Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 48-57

Durch wilde Landschaften aus Beton

Von Christian Trster

Eine neue Generation von Fotografen aus Japan durchstreift das endlos wuchernde Dickicht der Großstädte Asiens. Ihre Momentaufnahmen aus dem Chaos sind nun in Hamburg zu sehen

Als der japanische Fotograf Ryuji Miyamoto 1987 die Kowloon Walled City in Hongkong betrat, konnte er die monströse Siedlung nur anstarren, zugleich fassungslos und fasziniert von dem, was Menschen vollbringen können. Hunderte Betontürme standen hier so dicht gedrängt, dass das Tageslicht den Boden nicht mehr erreichte. Innerhalb dieses künstlichen Gebirges bildeten ineinander verkeilte Manufakturen, Spielhallen, Lebensmittelgeschäfte, Bordelle, Zahntechniklabors und Wohnungen ein ebenso düsteres wie vitales Chaos. Mit 13000 Menschen pro Hektar war der (inzwischen abgerissene) Stadtteil der dichteste von Menschen je besiedelte Platz. In New York, zum Vergleich, teilen sich nur 91 Personen die gleiche Fläche. "Kowloon Walled City", erinnert sich Miyamoto, "war das größte Labyrinth des 20. Jahrhunderts. Durch seine verwinkelten Korridore zu gehen, war für mich ein Weg durch das Rätsel der menschlichen Existenz."

Mit seinen Bildern aus Kowloon hat Miyamoto nicht nur der Walled City ein Denkmal gesetzt, sondern zugleich ein Signal gegeben für die Fotokunst seines Landes. Architekturfotografie aus Japan erobert derzeit die Museen der Welt. Namen wie Ryuji Miyamoto, Toshio Shibata, Naoya Hatakeyama oder Osamu Kanemura schicken sich an, jenen deutschen Fotografen Konkurrenz zu machen, die in den neunziger Jahren mit ihren kühlen Bildern fast zu Synonymen für das Genre wurden: Thomas Struth, Andreas Gursky, Thomas Ruff und Candida Höfer. Gespiegelt wurde deren Erfolg auf dem Kunstmarkt mit Rekordpreisen, wie etwa dem für Gurskys "Paris, Montparnasse". Das auf fast vier Meter Länge vergrößerte Foto zeigt nichts als eine quer ins Bild gestellte Hochhausfassade. 600000 Dollar war dieses Mo-tiv einem Bieter bei einer Christie's-Auktion im vergangenen Jahr wert - der höchste jemals erzielte Preis für den Abzug eines lebenden Fotografen.

Damit bestätigte der Kunstmarkt nicht nur einen Künstler, sondern bekräftigte auch eine Allianz, die vom Anfang der Fotogeschichte an das Medium geprägt hatte: die zwischen Fotografie und Architektur. Schon das erste überhaupt erhaltenen Foto, ein Blick aus dem Fenster von Joseph Nicephore Niepce 1827, zeigt nicht Menschen, sondern Gebäude. Diese Tradition setzt sich fort über die ersten Daguerreotypien und Eugene Atgets Pariser Bilder bis hin zu Bernd und Hilla Bechers Serien zur Industriearchitektur. Doch fast alle Becher-Schüler haben inzwischen die so fruchtbare Verbindung zweier Disziplinen verlassen. Thomas Struth zeigt nun Blumen und Dschungelpflanzen. Thomas Ruff und Andreas Gursky verfremden ihre Sujets digital - so als ob die vom Menschen gemachte Wirklichkeit ihnen nicht mehr künstlich genug sei.

Und nun rücken die Japaner nach. Sie erkennen in der Architektur das Medium, in dem sich die menschliche Existenz und ihre Auseinandersetzung mit der Natur am genauesten widerspiegelt. Spätestens mit der Documenta 11 sind Ryuji Miyamotos Bilder auch einem breiteren Publikum bekannt geworden. Nach dem verheerenden Erdbeben von Kobe 1995 dokumentierte der Japaner mit sachlichem Blick die Verwüstung einer eben noch blühenden Industriestadt. Es sind Bilder einer Unordnung, die um so verstörender wirkt, als der vorherige Zusammenhang noch erkennbar bleibt. Was eben noch als alltäglich, unverrückbar und sicher galt, wurde binnen Sekunden umgeformt zu einem Mahnmal menschlicher Hybris. Da sind Bürogebäude, die aussehen, als hätte ein Riese ihnen die Füße weggetreten. Bei anderen ist nur ein Stock-werk zusammengebrochen. Die darüber liegenden Etagen sind einfach herunter gefallen. Hervorquellende Splitter zeugen von der Wucht des Aufpralls. Und in manchen Straßen sieht es aus, als hätte eine große Hand den Inhalt der Geschäfte auf die Straßen gefegt wie aus einer Schublade.

