Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 62-68
Sein Königreich hatte viele Genies
Von Gerd Presler
Die großen Kunsthändler (3) - Serie: Die großen Kunsthändler (3) / Der vom Vater geplanten Laufbahn als Rechtsanwalt im bürgerlichen Milieu konnte er nichts abgewinnen. Statt dessen tauchte Ambroise Vollard (1867 bis 1939) in die Pariser Kunstszene ein und machte als Entdecker und Galerist von Paul Cezanne, Pablo Picasso und Henri Matisse eine beispiellose Karriere
Wer heute Ausstellungen mit Werken von Paul Cezanne (1839 bis 1906) besucht, ahnt nicht, dass ein Pariser Kunsthändler maßgeblich am Aufschwung jenes Malers beteiligt war, der heute als "Vater der Moderne" gerühmt wird: Ambroise Vollard. Wer heute Bilder aus der Frühzeit von Pablo Picasso (1881 bis 1973) bewundert, weiß kaum, dass diese Arbeiten aus der "Blauen" und "Rosa Periode" des wohl bedeutendsten Künstlers im 20. Jahrhundert maßgeblich mit einem Pariser Kunsthändler verbunden sind: Ambroise Vollard.
Die Reihe der großen Namen lässt sich fortsetzen: Von Paul Gauguin über Auguste Renoir, Henri Matisse bis zu Edgar Degas. Als noch kein anderer Händler oder Sammler nach ihnen fragte, stellte Vollard sie bereits in seiner kleinen Kunsthandlung an der Rue Laffitte aus, beteiligte sie an Bucheditionen, druckte ihre grafischen Blätter.
Vieles, was die großen Museen der Welt heute als kostbaren Besitz bergen, ging zuerst durch seine Hände. Doch Vollard wurde auch selbst zum Thema der Kunst: Als Cezanne ihn 1899 malte, drohte Ambroise Vollard während einer langen Sitzung einzunicken. Sein Kopf sank nach vorn. Da herrschte der Künstler ihn an: "Unglücksmensch! Sie haben die Pose zerstört! Man muss so still sitzen wie ein Apfel." Nach 115 unerbittlichen Sitzungen schloss er das 100 x 81 Zentimer große Gemälde ab und wandte sich an sein tapferes Gegenüber: "Die Hemdbrust scheint mir ganz gut gelungen." Vollard hatte die Prozedur ohne Groll ertragen. Sich selbst attestierte er: "Ich bin das ideale Modell." Als Schenkung gab er das Meisterwerk später dem Pariser Musee du Petit Palais. Im Winter 1904/05 bat Pierre Bonnard den Kunsthändler, ihn malen zu dürfen. "Bei ihm war die Gefahr des Einschlafens gering", erinnerte sich Vol-lard, "denn ich hatte immer eine schwer zu haltende kleine Katze auf den Knien."
"Das Bildnis, das Picasso von mir malte ist eines seiner besten Werke heute im Museum von Moskau", schrieb Ambroise Vollard nicht ohne Stolz in seinen "Erinnerungen". Der Spanier hatte den markanten Kopf des Übersee-Franzosen von der Insel Reunion 1910 in einem Gitter kubistisch-kantiger Facetten eingefangen. Er reduziert die Farbskala auf Grauwerte und verdichtet so die Energie, die sich hinter den geschlossenen Augen sammelt.
Die schönste Frau der Welt wurde bestimmt nicht öfter ge malt, gezeichnet und radiert als Vollard jeder wollte es besser machen als die anderen Aber mein kubistisches Porträt von ihm ist das beste von allen", verriet Picasso später seiner Gefährtin, der jungen Francoise Gilot.
