Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 70-77
Welteroberung bis auf weiteres gestoppt
Von Ute Thon
Notverkauf von Bildern, Neubaupläne begraben, Filialen geschlossen: Der Boss des US-Museumsimperiums Guggenheim, Thomas Krens, steht vor den Trümmern seines globalen Expansionsfeldzugs im Namen der Kunst
Die Hiobsbotschaften kamen Schlag auf Schlag. Zuerst meldete das New Yorker Guggenheim Museum 25 Prozent Besucherrückgang. Im Jahr 2000 verkaufte das Museum noch 1,13 Millionen Tickets, 2002 waren es nur noch 848943. Dann wurden über 100 Angestellte entlassen und wichtige Ausstellungen abgesagt. Bereits im Dezember 2001 musste die SoHo-Filiale schließen. Kurz darauf löste sich das millionenschwere Internet-Business "Guggenheim-Dot-Com" in warme Luft auf. Dann machte der Guggenheim-Ableger in Las Vegas dicht. Und jetzt wurden auch die Pläne für den gigantischen Gehry-Neubau in Downtown Manhatten zu Grabe getragen.
Thomas Krens' Traum vom weltumspannenden Netz der Guggenheim-Satelliten platzte wie eine Seifenblase. Globalkultur, das Zauberwort der End-Neunziger, klang nach den September-Attentaten plötzlich gar nicht mehr so zauberhaft. Und mit dem Crash des Neuen Marktes versiegten auch die großzügigen Zuwendungen der Dot-Com-Millionäre, die Krens' Megalomanie finanzieren sollten. Immer lauter fordern die Kritiker nun den Kopf des Guggenheim-Chefs. "Es wird Zeit für Thomas Krens zu gehen", schrieb Jerry Saltz schon vor Jahresfrist in der "Village Voice". "Der Aufsichtsrat, der ihm geholfen hat, diese Institution in eine Art GuggEnron zu verwandeln, sollte auch gleich gehen. Und wenn alle gegangen sind, sollten wir tief durchatmen und den Schaden begutachten, den sie angerichtet haben." Die ehrwürdige "New York Times" verkündete: "Die Zeiten des Go-Go-Guggenheim sind vorbei."
Derweil reiben sich Krens' Gefolgsleute die Augen und fragen, wie sie so lange auf eine Fata Morgana hereinfallen konnten. "Um seine Träume zu verwirklichen und die Geschäfte am Laufen zu halten, verbrauchte das Guggenheim in New York zuerst die Reserven von gestern und dann den Optimismus von morgen", sagt Aufsichtsratvorsitzender Peter B. Lewis, ein Versicherungsunternehmer aus Ohio, der dem Museum seit 1993 rund 62 Millionen Dollar gespendet hat. Auf der letzten Aufsichtsratssitzung im Dezember zog Lewis die Notbremse. Der Ratsvorsitzende forderte: Entweder räumt Thomas Krens die "Schweinerei" auf, die er in seiner 14-jährigen Amtszeit angerichtet hat, oder er fliegt raus. Lewis verlangte drastische Sparmaßnahmen und ein Ende der Extravaganzen.
So deutliche Worte hört der arrogante Guggenheim-Chef selten. Normalerweise stellt Krens die Forderungen. Dass die Intervention jedoch keine Sekunde zu früh kam, zeigt ein Blick in die Geschäftsbücher. Das Guggenheim Museum machte trotz seines generösen Jahresbudgets von über 50 Millionen Dollar ständig Schulden. Um die exzessiven Ausgaben und die Zinsen von alten Krediten zu decken, zapfte Krens das Stiftungsvermögen an, jenen heiligen Rücklagentopf, der die langfristige Existenz amerikanischer Kulturinstitutionen sichert.
Als 1999 das Stiftungskapital auf 28,9 Millionen Dollar zu sinken drohte und damit unter das von den Gläubigern festgeschriebene Limit von 35 Millionen Dollar, fing der Direktor an, das Tafelsilber zu verscherbeln. Laut einem Bericht des Wall Street Journal verkaufte er Kunstwerke aus der Guggenheim-Sammlung im Wert von rund 15 Millionen Dollar - ein schwerer Tabubruch innerhalb der Museumswelt. Denn wie in Europa ist es auch in den USA den seriösen Museen nur in Ausnahmefällen gestattet, Werke aus den Depots zu verkaufen, nämlich wenn der Erlös zum Ankauf neuer Kunst dient, nicht aber zum Auffüllen leerer Kassen. Erschwerend kommt hinzu, dass Krens sich weigert, die verkauften Werke zu benennen. Chefkuratorin Lisa Dennison wiegelte den ungeheuerlichen Vorgang als "interne Angelegenheit und durchaus üblich in Museumskreisen" ab. Schon einmal hat Thomas Krens mit seinen riskanten Finanzmanövern Kritik auf sich gezogen. Anfang der neunziger Jahre ließ er drei wertvolle Bilder aus der Sammlung versteigern, Wassily Kandinskys "Fuge", Amedeo Modiglianis "Junge in blauer Jacke" und Marc Chagalls "Geburtstag". Mit dem Erlös (43 Millionen Dollar laut "Neue Zürcher Zeitung") finanzierte er den umstrittenen Ankauf der Minimalismus-Sammlung des italienischen Sammlers Giuseppe Panza di Biumo und bezahlte offene Rechnungen für den Umbau des SoHo-Ablegers.
