiorns mit seiner Installation "Vauxhall" in der Tate Britain, London: echte Flammen, die ohne Erläuterung aus einem Stahlrost außerhalb der Galerie loderten, als ob sie vor etwas warnen oder an etwas erinnern wollten.
Thomas Wagner
Kritiker der "Frank-furter Allgemeinen Zeitung", Frankfurt/Main
1. Nicht immer ist die wichtigste Ausstellung eine Ausstellung im üblichen Sinn. Man mag von den Basler Rangeleien um Macht und Einfluss halten, was man will, mit dem neuen "Schaulager" im Quartier Dreispitz/Münchenstein wurde eine Institution aus der Taufe gehoben, wie es sie bislang nirgendwo auf der Welt gab. Entstanden ist - in einem großartigen Gebäude von Herzog & de Meuron - eine Mischung aus Depot, Archiv, Studiengalerie und Ausstellungshalle, die unsere Vorstellung von dem, was ein Kunstmuseum im 21. Jahrhundert zu sein hat, von Grund auf verändern wird.
2."deutschemalereizweitau senddrei" nannte sich frech eine aufgeblasene und miserabel präsentierte Schau im Frankfurter Kunstverein, die zwar viel Furore machte, aber fast ausnahmslos die allerjüngsten Irrtümer in Sachen Malerei präsentierte. Entweder das Gezeigte war längst bekannt oder die aufstrebenden Künstlerinnen und Künstler erwiesen sich als unfähig, was sie sich vorgenommen hatten, künstlerisch angemessen umzusetzen.
3. Der 1963 geborene Moldawier Mark Verlan, der die Randlage seines Landes ebenso konsequent kommentiert wie ironisch überspielt, der auf großformatigen, mit groben Brettern gerahmten Gemälden New York in den Fluten einer neuen Sintflut und das russische Reich im Feuer untergehen, lustvoll die mächtigen Länder der Erde auf fiktiven Karten schrumpfen und in politisch unliebsame Nachbarschaften rücken lässt, der Panzer, Traktoren und Pelzmützen aus glasiertem Ton fertigt, als seien es Reste einer untergegangenen Zeit, kurz: der etwas verschroben seine ganz eigene Welt erschafft.
Elisabeth Lebovici
Kritikerin der Tageszeitung "Liberation", Paris
1. Großes Lob gebührt dem gesamten Ausstellungsprogramm des Musee d'Art Moderne de la Ville de Paris (von Januar bis September 2003) sowie der Direktorin Suzanne Page und ihrem Team. Ausstellungen wie "Picabia", "Steve McQueen", "Tacita Dean" und "Bernard Frize" haben genügend Anlass zu Jubel gegeben.
2. Die Ausstellung "Tresors Publics" (im Sommer 2003 in Avignon, Arles, Straßburg und Nantes). Hier wurden Werke vereint, die normalerweise auf sehr spezielle französische Institutionen, den Fonds Regionaux d'art Contemporain (FRAC), verteilt sind. Ein Werk von Mario Merz umgeben von Arbeiten Gerhard Richters zu präsentieren wie 1982 auf der Documenta 7 - heute wirkt es nur noch wie ein langweiliges Trauerspiel!
3. Beatrice Cussol, 33. Die in Toulouse geborene Künstlerin setzt auf eine ungewöhnliche figu-rative Malerei in Aquarelltechnik. In ihren Werken ziehen sich weibliche Körper gegenseitig an und stoßen sich ab.
Holger Liebs
Kritiker der "Süddeutschen Zeitung", München
1."Partners", kuratiert von der Sammlerin Ydessa Hendeles im neu entkernten Haus der Kunst in München. Der Troost-Bau wieder im Ornat der späten dreißiger Jahre, aber Hendeles, Tochter von Auschwitz-Überlebenden, verleibt dem mächtigen Gehäuse mittels zeitgenössischer Kunst und prägenden Bildern des 20. Jahrhunderts ihre eigene, existentielle Lesart von Flucht, Verfolgung, Angst und Tod ein.
2.Die 50. Biennale in Venedig: was sonst. Hundstage der Kunst - nicht wegen der schier unerträglichen Hitze, sondern weil Francesco Bonami sich ohne Not seiner Kuratorenmacht entledigte und die Verantwortung für das große Stelldichein der Gegenwartskunst abseits der Länderpavillons einfach an Gastkuratoren in Mannschaftsstärke outgesourct hat. So entstand ein babylonisches Wirrwarr an Kunstsprachen, ein paar afrikanische Einsprengsel hier, wenige Tupfer Utopie dort: so aufdringlich und so flüchtig wie eine Parfümwolke im Sommer.
3. In diesem Jahr sah ich zum ersten Mal Arbeiten des amerikanischen Künstlers Mark Lombardi, der sich im Jahr 2000 48-jährig das Leben nahm. Er zeichnete Diagramme in ständig aktualisierten Versionen über politische Verwicklungen und Machtstrukturen, etwa über die geschäftlichen Beziehungen von George W. Bush mit den bin Ladens. Kurz vor seinem Tod war dieser Verschwörungskünstler von der New Yorker Mafia bedroht worden, über die er gerade recherchierte. Zum 11. September hätte Lombardi bestimmt viel zu sagen gehabt.