Energisch und verschlafen, geduldig, gelassen, gleichwohl überaus begeisterungsfähig. Sind das die Charakterzüge jenes Mannes, der bis heute als "Genie im Aufspüren von Genies" gilt - so sein Biograf Una E. Johnson? Beruht auf solchen Eigenschaften geschäftlicher Erfolg? Picasso kannte ihn seit 1901. 20-jährig, gerade in Paris eingetroffen, ermöglichte Vollard dem Spanier die erste Ausstellung in der Metropole. Dabei begegnet der Himmelsstürmer den Tricks, den Verkaufsmethoden des Kunsthändlers. "Kam zum Beispiel ein Ehepaar um sich einige Cezannes anzusehen, zeigte er ihnen drei Bilder und tat dann so, als sei er im Sessel eingeschlafen. So konnte er hören, was das Ehepaar über die Bilder sprach Schließlich rührte er sich und fragte, welches Bild ihnen am besten gefalle. "Es ist so schwer zu entscheiden wir werden morgen wiederkommen.` Erschienen sie, brachte er ihnen drei andere Cezannes und begab sich wieder zu seinem Sessel. Baten sie, die drei von gestern noch einmal sehen zu können, sagte er: "Ich kann sie nicht finden` oder "sie sind inzwischen verkauft`. Dieses Spiel zog sich nicht selten über Tage hin. Inzwischen gerieten die Interessenten immer mehr in Panik, fragten sich, ob sie wohl überhaupt etwas bekommen könnten, schlugen zu und zahlten bereitwillig einen Preis, den sie bei ihrem ersten Besuch niemals akzeptiert hätten" - so Johnson.
Kunsthändler in Paris, das lag außerhalb dessen, was Vollards Eltern für ihn vorgesehen hatten. Und es lag auch außerhalb dessen, was er einst selbst im Blick gehabt hatte. "Ich wurde auf der Insel Reunion geboren, dieser Perle des Indischen Ozeans Zu meinen ersten Kindheitserinnerungen gehört ein Papagei auf einer Stange." Vollards Vater, ein angesehener Notar, bestimmt ihn zum Studium der Rechtswissenschaften. Erste Station Montpellier; schon bald Paris. Keine Vorlesungen, keine Seminare. Vollard streift durch die Buchläden und Antiquariate im Quartier Latin. Begegnungen, mehr zufällig - hier ein illustriertes Buch, dort ein Gemälde mit notdürftiger Atelierleiste, ein grafisches Blatt - wecken eine tiefe, stille Besessenheit. Der Student bricht mit der Jurisprudenz, heuert in einem abenteuerlichen Buch-Antiquariat an - und ist glücklich. Immer wieder steht er vor dem Schaufenster des Farbenhändlers Julien Tanguy in der Rue Clauzel, den alle "Pere Tanguy" nennen. Beim "Vater" der Künstler trifft sich die junge Malergeneration. Die Genies von morgen brauchen heute Leinwände, Keilrahmen, Pinsel, Ölfarbe, haben kein Geld. Er gibt ihnen Kredit. Sie lassen ihm ihre Bilder - in der Hoffnung auf Verkauf. Unter seinen Schützlingen der unglückliche Vincent van Gogh, Auguste Renoir und Paul Cezanne. Vollard fühlt sich zum Kreis des kleinen Händlers hingezogen, erwirbt, angestiftet von dem Maler Camille Pissarro, für 200 Franc eine Landschaft von Cezanne, schließt Freundschaften, hört, lernt, saugt alles auf, wird immer tiefer verstrickt in das Abenteuer und die Energie eines neuen Sehens.
Pere Tanguy" stirbt im Februar des Jahres 1894. Fünf Monate später wird sein Kunstbesitz versteigert, darunter auch sechs Gemälde von Cezanne. Die Gebote beginnen bei zehn Franc. Schließlich ersteht ein junger Kunsthändler vier Bilder, dazu eine Landschaft von Pissarro, eine Arbeit von Gauguin, eine von Guillaumin und ein Werk, das ein Paar Schuhe zeigt, signiert mit "Vincent". Es ist Ambroise Vollard, der gerade in der Rue Laffitte 39 eine kleine Galerie eröffnet hat. Er schwärmt: "Was für ein schöner Beruf sein Leben inmitten solcher Herrlichkeiten zu verbringen." Und er taxiert die Situation: Der Tod von "Pere Tanguy" öffnet eine unerhörte Chance. Es fehlt jemand, der sie vertritt, ausstellt. Wenn er jetzt in die Bresche springt, sie an sich bindet, kann er ein konkurrenzloses Monopol errichten. Vollard schreibt Cezanne, trifft den Meisters von Aix. Mit 150 Gemälden kehrt er in seine Kunsthandlung zurück. Er hat die Situation richtig eingeschätzt. Der Anfang ist gemacht.
