Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 111

Luftschlösser für Ground Zero

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Architektur: Die mit großem Pomp inszenierte Debatte um den Wiederaufbau des World Trade Centers wird nichts entscheiden - was hier entstehen wird, bestimmt der Markt

Ein großer Moment für die Architektur oder reine Augenwischerei? Das fragen sich derzeit viele bei der Betrachtung der futuristischen Modelle für das Areal des World Trade Center. Nach anfänglichen Vorwürfen, dass der Planungsprozess zu provinziell und ohne Bürgerbeteiligung ablaufe, hatte die New Yorker Kommission für den Wiederaufbau am "Ground Zero" eine Reihe namhafter Architekten beauftragt, darunter Sir Norman Foster, Daniel Libeskind und Richard Meier. Die Ergebnisse, neun spektakuläre Entwürfe mit Gedenkstätten, schwebenden Gärten und gläsernen Hochhausspiralen, wurden im Wintergarten des World Financial Center und auf einer eigenen Internetseite (www.renewnyc.com) vorgestellt. Die Planungskommission ermunterte die Bevölkerung zur Abgabe von Kommentaren. Es gab Symposien, Fernsehdiskussionen und Zeitungsumfragen. Sir Norman Fosters kristallines Hochhauspaar mit einer klimakontrollierenden, gläsernen Hülle und Parkanlagen in schwindelnder Höhe entwickelte sich schnell zum Publikumsliebling. Die Auswahlkommission favorisierte in einer Vorentscheidung dennoch zwei andere Entwürfe: Libeskinds Plan mit einer 23 Meter unter der Erde liegenden Gedenkstätte in der Baugrube des World-Trade-Center-Komplexes und den Entwurf des Architektenteams THINK, der filigrane Stahlskeletttürme auf den Grundmauern der Twintowers vorsieht, in denen schwebende Museen und Gärten verankert werden sollen.

Der Haken an New Yorks großer Architektur-Olympiade: Vermutlich wird keiner der hochgepriesenen Entwürfe jemals realisiert. Die Planungskommission hat nicht die Mittel, auf der Unglücksstelle ein neues Metropolis zu errichten. Der öffentlichkeitswirksame Wettbewerb dient lediglich zur Entwicklung eines groben Flächennutzungsplans. Wie die Neubauten schließlich aussehen und welche Funktion sie haben werden, wird letztlich vom Markt, also von privaten Investoren entschieden. Und wer die Baukosten trägt, wählt auch den Architekten aus. Die Design-Visionäre geben sich dennoch nicht geschlagen. Eine Gruppe spanischer und amerikanischer Architekten präsentierte erst kürzlich eine unverwirklichte Idee von Antoni Gaudi (1852 bis 1926) für dieses Grundstück. Der Jugendstil-Visionär plante 1908 einen gigantischen Hotelkomplex für Downtown New York im Stil seiner Kirche "La Sagrada Familia" in Barcelona. Der Entwurf ließe sich ideal als Gedenkstätte für die Opfer umfunktionieren, argumentieren die Achitekten, und sei gleichzeitig ein "erstklassiges Beispiel für posthume Architektur".

Bild(er):

Bild: Den Entwurf von Daniel Libeskind (1) dominiert ein 541 Meter hoher Wolkenkratzer. Die Gebäude gruppieren sich um die Baugrube der am 11. September 2001 zerstörten Zwillingstürme, wo eine Gedenkstätte entstehen soll. Ebenso noch im Rennen: das Projekt eines "Welt-Kultur-Zentrums" (2) von THINK (Shigeru Ban, Frederic Schwartz, Ken Smith und Rafael Vinoly). Bereits ausgeschieden: Die Entwürfe von Publikumsliebling Sir Norman Foster (3) und von Richard Meier (4). Bild 5: Antoni Gaudis Jugendstilvision für ein Hochhaus in Manhattan aus dem Jahr 1908