Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 114
Wiener Koexistenz
Von
Donnerstags kam Gustav Klimt zum Essen, so erzählt Erich Lederer, ein Sohn des Sammlerehepaars Serena und August Lederer, aus seiner Kindheit. Freundschaftliche Be-ziehungen zwischen Künstlern und Mäzenen waren in Wien um 1900 keine Ausnahme. Auch Egon Schiele oder Oskar Kokoschka, die den Aufbruch der Metropole wesentlich mitbestimmten, konnten mit ihren Sammlern nicht nur in finanzieller, sondern auch in freundschaftlicher Hinsicht rechnen. Ihre Weggefährten begeisterten sich zu einem Zeitpunkt für ihre künstlerische Arbeit, als es an breiter Anerkennung noch fehlte. So argumentiert der frühe Schiele-Sammler Alfred Spitzer: "Man muss den zeitgenössischen Künstlern helfen, die alten Meister sind schon verhungert."
Aus der Einsicht heraus, dass Kunstgeschichte auch Kulturgeschichte ist, hat der Wiener Autor und Kunsthistoriker Tobias G. Natter begonnen, das bisher eher vernachlässigte Material über diese Gemeinschaft von Künstlern und Sammlern aufzuarbeiten, und es in einem spannenden Band zusammengefasst. Eine Koexistenz, die mit dem Vormarsch des Nationalsozialismus jäh endete.
Viele der kunstsinnigen und vermögenden Mäzene, darunter die Familien Wittgenstein, Bloch-Bauer oder Rieger gehörten jenem Wiener Großbürgertum an, das obwohl längst assimiliert, wegen seiner jüdischen Wurzeln ins Visier der Nationalsozialisten geriet. Ihre Sammlungen wurden enteignet, sie emigrierten oder wurden in Konzentrationslagern ermordet. Die neuen Eigentumsverhältnisse vieler inzwischen in die Kunstgeschichte eingegangenen Bilder, sind heute Gegenstand von Restitutionsverfahren.
Tobias G. Natter: Die Welt von Klimt, Schiele und Kokoschka. Ihre Sammler und Mäzene. DuMont Verlag, Köln. 300 S. mit 130 farbigen und 150 Duotone-Abb. 49,90 Euro
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