Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 88-89

Künstler als Hacker der Wirklichkeit

Von Andrea Weisbrod

AUSSTELLUNGEN IM MÄRZ - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / PARIS: HARDCORE / Im Palais de Tokyo stellen Künstler aus, deren Basis politischer Aktivismus ist

Vor einem Jahr wurde in Paris das Palais de Tokyo als experimenteller Ort zeitgenössischer Kunst eröffnet, dessen Aktivitäten hier mit großer Aufmerksamkeit verfolgt werden. Zum Jahrestag präsentiert der stellvertretende Direktor Jerome Sans die Ausstellung "Hardcore - Hin zu einem neuen Aktivismus". Der provokante Titel verweist auf ein immer häufiger zu beobachtendes Phänomen: dass nämlich spätestens seit den digital bearbeiteten Sexbildern von Thomas Ruff, die vor allem kommerziell ein großer Erfolg für den Künstler waren, Pornografie salonfähig geworden ist.

Gemeint ist hier jedoch anderes: Unter dem Titel "Hardcore" sind 17 Künstlerinnen und Künstler versammelt - darunter Shu Lea Cheang (Vereinigte Staaten), Alain Declercq (Frankreich) und Henrik Plenge Jakobson (Däne-mark). Sie haben vor allem eines gemeinsam: den politischen Aktivismus als Grundlage ihres künstlerischen Arbeitens. Zum Beispiel die Mexikanerin Minerva Cuevas (art 10/2002), die unter dem Label "MVC" Empfehlungsschreiben für jedermann ausstellt und eigenmächtig Lebensmittel in Supermärkten verbilligt, indem sie die Preisschilder austauscht. Ebenfalls vertreten ist die US-amerikanische Gruppe "Guerilla Girls". Ihre Mitglieder, die seit vielen Jahren mit originellen Aktionen die Kulturszene aufmischen, verteilten zur letzten Oscar-Verleihung Sticker gegen Rassismus und Sexismus der Hollywood-Produktionsfirmen.

Der Südafrikaner Kendell Geers beschäftigt sich in seinen Installationen mit den Themen Globalisierung und Informationsflut. So lässt sein eingewi-ckelter Buddha an die zerstörten Statuen in Afghanistan und ihre jetzt beschlossene Wiederherstellung denken. Ohne einen neuen Aktivismus auszurufen, will "Hardcore" Kunst als Möglichkeit des Widerstands zeigen. Jerome Sans spricht vom "Künstler als Hacker der Wirklichkeit" und erhofft sich starke Debatten während der Ausstellung.

Termin: bis 6. April. Internet: www.palaisdetokyo.com

Bild(er):

Bild: Die US-amerikanische Gruppe "Guerilla Girls" unterwegs: "Die Welt verändern. Eine sexistische Stadt zur Zeit", Fotografie von 2001

Bild: "Babylon (Buddha)" nennt Kendell Geers seine umwickelte Holzfigur (Höhe 41 cm, 2002)