Als Thomas Krens, 54, ein Kunsterzieher mit Wirtschafts-Diplom am Williams College in Massachussetts, 1988 das Ruder an der Fifth Avenue Nr. 1017 von Thomas Messer übernahm, war das Guggenheim eine verschlafene Institution mit gutem Namen, aber bescheidenem Budget - Aschenbrödel neben Königinnen der Museumsszene wie dem Metropolitan oder dem MoMA. Frank Lloyd Wrights berühmter Spiralbau von 1959 brauchte dringend eine Renovierung, die Kuratoren mehr Ausstellungsfläche und die Sammlung größere Lager.
Krens, der vorher eine kleine College-Galerie in Williamstown gemangagt hatte, übernahm nun die aufwändige Erweiterung. Doch der mit 25 Millionen Dollar veranschlagte Anbau genügte seinen Expansionsgelüsten nicht. Er überredete den Aufsichtsrat, nur ein ganz neues Haus garantiere den Anschluss des Museums an den Kunstboom der Achtziger. Später schlugen die Guggenheim-Treuhänder entsetzt die Hände über den Köpfen zusammen, als ihnen dämmerte, dass ihr visionärer Direktor das Museum mit Anleihen in Höhe von 54,9 Millionen Dollar belastet hat - ein Schuldenberg, den sie nach realistischen Kalkulationen niemals tilgen konnten. Es kam zu Entlassungen, Öffnungszeiten wurden gekürzt, die Bibliothek geschlossen. Und in den Medien wurde offen diskutiert, ob das Guggenheim bald gepfändet würde.
Krens rührte solche Kritik kaum. Im Gegenteil. Er fand neue Wege für seine "globale Vision". Nachdem das hauseigene Stiftungskapital geschmolzen und das Museum mit hohen Schulden von den Neubauten belastet war, suchte er nach internationalen Geldgebern mit vollen Taschen und kulturellem Profilierungszwang. Das deutsche Flugunternehmen Lufthansa, der Modemacher Hugo Boss, der kanadische Spirituosenherstel-ler Seagram, Büromaschinenhändler Olivetti, der italienische Autokonzern Fiat und die Deutsche Bank wurden generöse Sponsoren. Auf ihre Kosten jettete der Museumsdirektor um die Welt und ging hausieren mit seiner Idee für das Museum als ultimativen Entertainment-Komplex, im Schlepptau Architektenstars wie Jean Nouvel, Hans Hollein oder Frank O. Gehry.
Spektakuläre Gebäude sollten als Lockmittel und Markenzeichen dienen, Micky-Maus-Ohren für die Kunst. Zwar hat Krens diesen Trend nicht erfunden. Die zweifelhafte Ehre gebührt Frank Lloyd Wright, der mit seinem weltbekannten Entwurf für die Guggenheim-Zentrale den Stein ins Rollen brachte. Doch erst mit dem Erfolg des Guggenheim-Ablegers im spanischen Baskenland 1997 brach das "Bilbao-Fieber" aus. Inzwischen sucht jedes kleine Provinzmuseum sein Heil im millionenteuren Anbau eines Stardesigners. Mit fatalen Konsequenzen. Das Milwaukee Art Museum verschuldete sich mit seinem neuen Santiago-Calatrava-Pavillon so sehr, dass es jetzt um seine Existenz kämpfen muss.
Die Guggenheim-Satelliten in Bilbao, Berlin, Venedig und Las Vegas sowie die vielen unverwirklichten Projekte in Salzburg, Rio de Janeiro, Australien und Japan sollen in erster Linie als Geldmaschinen fungieren, um das Mutterschiff am Leben zu erhalten. Mit jedem Kooperationsvertrag streicht das Guggenheim Beratungs- und Lizenzgebühren in Millionenhöhe ein, die ökonomischen Risiken trägt dagegen der Partner ganz allein. Deshalb gingen jetzt auch im Guggenheim Las Vegas die Lichter aus. Der erst vor anderthalb Jahren mit großen Fanfaren eingeweihte Rem-Koolhaas-Bau im Venitian Hotel wurde von Hotelier Sheldon Adelson finanziert. Das Hotel übernahm auch die Kosten für die Eröffnungs-show "Die Kunst des Motorrads". Als nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Touristenströme ausblieben, drehte Adelson den Geldhahn zu. Lisa Dennison besteht jedoch darauf, dass die Schließung nur vorübergehend ist. "Wir suchen nach Sponsoren für die nächste Ausstellung", sagt die Chefkuratorin. Die zweite, kleinere Guggenheim-Galerie im Venitian, ein Joint Venture mit dem Eremitage-Museum in St. Petersburg, bleibt bis auf weiteres geöffnet. Statt Kunstschätze aus Russland werden demnächst wahrscheinlich Norman Rockwells Kitschbilder dort ausgestellt.
