Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 113

"Die haben da voll draufgehauen"

Von

Museumspädagogik: Im Fridericianum von Kassel erklären Kinder Kindern die schwierige Kunst des 20. Jahrhunderts - viel prägnanter als die Damen vom Führungsdienst

Es begann mit Marcel Duchamp, sagt Jelena. Der habe ein Fahrrad-Rad auf einen Hocker geschraubt und behauptet: Das ist Kunst. Später sei daraus dann Fluxus entstanden.

Ein bisschen Theorie muss sein. Doch bevor die ersten Beine vor Langeweile schlenkern, geht das Kunstabenteuer auch schon los. "Kommt mit!", ruft Jelena so gar nicht museumspädagogisch-betulich und stürmt voran. Ein Dutzend Kinder hinterher.

Dieter Roths Landschaften aus Schokolade werden bestaunt, Wolf Vostells Video - aufgenommen von einem Leithammel mit Kamera auf dem Kopf - belacht. Von den Eskapaden eines Duchamp, "der mit dem Fahrrad", eines Joseph Beuys, "der mit dem Hut", wird erzählt. Und auch von dem bedeutsamen Konzert im Jahr 1962, in dessen Verlauf Fluxus-Künstler einen Konzertflügel zerstört haben: "Die haben da voll drauf gehauen." Aufmerksames Staunen. Jelena erklärt: "Es ging denen auch so'n biss-chen darum zu schocken."

"Flux for Kids" heißt das Experiment der Kunsthalle Fridericianum in Kassel: Zwei 13 und 14 Jahre alte Mädchen führen durch die Ausstellung "Fluxus in Deutschland 1962- 1994". Für Kunsthallen-Direktor Rene Block hatte sich die Idee der Kinderführungen diesmal direkt angeboten: Der Fluxus-Künstler Arthur Köp-cke, erzählt Block, hatte schon Anfang der sechziger Jahre seine Arbeiten in einer Ausstellung extra für Kinder besonders niedrig gehängt. Und auch Klangzauberer Joe Jones habe eine Rezeption durch Kinder wertgeschätzt. In Kassel sind dessen filigrane Musikmaschinen bei den Kids mit Abstand die Nummer eins. In einem weiteren Raum mit Geräuschen dominiert deutlich eine einzige Farbe. "Für Henning Christiansen war Musik grün", erklärt Jelena. Das ist Synästhesie. Aber wie einen solchen Begriff definieren? Mit Leichtigkeit schüttelt Jelena eine Erklärung aus dem Ärmel, die das Publikum auf Anhieb überzeugt: "Also das ist so, mein Matheheft hatte früher einen blauen Umschlag. Seitdem verbinde ich mit Mathe die Farbe Blau. Das geht euch doch auch so, oder?" Na, klar.

Termine: "Eine lange Geschichte mit vielen Knoten. Fluxus in Deutschland 1962- 1994", Kunsthalle Fridericianum, Kassel, bis 16. März. "Flux for Kids" am 9. März, 14 Uhr. Eintritt bis 15 Jahre frei

Bild(er):

Bild: Bei Fluxus geht es um die größten Fragen: "Ich glaube an die Reinkarnation. Ich möchte in meinem nächsten Leben ein Frosch sein. Wooster Street Zeichen" heißt Nam June Paiks Installation aus dem Jahr 1993

Bild: Und wie man sich als Frosch fühlt, klärt man gleich im Selbstversuch