Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 10-15

Pixel und Stahl

Von Ralf Schlter

Aus dem Jugendzimmer ins Museum: Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte zeigt unter dem Titel Game Art Arbeiten zum Thema Computerspiele - in der grandiosen Kulisse der alten Schwerindustrie

Wer einen Roman liest, sitzt dabei in der Regel allein in seinem Zimmer; nicht anders ergeht es dem Benutzer von Computerspielen. Doch während das eine als wertvoll und fördernswert gilt, löst das andere Besorgnis aus: Eltern frösteln, wenn sie ihre Kindern vor Bildschirmen hocken sehen, auf denen es unablässig blitzt, zuckt und knallt. In dieser Kiste scheinen Dämonen zu wüten, die nur durch hundertfaches hektisches Abdrücken zu besiegen sind. Und es sind ja nicht nur Einzelne, die der Welt auf diese Weise abhanden kommen: Computerspiele verkaufen sich millionenfach und sind neben Musik, Fernsehen und Kino längst fester Bestandteil der Popkultur. Sich mit so wirkungsmächtigen Bildern auseinanderzusetzen - diese Aufgabe fällt geradezu zwingend in den Zuständigkeitsbereich der Bildenden Kunst. Die Ausstellung "Game Art" in der Völklinger Hütte versammelt nun Werke von 27 Künstlern, die sich im weitesten Sinne mit der Welt der Computerspiele beschäftigen. Meist arbeiten diese im gleichen Medium wie die Spieleproduzenten - es flimmert und flackert allerorten in der Gebläsehalle der 1881 erbauten Stahlhütte bei Saarbrücken. Die grandiose Kulisse der alten Maschinen eröffnet historische Bezüge: Vor 100 Jahren revolutionierten Dampfkraft und Elektrizität die Welt, heute sind es Datenströme.

Deutlich wird aber auch, dass die Kultur der Computerspiele ihren Andy Warhol noch nicht gefunden hat: Niemand in Sicht, der das Thema intuitiv so durchdringt, dass ihm ein eigenständiger ästhetischer Entwurf gelingt. Die Arbeiten der meisten Künstler sind von naiver Spiellust geprägt. Von Sylvie Fleurys riesenhaften Figuren bis zur Bildschirmskulptur des Schweizers Davix herrscht ungebremste Begeisterung. So ließe sich der legendäre Satz des Futuristen Marinetti abwandeln: Die populäre Spielheldin Lara Croft ist schöner als die Nike von Samothrake.

Ausstellung: bis 28. März 2004. Hauptsponsor: Sony. Katalog: 14,80 Euro. Internet: www.voelklinger-huette.org

Bild(er):

Bild: Süßes Monster: Styroporskulptur "Dog Toy 3 (Crazy Bird)" von Sylvie Fleury aus dem Jahr 2000

Bild: Hochleistungssport im luftleeren Raum: die Videoskulptur "T2000.03" (2003) des Schweizer Künstlers Davix zeigt einzelne Bewegungen in ständiger Wiederholung

Bild: Poesie der Hochöfen: 1986 wurde die Hütte stillgelegt, heute zählt sie zum UNESCO-Weltkulturerbe

Bild: In der riesigen Gebläsehalle wurde Wind erzeugt, um das Feuer in den Hochöfen anzufachen

Bild: Die Installation "Inside out" (1999) der Künstlerinnen Meike Schmidt und Carina Hübner gibt Einblicke: Der Besucher berührt ein Körperteil der Puppe, der Bildschirm gegenüber zeigt es von innen

Bild: Mit Fabrizio Plessi ist auch ein Altmeister der Videokunst vertreten: "L'Enigma degli Adii II" (2003) ("Das Rätsel des Abschieds II")