Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 109

"Traumhaft schlitzohrig"

Von

Kunstraub: Die Londoner Tate hat ihre gestohlenen Turner-Bilder wieder - und zusätzlich Profit gemacht

Wiedersehensfreude mit William Turner in London, gespanntes Warten auf Caspar David Friedrich in Hamburg. Geldsegen in der Tate Gallery, banger Blick in die Kassen bei der Kunsthalle. So gespalten präsentiert sich die Lage, da der spektakulärste Kunstraub des letzten Jahrzehnts in Deutschland wohl kurz vor der Aufklärung steht.

In einer Julinacht 1994 hatten Diebe zwei späte Meisterwerke des englischen Romantikers William Turner, "Licht und Farbe - Der Morgen nach der Sintflut" und "Schatten und Dunkelheit - Der Abend der Sintflut", aus der Frankfurter Schirn Kunsthalle entwendet - Leihgaben der Tate für die Schau "Goethe und die Kunst". Ebenfalls gestohlen wurde das der Hamburger Kunsthalle gehörende Bild "Nebelschwaden" von Caspar David Friedrich.

Die beiden Diebe und ihr Fahrer wurden schon bald verhaftet und später zu Gefängnisstrafen verurteilt. Über ihre Hintermänner schweigen sie bis heute. Nach der Beute wurde jahrelang erfolglos gefahndet, dann gab es Kontakt zu Mittelsmännern. Die zähen Verhandlungen führten hauptsächlich Jurek Rocoszynski und Michael Lawrence, zwei ehemalige Londoner Polizei-offiziere. Treffpunkte waren "trostlose Büros" in Deutschland, wie Sandy Nairne von der Tate Gallery erklärt.

"Schatten und Dunkelheit" tauchte zuerst auf. Schon seit dem 19. Juli 2000 befindet sich das Gemälde wieder im Besitz der Tate. Doch man hielt die gute Nachricht geheim, "um die Suche nach den beiden anderen Werken nicht zu gefährden", so Nairne. Am 18. Dezember letzten Jahres wurde dann "Licht und Farbe" zurückgegeben. Auch dieses Werk hat Deutschland wohl nie verlassen. Das Pokern um Friedrichs Gemälde dauert weiter an. Was die finanziellen Transaktionen angeht, hält sich die Tate bedeckt. Sicher ist, dass im April 1995 die Versicherungssumme für die beiden englischen Bilder in Höhe von 24 Millionen Pfund voll ausbezahlt wurde. Gut angelegt wuchs der Betrag im Lauf der Jahre mit Zinsen auf etwa 31 Millionen Pfund. 1998 schlug die Tate, klug beraten vom britischen Schatzamt, der Versicherung Hiscox den Rückkauf der Besitzrechte an den Turners für acht Millionen Pfund vor.

Da nur wenige gestohlene Kunstwerke jemals wieder auftauchen, willigte der Versicherer ein. Damit waren für das Museum die restlichen Gelder verfügbar. Sieben Millionen Pfund wurden umgehend für den Ankauf eines Depots nahe der Tate Modern ausgegeben. Die "Fahndung" nach den Bildern kostete "mehr als 3,5 Millionen Pfund", so Nairne. Hartnäckig halten sich Gerüchte, diese Summe beinhalte ein Lösegeld in Millionenhöhe - davon sind auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft und das dortige Kulturdezernat überzeugt. Für Sandy Nairne ist das eine Frage der Formulierung. "Wir haben nie direkt Geld an Kriminelle gezahlt", sagt er, räumt aber ein, dass die Mit- telsmänner Gelder erhielten.

Aber auch nach Abzug dieser Kosten steht die Tate durch geschicktes Krisenmanagement nun glänzend da: Die Turners hängen wieder in den Sälen - sie haben durch ihre zeitweilige Abwesenheit ein neues Depot finanziert und zusätzlich ein Plus von rund 12,5 Millionen Pfund (19,1 Millionen Euro) eingebracht.

Auch die Hamburger Kunsthalle bekam ihren Verlust 1995 von der Versicherung ersetzt - etwa 3,7 Millionen Mark wurden damals ausgezahlt. Die Summe wurde umgehend in den Ankauf neuer Kunstwerke investiert, auch weil das Geld sonst nach den Regeln der deutschen Kameralistik im allgemeinen Haushalt der Hansestadt verschwunden wäre. Aber Kunsthallendirektor Uwe M. Schneede räumt ein, dass "hier keiner auf die Idee gekommen ist, das so zu regeln" wie in London. Dort sei etwas "traumhaft Schlitzohriges" geplant und umgesetzt worden

Falls also demnächst - was nicht unwahrscheinlich ist - auch Friedrichs "Nebelschwaden" wieder auftauchen, so gehört das Bild der Versicherung. Zwar wurde nach dem Raub ein Vorkaufsrecht vereinbart - aber die damals ausgezahlte Summe müsste erst mühsam wieder aufgetrieben werden.

Bild(er):

Bild: Nach dem Raub wieder in der Londoner Tate: William Turners "Schatten und Dunkelheit - Der Abend der Sintflut", um 1843, 79 x 78 cm

Bild: Wird von der Hamburger Kunsthalle noch vermisst: Caspar David Friedrichs Gemälde "Nebelschwaden", um 1820, 33 x 42 cm