Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 60-61

Als Durchlauferhitzer für Stars und Trends hat das Museum keine Zukunft

Von Karl Gerstner

, 72, fordert Inhalt statt Hülle. Von dem Schweizer Künstler, Gestalter und Publizisten erscheint im Hatje Cantz Verlag das Buch "Tu m'" über das letzte Gemälde von Marcel Duchamp

Seltsam: Die Institution Museum wird oft als unzeitgemäß, als Erfindung des 19. Jahrhunderts diffamiert und für tot erklärt. Ein Witz. Es stimmt zwar, das Museum des 19. Jahrhunderts gibt es nicht mehr. Es war das Museum schlechthin. In Basel zum Beispiel wurde dafür ein Koloss von einem Bau errichtet, mitten in der feingliedrigen Altstadt. Er beherbergte präparierte Tierleichen en masse, Mineralien, Tribal Art (damals unter anderem Namen) aus Melanesien, Ozeanien und so fort. Und ein Saal war den Bildern der öffentlichen Kunstsammlung reserviert, neben- und übereinander gehängt wie damals üblich, auf bordeauxrotem Samt. Darunter etliche von Hans Holbein. Als der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewskij dessen "Toten Christus" bewundern wollte, musste er auf einen Stuhl steigen, um besser zu sehen.

Dieser Typus von Museum ist verschwunden. Die Kunst hat sich emanzipiert und ein eigenes Haus bekommen. Und noch etwas ist neu: Die Kunst, die es ins Museum geschafft hat, bleibt dort nicht mehr für alle Ewigkeit, wie von den Museumsgründern beabsichtigt. Gerade die Kunst, die dem 19. Jahrhundert - Spätbarock, Rokoko, Romantik, Biedermeier - so sehr ans Herz gewachsen war, findet man heute selten an Museumswänden. Und wenn, dann in menschenleeren Sälen.

Ist das Museum des 19. Jahrhunderts tot, so lebt das Museum des 21. um so fideler. Das Kunstmuseum boomt weltweit. Neu ist auch, dass es mehr und mehr zu einem sozialen Zentrum, einem urbanen Ort der Begegnung geworden ist.

Eben ist in München die Pinakothek der Moderne eröffnet worden, dem MoMA New York ebenbürtig (wie Edmund Stoiber meint). Das MoMA selbst erstellt einen Neubau mit einem Mehrfachen des bisherigen Volumens. In meiner kleinen Stadt Basel (166285 Einwohner) eröffnet demnächst das so genannte Schaulager für die immense Sammlung der Laurenz-Stiftung mit stolzen 13000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Und das, nachdem zuvor in kurzer Zeit drei neue, bedeutende Museen entstanden sind: das Museum für Gegenwartskunst, die Fondation Beyeler und das Museum Jean Tinguely. Die Gründe für den Boom sind mannigfaltig. In Bilbao dient Frank O. Gehrys futuristischer Bau dazu, ein Imageproblem der baskischen Stadt zu beheben. In Neu-Kaledonien soll das Museum nationale Identität stiften. In Paris sind es die hinterlassenen Denkmäler der Präsidenten (Giscard: Quai d'Orsay, Pompidou: Centre Pompidou; Mitterrand: Le Grand Louvre; Chirac: Musee de l'Homme, im Bau). In den Vereinigten Staaten sind es Potenzsymbole erfolgreicher Familien (der Guggenheims, Rockefellers, de Menils, Lauders). Dann wieder feiert sich einer allein, wie Getty, Gulbenkian oder Monsieur Pinault, dessen Museum (Architekt: Tadao Ando) auf der Seine-Insel im Komplex der ehemaligen Citroïn-Werke 2006 die Pforten öffnet. Ab und zu wird auch ein Künstler geehrt wie Ernst Ludwig Kirchner in Davos. Und manchmal feiern sich die Künstler selber. So Fernand Leger, Salvador Dali, Pablo Picasso und neuerdings Franz Gertsch (in Burgdorf). Die Aufzählung könnte Platz sprengend erweitert werden. Selbst im diesbezüglich unterentwickelten Italien tut sich etwas: In Rovereto am Gardasee wurde im Dezember ein Museum der Moderne und der Gegenwartskunst eröffnet (Architekt: Mario Botta).