Dann, im November 1895, eröffnet er die erste Einzelausstellung mit Werken von Paul Cezanne. Der Künstler, immer wieder von Presse und Publikum belächelt und gedemütigt, fürchtet eine weitere Niederlage. Doch diesmal kommt alles anders. Seine Arbeit zieht Zorn auf sich: In der Rue Laffitte rottet sich eine protestierende Menschenmenge zusammen und Vollard muss die Bilder aus dem Schaufenster nehmen. Doch seine Arbeit bewegt auch: Kunstinteressierte haben nie zuvor so viele Werke auf einmal gesehen und spüren nun das Besondere. Die Kollegen und Freunde - Renoir, Degas, Monet und Pissarro - erkennen neidlos Cezannes Größe an. Gustave Geffroy schreibt in der Zeitschrift "La Vie Artistique": "In die Galerie Vollard, Rue Laffitte, können die Passanten eintreten und sich endlich ein Urteil bilden über eine der schönsten und größten Persönlichkeiten dieser Zeit. Cezanne ist ein großer Wahrheitssucher, feurig und naiv, herb und nuanciert. Er wird in den Louvre kommen." Die Ausstellung bringt dem Künstler und seinem Händler den Durchbruch, auch finanziell.
Charles Loeser, ein in Florenz lebender Amerikaner, wird aufmerksam. Sein Landsmann, der "Zuckerkönig" Henry Osborne Havemeyer, kauft. Ebenso der italienische Sammler Egisto P. Fabbri, der schon bald 16 Bilder besitzt. In seinen "Erinnerungen" spricht Vollard von einem Holländer, der ohne zu zögern und ohne zu handeln 30 Gemälde Cezannes erwirbt. Auguste Pellerin, der französische "Margarinekönig", und Graf Isaac de Camondo beginnen, neben Cezanne die von der Akademie gemiedenen Maler zu sammeln. Vol-lard braucht Ware. Nur noch selten erwirbt er Einzelstücke. Er kauft Atelierbestände. Die Schützlinge von "Pere Tanguy" sind bei ihm in sicheren Händen, betreten bald mit steigenden Preisen die internationale Bühne. Der Erfolg macht größere Räume nötig. In Berlin wird die Galerie von Paul Cassirer zum verlängerten Arm Vollards.
Exzentrisch, letztlich unberechenbar hielt es Vollard nicht allein bei seinem aufreibenden Kunsthandel. "Mehr und mehr gewann die Idee Raum, dass ich ein Verleger, ein großer Verleger von Büchern und graphischen Arbeiten lebender Maler, "Peintres-graveurs` sein müsse." Das Spiel der Lettern und Linien auf feinem Papier, das seine Anfänge in Paris geprägt hatte, ergriff ihn. Zudem hatte der Geschäftsmann Vol-lard beobachtet, wie die Lithografien von Henri de Toulouse-Lautrec einen Boom auslösten. Der Zeitpunkt, große Kunst zu kleinem Preis für viele zugänglich zu machen, war gekommen. Vollard ist fasziniert von der Idee, dass seine Maler farbige Grafik machen. Malerei, umgeleitet, vervielfältigt auf Papier. Das senkt den Preis und macht langfristig aus Einsteigern im Kleinen Gemäldesammler. 1896 erscheint das "Album des Peintres-Graveurs". 22 Blätter, darunter Werke von Pierre Bonnard, Edvard Munch, Maurice Denis, Odilon Redon, Au-guste Renoir, Suzanne Valadon, Felix Vallotton. Schon 1897 folgt ein zweites Album. Und dann erscheinen in raschem Wechsel Bücher französischer, lateinischer, griechischer, russischer Autoren, illustriert mit Zeichnungen vieler Künstler. Als Ambroise Vollard 1939 nach einem Autounfall stirbt, liegen neben den 30 veröffentlichten 21 weitere sorgfältig geplante Bucheditionen in den Regalen hinter dem Schreibtisch.
