Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 80-81

Gar kein Idyll

Von Kia Vahland

AUSSTELLUNGEN IM JANUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / AHLEN: AUF DEN SPUREN MARC CHAGALLS / Das Kunst-Museum zeigt den frühen Chagall im Kreis seiner Kollegen

Es gibt keine Märchen in meinen Bildern, auch keine Fabeln oder Volkslegenden", wetterte Marc Chagall einmal in einem Interview. Der Protest hat ihm wenig genützt. Schon 1916 ernannte der Dichter Theodor Däubler den damals 29-Jährigen zum "Märchenprinzen" - und dieser sentimentale Ruf haftet dem Maler auch fast 20 Jahre nach seinem Tod noch an. Zu gemütvoll scheint Chagalls bunte Welt der fliegenden Liebespaare und tanzenden Häuser des Schtetl zu sein, der jiddischen Siedlungen Weißrusslands. So wurde aus Chagall ein millionenfach reproduzierter eskapistischer Traum, die beste ästhetische Ablenkung für Menschen in den Wartezimmern der Ärzte.

Nachdem bereits im Frühsommer eine Ausstellung im Pariser Grand Palais bemüht war, Chagalls weniger innovatives Spätwerk zu rehabilitieren, zeigt jetzt das Kunst-Museum Ahlen den einfallsreichen frühen Chagall im Wechselspiel mit 28 anderen jüdischen Künstlern. Zu sehen sind 35 Arbeiten Chagalls und 137 Werke seiner Kollegen aus den Jahren 1910 bis 1928. Es sind die prägenden Jahre, die Chagall zwischen Paris und Russland verbrachte. Gelernt hatte er sein Handwerk in Witebsk bei Jehuda Pen, einem der wenigen Juden, die trotz des Bilderverbotes ihrer Religion figürlich malten. Pen entwarf Alltagsszenen in Anlehnung an Ilja Repin. Chagall ging schnell seinen eigenen Weg, der ihn erst zu den jüdischen Stilllebenmalern nach Petersburg und dann ins Zentrum der Moderne führte, nach Paris. Als es ihn 1914 wieder nach Witebsk verschlug, hatte er all diese Anregungen in sein Werk integriert: die Volksnähe Pens, die Gegenständlichkeit der anderen Russen und die Expressivität und den formalen Wagemut der Pariser Avantgarde. Es entstehen Bilder wie das einer Öllampe im Spiegel. Beide Accessoires befinden sich noch heute im Wohnzimmer Chagalls, das für die Schau eigens nach Ahlen transportiert wird. Doch so real die Gegenstände sind, so surreal ist ihr Bild. Die lila Lampe steht gar nicht im gemalten Raum, sondern existiert nur als Spiegelbild. Womöglich zeigt das Gemälde den Traum der winzigen Figur, die auf der Tischkante eingeschlafen ist. Sie ist klein, Witebsk ist groß.

Gerade die Bilder um 1915 enttäuschen bei genauerem Hinsehen die Erwartung eines dörflichen Idylls. Zum Beispiel "Der Jude in Rot", den sein feuriger Bart farblich mit dem Schtetl hinter ihm verbindet. Heimatliebe? Wohl kaum. Auf Hebräisch wird im Bild Gottes Angebot aus der Genesis eingeklagt: "Ziehe hinweg aus deinem Lande, von deiner Verwandtschaft und aus dem Hause deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde." So sarkastisch konnte der "Märchenprinz" sein.

Als nach der Revolution 1918 Juden rechtlich gleichgestellt wurden, schöpfte Chagall Hoffnung, blieb im Land und holte als sowjetischer Kunstkommissar jüdische Kollegen wie El Lissitzky an die Kunstschule von Witebsk. Ahlen zeigt dessen kaum bekannte Lithografien mit jiddischen Motiven, die sich eng an Chagall orientieren. Doch dann wandte sich Lissitzky dem Konstruktivismus zu und verhöhnte Chagalls Bildwelt als "gepuderten Rokoko". Daraufhin verließ der Maler die Stadt. Bei allem Einfluss der Kollegen blieb Marc Chagall ein Einzelgänger.

Termin: bis 29. Februar. Katalog: 29 Euro. Internet: www.ahlen.de/kunstmuseum

Bild(er):

Bild: Chagall: "Der Spiegel" (1915, 100 x 81 cm)

Bild: In Lithografien zu einem jüdischen Lied griff El Lissitzky noch 1919 Motive seines Förderers Chagall auf (unten: aus "Had Gadya"). Direktes Vorbild dieser Grafik war Chagalls Gemälde "Der Jude in Rot" von 1915 (oben, 100 x 81 cm)