Notabene: Es handelt sich ausnahmslos um ehrgeizige Bauwerke, die selbst als Kunstwerke wahrgenommen werden wollen. Frank Lloyd Wrights New Yorker Guggenheim, für die Kunst ein unbequemer Ort, hat diese Tradition begründet, das Bilbao-Guggenheim führt sie konsequent zu einem neuen Höhepunkt. Man geht nicht wegen der Kunst dorthin, der Bau ist das Ereignis. Ein Indiz dafür, dass auch das Museum unter das Gesetz der Quote gefallen ist, deren erste Devise heißt: Interesse, vulgo Neugier erregen.

Das schließt natürlich auch den Inhalt ein, die Sammlung. Aber die Erfahrung hat längst gezeigt, dass Sammlungen, und seien sie noch so edel, das Publikum nur auf kurze Dauer fesseln können. Deshalb hat sich eingebürgert, das Museum zu bespielen wie das Theater.

Wenn Klassiker auf dem Spielplan stehen wie Pablo Picasso, ist der Erfolg garantiert. Picasso und die Frauen, Picasso und die Kinder, Picasso und die Politik, Picassos Skulpturen, Zeichnungen, Grafiken, Picassos Blaue Periode, Rosa Periode, Picassos Kubismus, Surrealismus, Neoklassizismus, Picasso als Porträtist, der frühe Picasso, der späte Picasso - das ist Futter für die Medien. Noch nie hat eine Picasso-Ausstellung ihre Macher enttäuscht.

Das Dumme ist, dass nur mit wenigen Namen richtig Quote zu machen ist. Mit langen Schlangen - und wer dran kommt, wird nicht etwa eingelassen, sondern erhält ein Ti-cket mit Zeit und Datum, wann er wiederkommen soll. Dass in Veranstaltungen dieses Kalibers ein Vermögen investiert werden muss, braucht nicht erwähnt zu werden. Da gehen für ein Meisterwerk schon einmal 100000 Euro allein für die Versicherung drauf. Dabei ist nicht nur das Geld ein Problem, auch die Leihgeber bocken mehr und mehr. Verständlich, wenn man weiß, dass ununterbrochen angegangen wird, wer ein berühmtes Bild besitzt.

Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass die Mehrzahl der Neugründungen der Präsentation und der Pflege der Gegenwartskunst gewidmet ist. Die Bespielung ist etwas billiger, aber nicht einfacher. Da ist eine besondere Begabung gefordert, das herauszufiltern, was die Szene gerade zu bieten hat. Oder eine prometheische Veranlagung, aus der zu Tausenden zählenden Schar unbekannter Talente solche herauszupicken, mit denen Medien und Publikum in Erstaunen versetzt oder schockiert werden.

In London heißt das probate Rezept "The Shock of the New". Hier spielt die Musik - schon eine ganze Weile - am schrillsten, animiert von Charles Saatchi, Dramaturg, Regisseur und Mäzen in einer Person. Er steht hinter dem, was er YBA (Young Brit Art) taufte, genießt aber in allen wichtigen Kunstzentren als "artist-maker" und "market-maker" den Ruf der Nummer 1 (so die Art Review in ihrer letzten Ausgabe). Muss ich noch anführen, dass auch Mister Saatchi ein neues Museum plant, direkt gegenüber den Houses of Parliament?

Nicht nur die Produktion von Museumsräumen, auch die von Kunst hat einen historischen Höchststand erreicht. Von der Quantität her gesehen allemal. Was die Qualität anbelangt, befleißige ich mich völliger Neutralität. Und begnüge mich damit, in Gedanken das Wort Kunst mangels Alternative in Anführungszeichen zu setzen. Dabei stelle ich fest: Auch unabhängig von der Frage nach der Qualität wird die Verweildauer der Werke in den Museen immer kürzer. Selbst hoch gelobte Stücke müssen immer schneller in die Depots, um neuen Platz zu machen. So viele Museen kann man gar nicht bauen, wie tagtäglich neue Kunst entsteht. Die meisten der ausgelagerten Werke werden nie wieder das Licht erblicken. Dieser Prozess des Rotierens findet nicht nur aus Platzmangel statt. Er ist auch Ausdruck des Auswahlverfahrens, an dessen Ende ein kleines Häufchen von Werken übrig bleibt, das als die Kunst unserer Zeit in die Geschichte eingehen wird - in der Nachfolge von Giotto, Michelangelo oder Vermeer. Insgesamt betrachtet ist dies ein langer, oft Generationen übergreifender Prozess. Und ein faszinierender dazu.

