Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 115

Gebändigte Fülle

Von

BUCH DES MONATS

Die Sache ist fast tragisch", so erklärte Max Ernst 1970 einem "Spiegel"-Redakteur. "Jedesmal wenn ich den Pinsel in die Hand nehme, kommt jemand und sagt: Du musst mir ein Buch illustrieren. Das nimmt jedesmal ein paar Wochen oder Monate in Anspruch und ich sage mir: Um Gottes willen, ich könnte jetzt ein wunderschönes Bild malen."

So ganz ernst dürfte der Meister diese Klage wohl nicht gemeint haben. Denn der Surrealist aus dem rheinischen Brühl (1891 bis 1976) zählt eben nicht nur zu den ganz großen Malern des vergangenen Jahrhunderts sondern war auch ein unglaublich erfindungsreicher Grafiker und Illustrator. Davon zeugt die Sammlung des Arztes Peter Schneppenheim, die ab Ende 2004 im Brühler Max Ernst-Museum zu bewundern sein wird. Ein Bestandskatalog der einzigartigen Kollektion liegt jetzt vor: Aufgeführt sind weit über 200 Einzelblätter, darunter selten publizierte

späte Lithografien und Radierungen von 1975, umfangreiche Mappenwerke, die berühmten Collageromane sowie etliche illustrierte Bücher. Herausgegeben hat das Buch Jürgen Pech, ein ausgewiesener Ernst-Kenner. Mit einer klaren grafischen

und inhaltlichen Gliederung ist es ihm gelungen, die ungeheure Menge und immense Vielfalt der Arbeiten übersichtlich zu präsentieren. In kompakten Beiträgen, die den Bildabschnitten vorangestellt sind, bringt Pech jeweils grafische Werke eines Jahres mit den persönlichen Lebensumständen des Künstlers und dem zeitgeschichtlichen Geschehen in Verbindung. Wobei er sich angesichts der Materialfülle auf wenige, klug gewählte Schwerpunkte beschränkt. Langatmige kunsthistorische Erörterungen bleiben der Leserschaft erspart. Der Augenschmaus, der Genuss der grafischen Welten des Max Ernst, steht an erster Stelle.

Max Ernst. Graphische Welten. Die Sammlung Schneppenheim. Hrsg. Kreissparkasse Köln. Konzept, Text und Gestaltung: Jürgen Pech. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln. 456 S., ca. 800 Abb. 80 Euro

Bild(er):

Bild: Max Ernst: "Ein Mond ist guter Dinge", Serigrafie von 1970, 55 x 46 cm