Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 115
Leidenschaftlich
Von
Marcel Duchamp prophezeite ihr eine große Karriere: "Sie ist keine Futuristin, sie ist die Zukunft." Und nicht nur der Künstler-Guru der Moderne fand Elsa von Freytag-Loringhoven (1874 bis 1927) äußerst inspirierend. Als Verfasserin erotischer Gedichte sorgte sie für Furore; bekannt aber war sie vor allem für ihre exzentrischen Auftritte in Künstlerkreisen.
"Sie rasierte sich den Kopf und lackierte ihren Schädel zinnoberrot. Dann stahl sie den Papierflor von der Tür eines Trauerhauses und machte sich daraus ein Kleid." So berichtet die Literaturhistorikerin Irene Gammel in ihrer Biografie dieser ungewöhnlichen Frau, die überall dabei war und die Duchamps Erwartungen dennoch nie erfüllen konnte.
In den Annalen jener wilden Jahre zwischen Jugendstil und Dada erscheint die Baroness nur als Randfigur - flüchtig bewundert, nie ernsthaft geliebt. Sie ist die Protagonistin vergessener Romane, das Modell künstlerisch zweitrangiger Porträts. Sie wird vom jungen Ernest Hemingway gefördert - ein wenig, von Ezra Pound gelobt - zögernd, von Man Ray fotografiert - auch mal, von Peggy Guggenheim finanziell unterstützt - spärlich. In ihren letzten Lebensjahren hat sich immerhin die Schriftstellerin Djuna Barnes um die Veröffentlichung der Gedichte und einer Biografie der Baroness gekümmert, wenn auch eher nachlässig und schließlich erfolglos.
Tragisch wie die doppelte Außenseiterrolle - von der bürgerlichen Gesellschaft verachtet, von den dagegen rebellierenden männlichen Künstlern der Zeit mehr mit- als ernst genommen - sind auch ihre Versuche gescheitert, im Privatleben Halt zu finden. Von unzählige Geliebten und drei Ehemännern wurde sie verlassen. Im Alter von 53 Jahren starb sie an einer Gasvergiftung in ihrer Pariser Wohnung. Bis heute ist ungeklärt, ob es ein Selbstmord war, oder ob ein Geliebter vergaß, den Hahn zuzudrehen.
Dass diese Biografie überhaupt zustande kam, ist eine archäologische Meisterleistung. Denn die Informationen über Leben und Werk der 1874 als Else Hildegard Plötz in Swinemünde geborenen Künstlerin sind in unzähligen Archiven von Berlin, Paris und New York begraben.
Ihre umfangreiche Korrespondenz ist unvollständig und verstreut aufbewahrt, ihr künstlerischer Nachlass meist in kaum bekannten Privatsammlungen versteckt. Irene Gammel hat daraus dennoch ein es, narzisstisches und tragisches Leben rekonstruiert. Ihr Buch erzählt die Geschichte jener Jahre noch einmal - vom Rand her.
Irene Gammel: Die Dada Baroness. Das wilde Leben der Elsa von Freytag-Loringhoven. Edition Ebersbach, Berlin. 264 S. mit 100 zum Teil farbigen Abb. 34 Euro
Bild(er):
Bild: Foto
