Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 120

Freud in Schwarz

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Dass Robert Longo seinen Kohlezeichnungen eine geradezu körperliche Wirkung verleihen kann, ist sicher auch dem überlebensgroßen Format zuzuschreiben - die "Freud Drawings" messen bis zu 2,44 Meter in der Höhe. So kann sich das tiefe Schwarz in dichten Flächen ausbreiten.

Die 28 Zeichnungen des 50-jährigen Amerikaners zeigen die Wohn- und Praxisräume Sigmund Freuds in Wien, wie sie der Fotograf Edmund En-gelman 1938 wenige Tage vor der Emigration des damals 82-jährigen österreichischen Psychoanalytikers noch aufnehmen konnte - ohne Blitz oder zusätzliche Beleuchtung, denn das Haus stand unter Beobachtung der Gestapo. So versinken weite Teile des Raums im Unbestimmten.

Longo macht Leere und Abwesenheit zum Thema: Freud kehrte nicht mehr nach Wien zurück, und mehr als die Hälfte der Bewohner des Hauses kam unter den Nationalsozialisten um. Die erkennbaren Gegenstände lädt der Künstler geheimnisvoll auf, oft lässt er sie in metallisch glänzenden Oberflächen erstrahlen. Fast wesenhaft wirkt vor allem der eigens für Freud angefertigte Schreibtischsessel aus Leder, der in Abwesenheit seines Besitzers selbst menschliche Züge annimmt.

Werner Spies reiht in seinem Katalogbeitrag Longos "Freud Drawings" unter die Geschichtsbilder des 20. Jahrhunderts ein und vergleicht sie mit Gerhard Richters Zyklus zum 18. Oktober 1977 - auch seine Gemälde beschränken sich auf Schwarzweiß, auch sie sind nach historischen Fotos entstanden. Leider ist Robert Longos in den letzten beiden Jahren entstandener Zyklus bereits auf mehrere Besitzer verteilt. Geschlossen ist er nur in der Ausstellung zur Wiedereröffnung der Wiener Albertina zu sehen (14. März bis 8. Juni) - und im sorgfältig gedruckten Katalog.

Robert Longo: The Freud Drawings.

Kerber Verlag, Bielefeld. 122 S. deutsch/ englisch. 48 Euro

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