Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 88
Lernen bei den alten Flamen
Von Petra Bosetti
AUSSTELLUNGEN IM MÄRZ - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / BARCELONA: SPANISCH-FLÄMISCHE MALEREI DER GOTIK / Im 15. Jahrhundert erreichte der flämische Realismus Spanien - eine Schau im Katalanischen Nationalmuseum stellt das Werk von Bartolome Bermejo in den Mittelpunkt
Die "Katholischen Könige" Ferdi nand von Aragon und Isabella von Kastilien und Leon liebten die Künste und waren Neuem gegenüber aufgeschlossen. Als Mitte des 15. Jahrhunderts die spanische Kunst im Gold- und Stuckrausch abdriftete, holten sie sich Maler aus Flandern an ihren Hof. Deren Bilder waren von ausgeprägtem Realismus. Und wo bei den Spaniern der goldene Grund die Bilder flächig wirken ließ, spielte sich bei den Flamen das Geschehen häufig vor Landschaften mit dramatischem Wechselspiel von Licht und Schatten ab. Die Bilder wirkten plastisch, die Farben leuchteten. Denn die Flamen hatten die stumpfe Temperafarbe, die rasch trocknete und wenig Möglichkeiten bot, Formen mit Farben zu modellieren, durch die geschmeidige Ölfarbe ersetzt.
Eine ganze Reihe spanischer Künstler ließ sich von ihnen inspirieren. Einer, der diese flämische Manier besonders meisterlich beherrschte, ist der Maler Bartolome Bermejo, der vor 500 Jahren starb. Sein Werk steht im Zentrum der Ausstellung "Spanisch-flämische Malerei der Gotik", die ihm und wesensverwandten Malern gewidmet ist. Über 70 Gemälde aus europäischen und amerikanischen Museen und Privatsammlungen sind im Museu Nacional d'Art de Catalunya zu sehen. Die Ausstellung ist nach den verschiedenen Stätten gegliedert, an denen Bermejo gearbeitet hat: Valencia, Aragon, Katalonien und Kastilien.
Bermejo hieß eigentlich Bartolome de Cardenas und nannte sich nach seiner Haarfarbe "Rotblonder". Woher er die Kenntnisse der flämischen Malerei hatte, ist bis heute nicht geklärt. Einige Kunsthistoriker gehen davon aus, dass er selbst nach Flandern gereist ist, andere halten es für wahrscheinlicher, dass er bei einem nach Spanien eingewanderten Flamen gelernt hat.
Bermejo hat auch in der klassischen spanischen Tradition gemalt. Der Heilige Michael im Altarbild der Kirche von Tous bei Valencia (1468, heute in Privatbesitz) thront würdevoll vor goldenem Grund. Sieben Jahre später dagegen krasser Realismus: "Christus im Paradies", das zu den Höhepunkten der Ausstellung zählt. Es zeigt, wie der Himmelsfürst beim Jüngsten Gericht die Gerechten im Paradies empfängt. Diese Menschen sind keine Idealgestalten - sie sind erbärmlich nackt und bloß, haben faltige Haut, sind ausgemergelt oder dick. Selbst Christus ist keine Lichtgestalt, sondern ein mickriger Mann, dessen Nacktheit nur notdürftig verhüllt ist. Im Hintergrund erstreckt sich, ganz in flämischer Manier, eine weite, grüne Landschaft bei untergehender Sonne. Links dringt aus einem Schlund das Höllenfeuer, und teuflische Monster wie von Hieronymus Bosch verheißen den Verdammten der Welt ewige Pein.
Termin: bis 11. Mai. Internet: www.mnac.es
Bild(er):
Bild: Nackter Realismus: "Christus im Paradies" (88 x 68 cm, um 1475)