Es ist müßig zu spekulieren, wer wohl von den Zeitgenossen in 100 Jahren den gleichen Grad von Wertschätzung genießt wie Vincent van Gogh heute. Im Unterschied zu seiner Zeit ist die Kunst von heute näher ins Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt. Die Kunstfreunde bilden zwar alles im allem immer noch eine Minderheit. Man darf sich nicht täuschen lassen: Auch wenn ein Ausstellungsereignis Hunderttausende von Besuchern anzieht, sind die meisten Touristen und insgesamt ein kleines Prozent von allen. Trotzdem: Dass das Interesse an der Kunst stetig wächst, ist nicht zu bezweifeln und Grund zur Freude, allen Unwägbarkeiten zum Trotz.

Mit Verlaub, eine Frage sei mir gestattet: Wie soll es weitergehen? Natürlich ist es idiotisch, den Zuwachs an Museen in den letzten 20 Jahren in die Zukunft zu extrapolieren. Dann würde bald jedes dritte Haus ein Museum. Anderseits ist Stillstand nicht zu erwarten. Und das ist meine Bange: Dass die Euphorie irgendwann ins Gegenteil umschlägt, das Publikum der Kunst überdrüssig wird und sich anderen Interessen zuwendet.

Werden dann die neuen Museen das gewesen sein, was in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Hallenbäder waren - eine vorübergehende Macke? Sie gehörten sozusagen zum Pflichtprogramm des aufgeschlossenen Politikers, im Zuge des neu erworbenen Wohlstands nach dem Krieg. Fast jedes Dorf musste eines haben. Nur: Die Schwimmbegeisterung des Publikums war lange nicht so anhaltend, die immensen Aufwendungen und Unterhaltskosten zu decken. Die meisten mussten geschlossen, umgenutzt, verscherbelt oder abgerissen werden.

Wenn Quote das oberste Kriterium für Aktivität ist, heißt das: Ein möglichst großes Publikum muss animiert werden - wie im Fernsehen. Dass dies vor allem zu einer Verflachung, wenn nicht Verelendung führt, ist der Lauf der Dinge - wie im Fernsehen. Dass Kunst Befriedigung von Neugierde sei, touristische Sehenswürdigkeit, Gesprächsstoff für Gesellschaftsklatsch, Gegenstand von Sozialprestige, nichts dagegen einzuwenden. Aber sie ist mehr.

Kunst als Zeitvertreib, das ist die falsche Richtung. Sie darf nicht zur zweitschönsten Nebensache der Welt abrutschen. Die Kunst enthält eine ganz andere und unvergleichliche Potenz. Sie inspiriert, wühlt auf, regt zum Denken an, fördert ästhetische Sensibilität auch bei Nichtkünstlern, macht für das Unkonventionelle aufgeschlossen, provoziert die Urteilskraft, befreit die Fantasie - lauter Eigenschaften, von denen die eine oder andere dem einen oder anderen in die Wiege gelegt werden, die aber für alle zur Bildung gehören sollten wie Lesen und Schreiben. Und auch gelehrt und gelernt werden können - nicht als Neben-, sondern als Hauptfach. Darüber nachzudenken und hier zu investieren ist zwar weniger glamourös als Museen zu bauen, aber der sichere Weg, alle die schönen neuen Museen auf Dauer am Leben zu erhalten.

Schade, dass es dazu keine Pisa-Studie gibt.

Man geht nicht wegen der Kunst dorthin, der Museumsbau ist das Ereignis

In London heißt das probate Rezept für einen Kassenschlager "The Shock of the New"

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