Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 121
Werkstatt eines Gottes
Von
BUCH DES MONATS
Wer ist dieser Maler? Ein "sterblicher Gott", wie der Kunstschriftsteller Giorgio Vasari um 1550 schrieb? Oder ein Naivling, der uns mit zwei verträumten Engelchen auf Kaffeebechern in den Kitsch trieb? Der Blick auf Raffaels Kunst ist heute verklärt durch den Mythos vom größten Genie aller Zeiten und verdüstert durch die Verachtung der Moderne für allzu harmonische Kompositionen. 1483 geboren, 1520 gestorben, hat der Mann aus Urbino einerseits von Leonardo da Vincis Formfindungen der Hochrenaissance profitiert, andererseits die von Michelangelo inspirierten Wendungen und Windungen manieristischer Kunst nicht mehr erlebt. Von Vasari zudem als sonniges Gemüt romantisiert, galt er Jahrhunderte lang als Inbegriff des Goldenen Zeitalters der Kunst, in dem der Mensch noch nicht zerrissen und die Malerei noch nicht schmerzhaft war. Das allerdings wird den Madonnen und Charakterköpfen, den dramatischen Grablegungsszenen und hochintellektuellen Freskenzyklen so wenig gerecht wie der Vorwurf der Süßlichkeit. Nun endlich ist mit Pierluigi De Vecchis Band eine aktuelle Monografie erschienen, die von Fakten statt Fiktionen lebt. Anstatt nur auf die Verzauberung durch das fertige Werk zu setzen, führt sie den Leser in die Werkstatt und lässt ihn mit Zeichnungen und Entwürfen an den Mühen des Malprozesses teilhaben. Manchmal wünscht man sich mehr Details zum Umfeld des Künstlers, zu seinen Auftrag- und Ideengebern, zu Schülern und Konkurrenten. Der Techniker maß sich sein Leben lang an Kollegen, deren Werke viele seiner Kompositionen im Vergleich erklären könnten. Doch der Anfang für einen so nüchternen wie neugierigen Blick auf Raffael ist mit diesem Buch gemacht.
Bild(er):
Bild: Raffael: Agnolo Doni und Maddalena Strozzi Doni, um 1506
Bild: Pierluigi De Vecchi: Raffael. Hirmer Verlag, München. 384 S., 324 Abb., davon 280 in Farbe. 125 Euro
