Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 84-86

Der Superstar des Designs entdeckt die Moral

Von Ralf Schlter

AUSSTELLUNGEN IM MÄRZ - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / PARIS: PHILIPPE STARCK / Das Centre Pompidou zeigt eine Retrospektive des Franzosen, der seiner Zunft erst Glamour und dann Demokratie einbrachte

Gut - er hätte das Ding nicht unbedingt Zitronenpresse nennen müssen. Denn zur Gewinnung von Saft ist "Juicy Salif" zu allerletzt geeignet. Das Fruchtfleisch wird nirgendwo aufgefangen, ebenso wie übrigens der Saft, und am runden Ende presst es sich eigentlich schlechter als am spitzen. Funktionale Aspekte, die dem Designer Philippe Starck sichtlich egal waren. Sein 1991 für die Firma Alessi entworfenes Produkt ist ein Triumph des rein ästhetischen, sich selbst genügenden Designs. Mittlerweile thront das überaus elegante, an eine Spinne erinnernde Objekt in etlichen Museen - und in Küchen, wo es freilich selten zum Einsatz kommt.

Es waren Verkaufs-Hits wie dieser, die Philippe Starck das Attribut "Popstar des Designs" einbrachten. Er riss die Grenzen zwischen Gestaltung und Un-terhaltung mit Wonne nieder. Starck-Objekte wurden in den Medien gefeiert wie neue Platten von Madonna oder Michael Jackson. Mit seinen Auftritten trug der kameraverliebte Franzose das alte Berufsbild des Formgebers, der im graugetünchten Studio verbissen um Funktionalität ringt, endgültig zu Grabe.

Den Designer Philippe Starck gab es schon in den Siebzigern - damals arbeitete er als Art Director beim Modeunternehmen Pierre Cardin. Superstar Philippe Starck jedoch ist ein Produkt der postmodern verspielten achtziger Jahre.

1984 entwarf er die Inneneinrichtung für das Pariser Cafe Costes in der Nähe des Centre Pompidou, wo jetzt die große Retrospektive stattfindet. "So schön und traurig wie das Buffet im Prager Hauptbahnhof" - auf dieser Assoziation basierte der Entwurf. Dunkle Holzstühle und gedeckte Wandfarben wie in Wiener Kaffeehäusern, über der Treppe eine große Uhr wie in einem expressionistischen Film - Starck traf mit melancholischem Retro-Schick den Zeitgeist der frühen Achtziger, als das Szene-Publikum die Posen der alten Hollywood-Helden von Cary Grant bis Rita Hayworth imitierte und zu Cool-Jazz-Platten in der Cappuccino-Tasse rührte. Von Anfang an gehörten Innenausstattungen zu Starcks Lieblingsprojekten. Neben Hotels wie dem New Yorker "Paramount" und dem "Delano" in Miami richtete er auch die privaten Gemächer des Präsidenten Francois Mitterand im Elysee-Palast ein - der Zeitgeist-Surfer als Hofarchitekt.

In den neunziger Jahren hat Starcks Präsenz eher noch zu- als abgenommen. Von der Klobürste bis zur Yacht, vom Abendkleid bis zum Teddybär ist kein Gegenstand des täglichen Lebens vor seiner Überarbeitung sicher gewesen. Nicht jeder Entwurf wurde ein Geniestreich, doch Starck entwickelte sein Repertoire der schlanken, leicht gekrümmten Formen beständig weiter. Neu ist der moralische Ton, den der 54-Jährige in Interviews anschlägt. Vom "überästhetischen" Design früherer Jahre distanzierte er sich. Sein Credo lautet jetzt, er wolle keinen Gegenstand entwerfen, der nicht wirklich gebraucht werde.

Man ahnt schon, dass ein Designer, der nach eigener Aussage "an 250 Projekten gleichzeitig" arbeitet, diese Maxime nicht immer befolgt. Doch gerade in der Massenproduktion findet das neue Starck-Programm des "demokratischen Designs" seine Erfüllung: Die Produkte sollen für viele erschwinglich sein; statt aufwändiger Holz-Leder-Konstruktionen verwendet er für seine Möbel heute lieber Kunststoff. Erst jüngst entwarf Starck 50 Produkte für die US-Billigmarkt-Kette "Target", die dann auch im Nu ausverkauft waren. Eine Zitronenpresse gab es nicht.

Termin: 26. Februar bis 12. Mai

Bild(er):

Bild: Von formaler Eleganz, aber für den Gebrauch im Haushalt nur bedingt geeignet: Zitruspresse "Juicy Salif" (1991). Rechts: Starck in clownesker Pose, umgeben von seinen Produkten

Bild: Der Kunststoffstuhl "Toy" von 1999: Auf lange Sicht will Starck "billiger als Ikea" werden

Bild: Cafe Costes in Paris (1984): schwermütiger Retro-Schick für das coole Publikum

Bild: Surrealistisches Kuscheltier: "Teddy Bear-Band", 1998