Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 93
Wunderkammer
Von Tim Sommer
AUSSTELLUNGEN IM MÄRZ - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / HANNOVER: SCIENCE + FICTION / Das Sprengel Museum bringt Kunst und Wissenschaft zusammen
Das19. Jahrhundert kannte noch Ordnung. An der linken Ecke vom Neorenaissance-Palast des Niedersächsischen Landesmuseums von Hannover steht "Kunst", an der rechten "Wissenschaft", der Abstand ist so groß wie irgend möglich gewählt. Gleich nebenan im Sprengel Museum sind nun die alten Pole des Erkenntnisstrebens zeitgeistkonform kurzgeschlossen worden: In der von der VolkswagenStiftung finanzierten Schau "Science + Fiction" sollen fünf Auftragswerke von Christoph Keller, Atelier van Lieshout, Christa Sommerer & Laurent Mignonneau, Christiane Dellbrügge & Ralf de Moll und des Künstlerduos M + M wissenschaftliche Ergebnisse "künstlerisch übersetzen und kommentieren". Es wird eine "moderne des Wissens und der Kunst" versprochen. Wir sind gewarnt.
Der Besucher fällt in eine "Framework" genannte Vorschule aktueller Wissenschaftsdebatten: Globalisierung, Nanotechnologie, künstliche Intelligenz ... Alles häppchenweise aufbereitet, kaum vertieft. Aber man hat zu tun: Schubladen aufziehen, um zu sehen, wohin die Mikroskopie bis heute vorgedrungen ist, ein Hirn in Formalin betrachten, schauen, wie sich der Comic die Welt von morgen dachte. Dass der erste Deutsche im All hier im Wissensteil "Siegfried" Jähn heißt, statt Sigmund - naja. Und die Kunst? Zwei Beispiele: Chris-toph Keller lieferte einen verspiegelten VW-Campingbus, in dem ethnologische Filme laufen. Die Erklärung des Künstlers: Wohin die Expedition auch geht, sie spiegelt wider, was dort geschieht. Am "Hirnpavillon" des Ateliers van Lieshout kann man außen lesen, was die Wissenschaft über Neuronen und Transmitter herausgefunden hat. Wie es wirklich zugeht im Künstlerhirn, sieht man gezeichnet drinnen: Sex, Gewalt, Geld - darum drehen sich die Gedanken. Wissenschaft als Infotainment, Kunst als Illustration. In ihren spannungslosen Light-Varianten haben sich beide nichts zu sagen. Science + Fiction: ein Kurzschluss ohne Funken.
Termine: bis 9. März. ZKM, Karlsruhe: 12. April bis 17. August. Deutsches Hygiene-Museum, Dresden: 21. Januar bis 18. April 2004. Katalog: Jovis Verlag, Berlin, 7,95 Euro; Begleitbuch 19,80 Euro. Internet: www.scienceandfiction.de
Bild(er):
Bild: Forschung außen, Triebleben innen: "Hirnpavillon" von Atelier van Lieshout