Sein Verhältnis zu Pablo Picasso trug immer den Stempel des Besonderen: "Um das Jahr 1901 suchte mich ein junger, mit Eleganz gekleideter Spanier auf Es war kein anderer als Picasso", erinnert er sich an die erste Begegnung. 1913 kauft er von ihm 15 Kupferplatten mit Radierungen, entstanden 1904/05. 14 davon - eine Platte oxydierte bei der Verstählung und blieb unbrauchbar - lässt er in kleiner Auflage auf Japanpapier, 250 Exemplare auf Van-Gelder-Velin-Papier dru-cken. Titel: "Saltimbanques". Als die Auflage vor ihm liegt, spürt Vollard, dass in der Zusammenarbeit mit diesem "Genie" etwas berührt werden könnte, das er bisher nur ganz von ferne gesehen hatte: Von dieser Hand kommt Bleibendes; etwas, das auch seinen Namen in kommende Zeiten trägt. 1929 bittet er Picasso, eine größere Folge von Radierungen anzufertigen. Die Arbeiten ziehen sich hin. 1936 liegen 97 Platten vor, 1937 ergänzt um drei Porträts des Kunsthändlers und Verlegers. Heute ist unbestritten: Diese hundert Blätter bilden das "Herzstück von Picassos grafischem Schaffen" - so der Schweizer Auktionator Eberhard W. Kornfeld. Und sie tragen den Namen eines auf der Insel Reunion geborenen Kunsthändlers, machen ihn zum Bestandteil der Kunstgeschichte: "Suite Vollard".
Im nächsten Heft erscheint die vierte und letzte Folge der Serie über die großen Kunsthändler. Justin Thannhauser erlebte 1911 in der Münchner Galerie seines Vaters die Geburtsstunde des "Blauen Reiter". Später gründete er Galerien in Luzern, Berlin, Paris und New York und agierte weltweit
Vollard plante in Paris ein Kunst-Monopol. Von Cezanne kaufte er 150 Gemälde auf einen Schlag. Die erste Ausstellung brachte beiden den Durchbruch
Cezanne zwang Vollard zu 115 Porträtsitzungen. Danach fand er: "Die Hemdbrust scheint mir ganz gut gelungen."
Der erfolgreiche Kunsthändler Vollard startet eine zweite Karriere als Verleger
Bild(er):
Bild: Ein Kunstenthusiast mit skeptischem Blick: Ambroise Vollard um 1915 in seiner Galerie, fotografiert von Roger-Viollet
Bild: "Mein kubistisches Porträt von ihm ist das beste", urteilte Picasso selbstbewusst über das Vollard-Bildnis (93 x 66 cm). Es entstand 1910
Bild: Gemälde, die durch Vollards Hände gingen: Paul Cezannes "Karten spieler" (47 x 56 cm), entstanden zwischen 1893 und 1896. Die "Blonde Frau mit bloßen Brüsten" (63 x 52 cm) malte Edouard Manet um 1878. Beide Bilder gehören heute dem Pariser Musee d'Orsay
Bild: Pierre Bonnard ließ Vollard für sein Porträt mit einer unruhigen Katze im Schoß posieren
Bild: Henri de Toulouse-Lautrec weckte Vol-lards Interesse an der Grafik. Doch der Galerist handelte auch mit dessen Bildern: "Die Clownesse Cha-U-Kao im "Moulin Rouge`" (64 x 49 cm) von 1895 hängt heute im Musee d'Orsay. Ganz links das Vollard-Porträt (100 x 81 cm) von Cezanne, dem 1899 so viele Sitzungen voraus-gingen
Bild: Pierre Bonnards Zeichnung von "Ambroise Vollard in seiner Boutique an der Rue Laffitte"
Bild: Nobles Quartier eines mächtigen Händlers: Vollards letztes Haus an der Rue Martignac
Bild: Das Faksimile aus Vollards Kontor-Buch von 1906 zeigt: Schon damals waren Paul Cezanne und Auguste Renoir auch auf dem Markt die erfolgreichsten Maler. Die Preise für ihre Bilder rangieren ganz oben
Bild: Literatur: Una E. Johnson: Ambroise Vollard. Editeur. New York 1944. Ambroise Vollard, Erinnerungen eines Kunsthändlers. Zürich 1957. Ralph Jentsch: Ambroise Vollard. Editeur. Stuttgart 1994.
