Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 92

Hauptsache anders als die Anderen

Von Kira Van Lil

AUSSTELLUNGEN IM MÄRZ - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / FRANKFURT/MAIN: MALEREI-AUSSTELLUNGEN / art-Redakteurin , 36, über die Rückkehr der Malerei in zwei Frankfurter Ausstellungen

Ein strahlender Sonntag, und die Frankfurter wissen nichts Besseres, als in den Kunstverein zu gehen. Unablässig strömen sie in die sonst höchs-tens zu Vernissagen belebten Räume am Römerberg, anscheinend wollen alle wissen, was das ist: "deutschemalereizweitausenddrei".

Und sie werden belohnt, jedenfalls mit Masse: Aktuelle Gemälde von über 60 Künstlern hängen dicht an dicht, teilweise sogar übereinander. Demonstrativ fehlen Shooting-Stars wie Neo Rauch, Daniel Richter und Franz Ackermann. Aber Neuentdeckungen sind rar. Vielmehr wird nun alles versammelt, was einzeln bereits anderswo zu sehen war. Die Auswahl von Nicolaus Schafhausen, Leiter des Frankfurter Kunstvereins, ist wenig persönlich, sie bezeugt vor allem diplomatisches Geschick - keiner der wichtigen Galeristen wurde durch Missachtung verprellt. Das vollmundige Unterfangen: in Watte gehüllt, um nicht anzuecken.

So auch die Präsentation - das Füllhorn wurde einfach ausgekippt, keine Leitlinien, kein Statement. Seht her, dies alles gibt es - und, o Wunder, jedes ist "Anders als die Anderen" (so der Titel eines Werks von Christian Flamm). In der Hängung regiert das einfache Prinzip des Kontrasts, formal wie motivisch. Mit Klaus Merkels kleinteiligen abstrakten Bildfriesen etwa haben Frank Bauers großformatige Szenen aus der Musikszene rein gar nichts zu tun. Seine Schnappschüsse von Discjockeys und Fans stehen in der Nachfolge des Fotorealismus der siebziger Jahre und wären mit Antje Majewskis Porträts von Jugendlichen in Moskauer Gefängnissen zu vergleichen. Die Berliner Malerin aber verwendet ein meisterliches Sfumato, das die Züge der Personen verwischt und sie ins Dunkel der Ungreifbarkeit entrückt. Einen solchen Bezug zwischen zwei Malern müsste der Betrachter über zwei Räume hinweg herstellen. Auf dem Parcours der Ausstellung aber hat er sich mit jedem Schritt auf eine entgegengesetzte Bildwelt einzustellen, die er in zwei, drei Werken nicht kennen lernen kann. Unvermeidlich: eine Konsumhaltung des Zappens.

Dabei ist das Spektrum denkbar groß. Deutlich in der Minderzahl sind abstrakte Werke wie die neokonstruktivistischen Kompositionen von Tomma Abts, aber auch konzeptuelle Positionen wie Tilo Schulz' Hommage an den Westernmaler Frederic Remington. Es überwiegen figurative Szenen: Tim Eitel zeigt in unterkühlter Malweise einsame Menschen in abweisender Umgebung. Auch in Hendrik Krawens Berlin-Ansichten bietet die Leere in trübem Grau oder Schwefelgelb einen beängstigenden Resonanzraum. Satte, locker zupackende Malerei zeigt Eberhard Havekost, während Silke Otto-Knapp zaghafte Aquarell-Landschaften tuscht.

Häufig gehen die jungen Maler von Fotos aus - so wird dieses Medium zum Hilfsmittel degradiert, nachdem es in den neunziger Jahren die Kunst beherrscht hatte. Nun vertrauen Künstler darauf, dass die malerische Umsetzung von Fotos den Bildern zu mehr Intensität verhilft. Das gelingt weniger den auftrumpfenden Großformaten als kleinen, stillen Werken mit privaten Themen. Gabi Hamm setzt Aufnahmen von jungen Frauen in delikate Gemälde um, die dem Betrachter Zeit und Interesse abfordern. Eva Schwab hat Fotoalben geplündert und Szenen von Babys und Kindern in Gemälde umgesetzt, die plötzlich anrührend neu erscheinen. Als Einzige darf die Frankfurter Künstlerin mit über 30 kleinformatigen Bildern einen ganzen Raum für sich einnehmen. Das hätte man manch anderem Künstler auch gewünscht.

Weitaus pointierter als im Kunstverein sind Auswahl und Präsentation einer zweiten Ausstellung nebenan in der Schirn. "Lieber Maler, male mir ..." war bereits in Paris und Wien zu sehen und wird von Alison M. Gingeras, Sabine Folie und Blazienka Perica verantwortet. Auch sie nehmen figurative Malerei ins Visier und stellen dabei zwölf junge Maler Klassikern wie Francis Picabia oder Alex Katz zur Seite. Sie alle beziehen sich kritisch auf die Tradition der Malerei, stellen ihre Mittel und Motive bewusst zur Diskussion. Die Stilvielfalt des Kölner Künstlers Kai Althoff etwa lässt sich an seinen beiden Gemälden im Kunstverein nicht zeigen. In der Schirn aber können seine Bilder einen Dialog mit den ironischen Werken des 1997 gestorbenen Chamäleons Martin Kippenberger eingehen, aber auch mit Sigmar Polkes technischer Meisterschaft und Bernard Buffets zur Schau getragener Sentimentalität.

So werden künstlerische Strategien offengelegt. Genau das aber verhindert die wenig beherzte, oberflächliche Bestandsaufnahme des Kunstvereins, und die Komplexität der Beiträge bleibt auf der Strecke.

Termin: Kunstverein, bis 13. April. Katalog: Verlag

Lukas & Sternberg, Berlin, 25 Euro (Buchhandel 29 Euro).

Internet: www.fkv.de. Termin: Schirn, bis 6. April. Katalog: 20 Euro. Internet: www.schirn-kunsthalle.de

Bild(er):

Bild: Intime Szene von Gabi Hamm: Gemälde ohne Titel von 2001 (45 x 54 cm)

Bild: Intime Szene von Gabi Hamm: Gemälde ohne Titel von 2001 (45 x 54 cm)