Kim Levin
Kritikerin der Zeitung "The Village Voice", New York
1. Matthew Barneys "Museum Extravaganza", das komplett von Köln nach Paris und New York umzog. Nicht etwa wegen seiner maßlosen Ambitionen, seiner groß-artigen Absurdität, seiner kalten Erscheinung oder seines anmaßenden Anspruchs, an die Stelle von Joseph Beuys zu treten. Sondern für den gesamten "Cremaster"-Filmzyklus, der auf methodische Weise die theatralischen Launen Hollywoods parodiert.
2. Die Biennale in Venedig: die größte, schlampigste und chaotischste Biennale, die je stattfand. Sie litt an visueller Anämie, an glanzlosen Installationen und einem Mangel an zentraler Kontrolle. Alle wichtigen Namen waren vertreten, aber die Arbeiten versanken überwiegend im Morast.
3.Kelly Heaton. Diese junge Künstlerin aus North Carolina häutete in ihrer ersten Ausstellung bei Ronald Feldman (New York) eine Herde von "Kitzel-mich-Elmo" - Puppen (Elmo ist eine Figur aus der Sesamstraße) um daraus einen kichernden, pelzähnlichen Mantel, Trophäenköpfe und einige unwahrscheinliche Videos zu machen.
Axel Hecht
Redakteur des Kunstmagazins art, Hamburg
1.Die Bilanzschau "Kunst in der DDR", veranstaltet von zwei Kuratoren der Neuen Nationalgalerie Berlin - weil hier 14 Jahre nach dem Fall der Mauer erstmals eine sensible (Be-)Wertung unter musealen Aspekten vorgelegt wurde. Ein Akt der Emanzipation, frei von jeder wohlfeilen Effekthascherei.
2.Francesco Bonamis Beitrag für die 50. Biennale in Venedig. Zwar hatte der Direktor der Jubiläumsausstellung versprochen, Kunst wieder als Metapher der Welt zu präsentieren - herauskam dann aber das übliche Potpourri. Dass Bonami die Ouvertüren-Schau am Eingang der Arsenale "Clandestini" (so werden in Italien illegale Einwanderer genannt) überschrieb, wirkte spätestens an dem Tag wie blanker Zynismus, als wieder ein Boot mit verdursteten Nordafrikanern an der italienischen Küste aufgebracht wurde.
3.Tim Eitel. Die kühle, scheinbar makellose Malerei des 32-jährigen Leonbergers spielt auf raffinierte Weise mit den Vorbildern der Fotografie und bleibt trotz einer offensichtlichen Eleganz nicht an der Oberfläche stecken.
Harald Fricke
Kritiker der "Tageszeitung", Berlin
1.2003 wurde Videokunst für out erklärt, weil es sich räumlich auf die "black box" beschränken und vom Zuschauer zu viel Zeit seiner Aufmerksamkeit beanspruchen würde. Gut, dass es gegen dieses Vorurteil die Retrospektive "What have I done?" von Douglas Gordon in der Londoner Hayward Gallery gab - perfekt und großflächig in Szene gesetzt waren die Projektionen, Fotos und Installationen für das Publikum ein Labyrinth aus Filmgeschichte, psychologischem Exzess und traumwandlerischer Entschleunigung.
2. Das Palais de Tokyo in Paris ist kein Laboratorium für Kunstproduzenten von Welt geworden, sondern ein Fashionstore, der sich als Museum gibt - ohne jede weitere Idee. Die Ausstellung "Hardcore" mit ihrer willkürlichen Aufreihung von Polit-Aktivismus und schlüpfrigem SM-Kitzel zeigte denn auch kaum mehr als den dumpfen Skandalwillen, mit dem uninspirierte Manager-Kuratoren derzeit um Besucherzahlen buhlen.
3.Dass die gern beschworene "Neue Malerei" besser sein kann als ein durch Medien aufgeplusterter Realis-mus sieht man in den Arbeiten von Friederike Feldmann. Genau recherchierte kunsthistorische Kontexte, Experimente mit Bildträgern aus Silikon und eine extrem pointierte Farbwahl sind bei der in Berlin lebenden Künstlerin das Maß für eine zeitgemäße Beschäftigung mit Malerei.
Bild(er):
Bild: Analyse einer traumatischen Situation: Carola Spadonis Film "Gott ist tot" als venezianischer Beitrag der Biennale 2003
Bild: Venezianisches Wunder: Installation "Fallender Garten" vom Künstlerduo Gerda Steiner/ Jörg Lenzlinger in der Kirche San Staï
Bild: Skulptur Giuseppe (Terrakotta) aus der Installation "Es war zweimal" von Sislej Xhafa
Bild: Lodernde Warnung: Feuerarbeit von Roger Hiorns vor der Tate Britain, 2003
Bild: Ansicht einer neuen Sintflut: Mark Verlains Gemälde "New York unter Wasser" (140 x 210 cm) aus dem Jahr 1994
Bild: Feminine Fantasie: Aquarell "Nummer 311" (50 x 65 cm, 2003) von Beatrice Cussol
Bild: Machtstrukturen im Diagramm: Arbeit von Mark Lombardi (140 x 326 cm) aus dem Jahr 1998
Bild: Mantelstück "Surrogat" von Kelly Heaton 2000/2003
Bild: Eleganter Fernblick: Tim Eitels "Plattform" (260 x 190 cm, 2003)
Bild: Silikon als Bildträger: Friederike Feldmanns "14" (70 x 80 cm, 2001)
