Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 86-87
Nicht ist, wie es scheint
Von Angelika Kindermann
AUSSTELLUNGEN IM MÄRZ - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / DÜSSELDORF: DAS ENDLOSE RÄTSEL / Eine Ausstellung im Kunst Palast untersucht die Mehrdeutigkeit in der Kunst vom 11. Jahrhundert bis in die Moderne
Am Anfang war der Klecks - mehr oder minder zufällig auf den Grund getropft, fordert er bis heute die Fantasie des geduldigen Betrachters heraus. Ob skurrile Figur oder fantastische Landschaft, der Klecks ist für beinahe jede Deutung offen. Folgerichtig bilden Klecksografien den Auftakt zur Düsseldorfer Ausstellung im Museum Kunst Palast, die, ausgehend vom 11. Jahrhundert bis heute, kulturübergreifend die Spielarten der Mehrdeutigkeit in der Kunst untersucht.
Museumschef Jean-Hubert Martin und Gastkurator Stephan Andreae präsentieren 250 Werke aus Asien, Afrika und Europa. Es handelt sich um Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen, die eins gemeinsam haben: Sie lassen sich nicht auf eine Bildaussage festlegen. Erst beim genauen Hinsehen geben sie ihre verschiedenen Bedeutungsebenen preis.
Ein anonymes, um 1600 entstandenes Doppelporträt etwa belegt, dass zwischen Papstbildnis und Teufelskopf nicht mehr als eine Drehung um 180 Grad liegt. Und ob Man Rays Gemälde "Le Rebus" (1938) eine tanzende Schattenfigur zeigt oder Po und Penis die Aufmerksamkeit des Betrachters fesseln, liegt allein daran, welcher Part als Hintergrund oder Vordergrund interpretiert wird.
Berühmt sind die Kompositions-köpfe des Italieners Giuseppe Arcim-boldo (1527 bis 1593), die zu den Glanzstücken der Werkschau gehören - raffiniert gemalte Arrangements von üppigen Blüten oder Früchten, die erst in der Gesamtanschau zu Gesichtern zusammenwachsen.
Rund ein Jahrhundert später entstanden die anthropomorphen Landschaften des Niederländers Josse de Momper (1564 bis 1635). Da erhebt sich beispielsweise ein gewaltiger Berg aus der Ebene, Wasserfälle stürzen von seinen bewaldeten Hängen hinab ins Tal, hoch oben ragt der blanke Fels in den Himmel. Doch diese fantastische Natur besitzt ein zweites Gesicht: Der mächtige Hügel ist zugleich ein imposanter Männerschädel, die stürzenden Wasser formen sich zum langen, bauschigen Bart, das Felsplateau dient als kahle Stirn des wilden Alten.
Auch die Surrealisten wie Max Ernst (1891 bis 1976) und vor allem Salvador Dali (1904 bis 1989) haben immer wieder Traumlandschaften gemalt, aus denen sich bizarre Tier- und Menschengestalten herausschälen. Insbesondere der Spanier gilt den Düsseldorfer Ausstellungsmachern als herausragender Magier der Mehrdeutigkeit. Immerhin 40 Arbeiten des exzentrischen Malers sind im Museum Kunst Palast versammelt. Darunter auch sein 1938 gemaltes Werk "Das endlose Rätsel", das der Ausstellung den Titel gab.
Gleich sieben verschiedene Szenarien lassen sich allein durch das Fixieren des Blicks auf bestimmte Bereiche dieses Gemäldes entdecken. Mit solchen "lustvoll-spannenden" Seh-Erlebnissen hofft Generaldirektor Jean-Hubert Martin "nicht nur das Fachpublikum, sondern jedermann" zu begeistern.
Termin: 22. Februar bis 9. Juni. Katalog: Hatje-Cantz, 29 Euro, im Buchhandel 49,80, gefördert von: E.ON AG. Internet: www.museum-kunst-palast.de
Bild(er):
Bild: Giuseppe Arcimboldo: "Reversibles Porträt eines Mannes" (56 x 42 cm) von 1580
Bild: Max Ernsts Bild "Faszinierende Zypressen" (34 x 28 cm), Öl auf Karton, entstand im Jahr 1940
Bild: Das Bild, das der Ausstellung den Namen gab: "Das endlose Rätsel" (114 x 144 cm, 1938) von Dali
