Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 84
Die Unschuld der Teddybären, das Grauen im Saloon
Von Ralf Schlter
AUSSTELLUNGEN IM JANUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / MÜNCHEN: PARTNERS / art-Redakteur Ralf Schlüter, 35, über die Kunst der Ydessa Hendeles, die Geschichte des 20. Jahrhunderts noch einmal neu zu erzählen
Ausgerechnet das Haus der Kunst. Hier, wo die Nazis 1937 der Welt ihre Vorstellung von arischer Schöpferkraft präsentierten, zeigt die kanadische Sammlerin Ydessa Hendeles (art 11/2003) ihre Kollektion zum ersten Mal außerhalb von Toronto. Die in Deutschland geborene Tochter jüdischer Holocaust-Überlebender richtet die Ausstellung selbst ein. Und wählt kein Schlagwort wie "Brüche", was nahe liegend gewesen wäre. Der Titel "Partners" ist schon die erste Überraschung - ein Hinweis darauf, dass Hendeles vieles anders macht als andere.
Deutschland und Amerika sind die beiden Pole, zwischen denen diese visuelle Erzählung entwickelt wird. Im großen mittleren Raum, um den sich alle anderen gruppieren, hängt nur eine einzige Arbeit: Hanne Darbovens Serie "Ansichten 82". Zu sehen sind auf 53 Tafeln neben Notaten der Künstlerin ein reproduziertes Gemälde von einem Schiff der Hamburg-Amerika-Linie und das historische Foto eines unbekannten Matrosen.
Das Schiffsmotiv klingt nicht zufällig an so zentraler Stelle an. Die Grundbewegung dieser Ausstellung ist auch die von Hendeles' Leben: Vom alten Europa, das in Krieg und Faschismus versinkt, geht die Reise in die Neue Welt, wo Hoffnung ist. Doch dieses Schwarzweißbild verschwimmt schnell: Fortschrittsträume, Größenwahn und Grausamkeit bestimmten das 20. Jahrhundert auf beiden Seiten des Atlantiks - deswegen "Partners". Hendeles' historische Expedition führt von der Reichshauptstadt Berlin in den Dschungel von Vietnam, ohne dass Unterschiede nivelliert oder falsche Parallelen gezogen würden. Die Verbindungen ergeben sich nicht aus Thesen, sondern aus den Bildern - dokumentarischen und solchen von Künstlern. Ein anderes Schiff, diesmal in der Luft: der deutsche Zeppelin "Hindenburg". Wiederum ein ganzer Raum voller Dokumentar-Aufnahmen - der Blick von oben auf München, Berlin, Barcelona, New York. Haarklein dokumentiert ist das katastrophale Ende dieses Technik-Märchens: 1937 fängt das Schiff nach einem Atlantikflug an der Landestelle in Lakehurst, New Jersey, Feuer. Die Flammen verzehren auch das außen angebrachte Hakenkreuz. Dieser Aufbruch endet in Havarie.
Ydessa Hendeles geht äußerst sparsam mit ihren Schätzen um: Nur 23 Werke und Werkblöcke zeigt sie in den hohen Räumen. Nichts wirkt herausgeputzt, kein Sammlerstolz ist spürbar. Die Wirkung der Bilder ist umso nachhaltiger. Es ist, als gehe man durch ein Spiegelkabinett: Einzelne Arbeiten lassen bestimmte Aspekte an anderen überhaupt erst hervortreten, und die Reihe der Rückkopplungen und Assoziationen scheint endlos.
Den vielleicht beeindruckendsten Block bilden mehr als 3000 alte Fotos, auf denen Menschen mit Teddybären posieren: Kinder meist, aber auch Basketballmannschaften, Schachspieler, Handwerkerkolonnen, Familien. Die Bilder erzählen von Unschuld oder dem Wunsch danach; der Teddy wird zum Maskottchen oder auch zum Schutzengelersatz. Im nächsten Raum kniet nur eine Figur am Boden: Maurizio Cattelans Hitler-Skulptur "Him", kaum größer als ein Stofftier - plötzlich erscheint der Diktator als finsterer Teddybär und großer symbolischer Beschützer des deutschen Volks.
An Spielzeuge erinnern auch die grotesken Riesenfiguren, die Paul McCarthy in seiner lärmigen Installation "Saloon" aufgestellt hat: obszöne Gestalten mit entblößten Unterleibern - ein Schlaglicht auf die verdorbene, gewalttätige Seite Amerikas. Das gleiche Thema wird dann an anderer Stelle noch einmal variiert: Eine Blechfigur aus den zwanziger Jahren zeigt Walt Disneys Minnie Mouse, die den Kater Felix in zwei Käfigen trägt. Ein Kinderprodukt, das vom Eingesperrtsein erzählt - die Gleichzeitigkeit von Niedlichkeit und Brutalität begegnet dem Betrachter immer wieder.
So verweben sich Geschichte und Geschichten zu einem immer komplexeren Bild, und der Besucher verlässt das Haus der Kunst mit dem Gefühl, in den letzten Jahren nichts vergleichbar Beeindruckendes und Gelungenes gesehen zu haben.
Termin: bis 15. Februar. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König Köln, 38 Euro. Internet: www.hausderkunst.de
Bild(er):
Bild: Shirley Temple mit Beschützer: Foto aus dem "Teddy Bear Project"
Bild: USA vulgär: Paul McCarthys "Saloon" (1996)
