Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 117
Wie die Sixtina ohne Gemälde
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Auktion: Der Konzern Vivendi lässt die Kunst aus Ludwig Mies van der Rohes Seagram-Hochhaus versteigern
Welch fatale Auswirkungen die schlechte Wirtschaftslage auf die Kunst haben kann, zeigt sich in New York besonders deutlich. Dort hat das Medienunternehmen Vivendi Universal bestätigt, aus Finanznöten die Seagram-Sammlung veräußern zu wollen.
Die Kunstsammlung des Spirituosenkonzerns Seagram, den Vivendi vor zwei Jahren übernommen hatte, enthält Werke der Moderne unter anderem von Pablo Picasso, Joan Miro, Mark Rothko und Alfred Stieglitz. Sie war in den fünfziger und sechziger Jahren von Phyllis Lambert, Tochter des Seagram-Chefs Samuel Bronfman, für die neuen Geschäftsräume an der Park Avenue zusammengetragen worden.
Das von Ludwig Mies van der Rohe 1954 bis 1958 erbaute Seagram-Gebäude steht als richtungweisender Hochhausbau des "Internationalen Stils" heute unter Denkmalschutz. Nicht aber die darin beherbergten Kunstschätze. Dabei hängt das berühmteste Stück der Sammlung, Picassos Tapisserie "Der Dreispitz ", seit 44 Jahren im öffentlich zugänglichen Foyer des Nobelrestaurants "Four Seasons" im Erdgeschoss des Wolkenkratzers.
Der fast sieben Meter hohe Vorhang entstand 1919 für das gleichnamige Ballett von Sergej Diaghilew. Derzeit lässt die Firmenleitung von Vivendi die etwa 2500 Werke der Sammlung schätzen. Insider beziffern ihren Wert auf 15 Millionen Dollar.
Phyllis Lambert spricht angesichts des dohenden Ausverkaufs von einer "griechischen Tragödie". Architekturpapst Philip Johnson, der seinerzeit den Innenausbau des Seagram-Gebäudes leitete, sieht in den Werken einen "integralen Bestandteil der Architektur". Und Robert A. M. Stern, Direktor der Architekturfakultät der Yale-Universität, entrüstete sich in der "New York Times": "Es ist, als würde man die Deckengemälde aus der Sixtinischen Kapelle wegnehmen."
Vivendi Universal ist indes nicht das einzige Unternehmen, das in schlechten Zeiten seine Kunstsammlung zu Geld machen will. Bei Christie's in London wurden im Februar 356 Lose aus dem Hause des New Yorker Magazinmagnaten Malcolm Forbes angeboten. Schätzpreis seiner Sammlung viktorianischer Kunst: rund 21 Millionen Pfund (32,7 Millionen Euro).
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Bild: Pablo Picassos Tapisserie "Der Dreispitz" im Foyer des "Four Seasons"
