Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 115

Wohnbunker im Schwabenland

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Architektur: Giorgio Bottega und Henning Ehrhardt setzten ein Dreifamilienhaus als provozierenden Fremdkörper ins biedere Ludwigsburger Wohngebiet

Willibald Slavicek, Chef einer Werbeagentur, wollte in Ludwigsburg auf einem ererbten Grundstück bauen. Es sollte ein Dreifamilienhaus mit Flachdach werden. Doch gegen diesen Wunsch sträubten sich die Behörden der Kreisstadt bei Stuttgart beharrlich. Zwei Jahre lang wurde gestritten. Schließlich musste der Bauherr nachgeben und das hierorts vorgeschriebene geneigte Dach akzeptieren.

Doch die beauftragten jungen Stuttgarter Architekten Giorgio Bottega und Henning Ehrhardt wandelten den auferlegten Zwang fantasievoll um. Sie lösten sich radikal vom traditionellen Häusle-Vorbild und konstruierten aus schrägen und senkrechten Wänden einen monolithisch anmutenden Körper, eine stereometrische Großskulptur. Das scharfkantige plastische Volumen wirkt wie aus einem Block geschnitten. Fugenlos überzieht die Putzhaut Dach und Wände. Da ist kein Unterschied zwischen oben und unten. Alles homogen. Glatt. Minimalistisch. Und keine Dachrinne stört die Reinheit und Einheit der strengen kristallinen Form.

Zur Straße hin schirmt sich das für die Nachbarn so seltsame Haus am Hang fast hermetisch ab. Dunkel ist die Zone des tiefen Einschnitts auf Straßenniveau, wo die Autos parken. Dieser Hohlraum schützt mit seinem weit auskragenden Überstand auch die Eingänge zu den Wohnungen. Die wenigen Fenster mit ihren knappen Profilen erinnern an die Schieß-scharten eines Bunkers. Es gibt hier aber auch nichts Erfreuliches zu sehen und zu hören: nur spießiges Eigenheim-Durcheinander drumherum, verlottertes Gewerbe, viel Autoverkehr und der Lärm vom nahen Bahndamm.

Um so mehr öffnet sich das Haus nach hinten: Alle Geschosse der Gartenfassade sind verglast. Frei schweift der Blick über die Ludwigsburger Innenstadt. Die schönste Wohnung, eine Maisonette, hat sich der Bauherr vorbehalten. Ihm entwarfen die Architekten ein hochkomplexes Raumkunstwerk. Der Clou ist eine flache Decke im Dachgeschoss - was Willibald Slavicek das Vergnügen schafft, doch unter dem ersehnten Flachdach zu leben, während im dazugehörigen Geschoss darunter die steilen Schrägen des gekappten Walmdachs zu sehen sind.

Da das Dachgeschoss wie ein Haus im Haus gebaut ist, ergeben sich zwischen den beiden Ebenen dieser raffinierten Maisonette und der Dachterrasse reizvolle Blickbeziehungen - ein inszeniertes Schauspiel im Wortsinn. Sogar das Bad gerät zur Guckkasten-Bühne: Eine Glasscheibe, wie ein Bild in die Trennwand eingefügt, macht das Geschehen in der "Nasszone" sichtbar. Man zeigt eben alles, was zum Leben gehört.

So durchstoßen die Vertiefungen von Wandschränken oder die Nischen für Badewanne, Dusche und WC die Mauerschale des Dachgeschosses und hängen als sechs aparte Raumhöcker wie Kanzeln zwischen Innen- und Außenwand. Die grauen Böden aus flüssig vergossenem Epoxidharz glänzen so stark, dass sich sogar die stumpfen Sichtbetondecken und die schwarzen Holzeinbauten darin spiegeln. Ein Effekt, der die Helligkeit noch steigert. Wer durch diese bewusst leer gehaltenen Räume geht, spürt eine von japanischer Askese beeinflusste Materialität.

Wenn die Nachbarn wüssten, welche Offenheit im Inneren des nach außen so abweisenden Hauses herrscht, würden sie vermutlich noch schroffer reagieren. Denn "schwäbisch" vertraut ist hier überhaupt nichts. Urbane Weltläufigkeit von solcher Art ist für Ludwigsburg ein Novum.

Internet: www.be-arch.com

Bild(er):

Bild: Kein guter Platz für Gartenzwerge: Die Auffahrt wurde bereinigt wie das Schussfeld einer Festung

Bild: Zur Gartenseite hin öffnet sich der minimalistische Bau

Bild: In der Wohnung des Bauherrn inszenierten die Architekten ein Raum-Schauspiel. Sogar das Bad wird hier zur offenen Bühne