Krens verkauft seine Idee gern als ökonomische Notwendigkeit. Mit "McGuggenheim"-Fi-lialen auf aller Welt spare man kostspielige Lagergebühren. Die Sammlung verstaube nicht im Depot, sondern bringe als tingelnder Wanderzirkus permanent Geld in die Kassen. Doch Kunstwerke sind keine gefrorenen Fleischklopse. Sie bedürfen intensiver Pflege, besonders wenn sie auf Reisen gehen. Den meisten Arbeiten schadet häufige Verschiffung sogar. Unter Leihgebern hat das Museum inzwischen einen schlechten Ruf. "Nie wieder" würde er Thomas Krens etwas geben, sagt Norman Braman, ein bedeutender US-Sammler von Plastiken der Künstler Joan Miro und Alexander Calder, der seine Leihgabe beschädigt zurückbekam. Seit dem 11. September sind zudem die Versicherungsprämien für Kunsttransporte extrem gestiegen. Das scheinbar geniale Konzept von der globalen Museumskette entpuppt sich als krisenanfällige Illusion.
Die Wanderausstellungen des Guggenheim der vergangenen Jahre sprechen ohnehin weniger von dem Wunsch, selten gezeigte Kunst aus den Depots ins Rampenlicht zu rü-cken, sondern von der Sucht nach massentauglichen Kassenrennern. Und vom Geschmack der Sponsoren. Die umstrittene Modedesign-Ausstellung mit Kreationen des Edelschneiders Giorgio Armani war das Dankeschön für eine 15 Millionen-Spende des italienischen Modehauses. Die Motorradausstellung kam mit freundlicher Unterstützung von BMW zustande. Und "Brasil: Body & Soul", eine gespenstische Mischung aus brasilianischem Barock und Gegenwartskunst, für die Krens die denkmalgeschützte Rotunde des Mutterhauses pechschwarz anstreichen ließ, diente als Lockmittel für die Brasilianer, in Rio de Janeiro eine weitere Guggenheim-Filiale zu gründen - ein Plan, dessen Erfolg spätestens seit dem Amtsantritt des sozialistischen Ministerpräsidenten Brasiliens mehr als fragwürdig erscheint.
Substanzielle Ausstellungen wie die große Matthew-Barney-Retrospektive im letzten Jahr und eine Kasimir-Malewitsch-Ausstellung wurden dagegen kurzfristig verschoben und hatten ihre Premieren in Köln und Berlin statt in New York.
Bei so viel fahrlässiger Misswirtschaft ist es verwunderlich, dass Krens immer noch im Sattel sitzt. Der Museumsdirektor, der das Guggenheim wie einen multinationalen Konzern führen wollte, scheut selbst offenbar die Konsequenzen seines Business-Einmaleins, nämlich dass der Chef den Hut nehmen muss, wenn er das Unternehmen in den Ruin geritten hat.
"Die Zeiten des Go-GoGuggenheim sind vorbei", schreibt die "New York Times"
Arbeiten im Wert von 15 Millionen Dollar wurden verscherbelt - ein Tabubruch
Bild(er):
Bild: Mister Museum, ratlos: Thomas Krens, Direktor des GuggenheimImperiums, hat sich im Labyrinth seiner ehrgeizigen Pläne verirrt. Krisenstimmung auch im Stammhaus an der New Yorker Fifth Avenue
Bild: Der Traum vom Versailles unter den Museen - geplatzt: der Guggenheim-Neubau in Manhattan (Modell), entworfen von Frank O. Gehry
Bild: Mitzocken in Las Vegas - doch nichts geht mehr: Nach der Motorradschau wurde die Galerie im Venitian-Hotel dichtgemacht
Bild: Das Erfolgsmodell im Baskenland: Der spektakuläre Bau von Frank O. Gehry lockt Touristen nach Bilbao, und "McGuggenheim" lagert seine Werke gewinnbringend aus
Bild: Shoppen und Gucken Downtown - jetzt klingelt allein die Boutiquen-Kasse. In den einstigen SoHo-Ableger zog Prada ein
Bild: Aus dem Schatzkästchen des Museums auf den Markt geworfen: "Junge in blauer Jacke" von Amedeo Modigliani (1918, links) und "Fuge" von Wassily Kandinsky (1914). Die "Fuge" hatte Museumsgründer Solomon R. Guggenheim vermutlich 1937 in Berlin erstanden
