Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 90-91
Fotogramme von Leben und Tod
Von Verena Lugert
BIELEFELD: ADAM FUSS / AUSSTELLUNGEN IM MÄRZ - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / Die Kunsthalle zeigt Arbeiten des in New York lebenden Fotografen
Zwei ausgeweidete Hasen liegen einander gegenüber. Die Eingeweide, die aus ihren Bäuchen quellen, sind miteinander zu einem Lebensbaum verschlungen - eine bunte Kalligrafie aus Gedärm, mit leichter Hand um die beiden Kadaver arrangiert. Ein Foto wie gemalt, die Komposition ist symmetrisch, sie erinnert an einen Rorschachtest. Für Adam Fuss, der das Fotogramm "Love" ("Liebe") angefertigt hat, handeln "Bilder von Hasengedärm von Fruchtbarkeit und Liebe".
"" ist die erste große Einzelausstellung des Fotokünstlers. Nach der Premiere in Boston ist sie nun in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen, wo sie ursprünglich entwickelt wurde.
Fuss, 1961 in London geboren, in Australien und Süd-England aufgewachsen und seit 1982 in New York lebend, nutzt für seine Kunst die alten Techniken aus den Anfängen der Fotografie: die Daguerreotypie und das Fotogramm. Beim Fotogramm werden Gegenstände direkt auf dem lichtempfindlichem Papier angeordnet und dann belichtet. William Henry Fox Talbot (1899 bis 1877) war ein Pionier in der Disziplin der Lichtselbstdrucke, der "photographic drawings". Dabei entstehen die Farben durch die Beleuchtung oder, wie bei Fuss' Hasenbild, durch die unterschiedlichen chemischen Reaktionen der Eingeweide mit dem Papier.
Andere seiner Fotogramme zeigen ein Baby, das zu schwimmen scheint oder eine Schlange, die Sinuskurven durchs Wasser zieht. Fuss hat dafür Säugling und Kriechtier in transparente Wasserbecken gelegt und ihre Bewegung auf Fotopapier festgehalten. Auch arrangierte er verrottete Champignons, die bereits ihre Sporen ausgestreut haben - altes Leben vergeht, neues entsteht.
Fuss setzt auf die großen Themen: Leben, Tod und Transzendenz. Das Hasenfotogramm liefert den Schlüssel zum Werk - Leben und Tod sind keine Gegensätze, alles ist Transformation.
Dieses Prinzip steht auch hinter Daguerreotypien von menschlichen Schädeln. Die Platten sind blank poliert und so groß, dass sie als Spiegel dienen können. Nähert sich der Betrachter einer solchen Daguerreotypie, so sieht er sein eigenes, lebendiges Gesicht im beinernen Gegenpart widerscheinen.
Termin: 2. März bis 11. Mai. Katalog: 16 Euro. Internet: www.kunsthalle-bielefeld.de
Bild(er):
Bild: Fotogramm mit Kinderkleid: Arbeit (24 x 20 cm, 1999) aus Adam Fuss' Serie "My Ghost"
Bild: Eingeweide, zum Lebensbaum verschlungen, bilden eine bunte Kalligrafie: "Liebe" (100 x 75 cm, 1992)
Bild: Bewegtes Leben im transparenten Wasserbecken: In dem Fotogramm "Aufruf" (102 x 76 cm, 1992) dümpelt ein Säugling, in dem unbetitelten Fotogramm (102 x 76 cm, 1998, rechts) windet sich eine Schlange durchs Wasser
