Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 93
Kassandrarufe
Von Andrea Weisbrod
AUSSTELLUNGEN IM MÄRZ - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / PARIS: "CE QUI ARRIVE" / In der Fondation Cartier inszeniert der Philosoph Paul Virilio Katastrophen auf Kosten der Kunst
Spektakuläre Unfälle und große Katastrophen beschäftigen Paul Virilio seit Jahren. Der Franzose ist ein vielbeachteter Vordenker, der unter anderem Catherine David für ihre Documenta 10 mit theoretischem Rüstzeug ausstattete. Die These, dass Katastrophen stetig in Umfang und Auswirkung zunehmen, bringt er in unmittelbaren Zusammenhang mit der Globalisierung. Je mehr die Welt zusammenwachse, desto größer würden die daraus resultierenden Katastrophen. Mehr Fortschritt sei also nur um den Preis eines stetig wachsenden Risikos zu haben. Nun illustriert Virilio seine philosophischen Reflexionen mit Arbeiten von 17 Künstlern in der Fondation Cartier.
Allerdings ist Betroffenheit nicht unbedingt die beste Muse. Die tendenziöse Ausstellung verkürzt die Kunst zum Zeitdokument. In einem rauschhaft inszenierten Sammelsurium der Katastrophen mischt Virilio von Erdbeben-Dokumentationen bis zu den explodierenden Twin-Towers in Video-Arbeiten von Jonas Mekas und Wolfgang Staehle alles zu einem düsteren Sinnbild der Gegenwart. Ausschnitte aus Nachrichtensendungen stehen dabei neben Arbeiten von Künstlern wie Aernout Mik, dessen Video-Installation "Middleman" Börsenmakler nach dem großen Crash zeigt.
Im Zentrum der Ausstellung orakelt der Meister selbst. "Unknown Quantity", ein Film von Andrei Ujica, zeigt Virilio im Gespräch mit der Journalistin Svetlana Alexievitch über Tschernobyl, die "erste Superkatastrophe des 20. Jahrhunderts". Von oben sieht man auf die Diskutierenden im dunklen Raum herab - gleich einem Blick in die Kristallkugel.
Man mag Virilio die eitle Selbstdarstellung und das Pathos seiner Inszenierung nachsehen. Aber wie er die Kunstwerke unter seine Idee zwingt, ist unverzeihlich. Selbst vielschichtige Skulpturen wie Nancy Rubins' "Airplane Parts" lassen hier nur an Flugzeugkatastrophen denken. Dass die Teile keinerlei Unfallspuren aufweisen, würde auch eine andere Lesart zulassen. Doch Paul Virilio hat der Kunst gründlich die Flügel gestutzt.
Termin: bis 30. März. Katalog: 45 Euro. Internet: www.fondation.cartier.fr
Bild(er):
Bild: "MoMA & Airplane Parts" vom Schrottplatz - monumentale Komposition von Nancy Rubins, 1995