Eine ganz andere Schnittstelle zwischen Mensch und Natur interessiert Miyamotos Kollegen Toshio Shibata. Der lenkte seinen Blick ab Mitte der achtziger Jahre auf scheinbar banale Sujets wie Hangbefestigungen, Staudämme und armierte Uferböschungen. Deren wachsende Zahl im Land der aufgehenden Sonne hat ihren Grund in der geografischen Struktur des Landes. Der Großteil der Japaner wohnt seit jeher an den Küsten, dort aber in beengten Verhältnissen. Das steile und bergige Hinterland kann erst mit moderner Technik erschlossen werden - Maßnahmen, die bei boomender Wirtschaft vor allem in den Achtzigern vorangetrieben wurden.

Toshio Shibata, der in Tokio und dem belgischen Gent zunächst Malerei studiert hatte, entdeckt in den teils drastischen Eingriffen eine seltsam fremde Schönheit. Es ist kein anklagender, sondern ein staunender Blick, den er innerhalb eines eng gefassten Bildausschnittes auf seine Motive lenkt. Ein Blick, der die Wirklichkeit wahrnimmt, sie ästhetisch verwandelt und dadurch kenntlich macht. Meist in diffusem Winterlicht aufgenommen und in exzellenten Grautönen abgezogen, beobachtet Shibata ein Gegen- und Miteinander von Gewachsenem und Gebautem. Da verwandelt ein Betongitter einen buckligen Hang in eine Art Riesenrelief. Da stoßen ganz unterschiedliche Betonmauerwerke so aneinander, als hätte ein abstrakter Maler die Ingenieure beraten. Und textile Strukturen verformen ein Bachbett zur Großskulptur.

Naoya Hatakeyama, geboren 1958, reagiert auf die gleiche Situation mit gänzlich anderen Mitteln. Der rigiden Bautätigkeit in seiner Heimat spürt er zunächst an ihren Wurzeln nach. Seit 1991 besuchte er immer wieder jene Orte, an denen einer der wenigen Rohstoffe gewonnen wird, die Japan nicht importieren muss: Kalksandstein, die Basis für alle Beton- und Zementmischungen im Land. Beginnend mit einer Erkundung der monströsen Fabrikanlagen über einen Ausflug zu den geschundenen Landschaften nach dem Steinabbau, stieß Hatakeyama schließlich bis ins Innere der Industrie vor.

Er fotografierte ab 1995 in seiner Serie "Blast" die Sprengungen in den Steinbrüchen. Mit extrem kurzen Belichtungszeiten hält er den Ausbruch der Gesteinsmassen fest. Wie schockgefrostet hängen die Brocken da in der Luft - mal als Kas-kaden, mal als Wolken oder gar als gefährlich steinerne Nebelwände, die sich auf den Betrachter zuwälzen. Den eruptiven Steinformationen stellt Hatakeyama Bilder von formaler Vollendung gegenüber. In seinen "River Series" von 1993 und 1994 zeigt er die kanalisierten Flüsse seiner Heimatstadt Tokio. Sämtliche Bilder sind im Hochformat gehalten, auf allen liegt der Fluchtpunkt der Uferkanten exakt in der Mitte. Auf diese Weise erscheinen die Kanäle nicht nur wie die Rückseite der Stadt, was sie durch die Ausrichtung der Häuser tatsächlich sind, sondern wie eine dunkle Gegenwelt, in der sich die Metropole magisch spiegelt.

Dass zwischen Architektur und Fotografie noch eine andere Verbindung besteht als die historische, darauf verweisen die jüngsten Bilder von Ryuji Miyamoto. Schon in den neunziger Jahren hatte er sich für die flüchtigste Architektur Tokios interessiert, die Papphütten der Obdachlosen. Im Jahr 2001 kehrte er zu den Siedlungen mit einer überdimensionalen Camera Obscura zurück. Dieser archaische Projektionsapparat (durch ein simples Loch in der Wand wird das Bild der Wirklichkeit kopfüber in das Innere projiziert) ist das Urmodell aller Kameras. Darüber hinaus aber ist die Camera Obscura (lateinisch "dunkle Kammer") auch Architektur, insofern es sich bei ihr um umbauten Raum handelt. Diese Tatsache ist auch bei modernen Kameras niemals aufgehoben, wenngleich miniaturisiert.

In einem nie dagewesenen Akt fotografischer Identifizierung mit den Elenden stellt Ryuji Miyamoto seine Camera Obscura nun in die Obdachlosensiedlungen seiner Heimatstadt hinein und fotografiert von hier aus die Metropole mit all ihren Symbolen wirtschaftlicher Prosperität. Weil seine Kamera tatsächlich die Größe einer der Hütten hat, kann der Fotograf sich während des Belichtungsvorganges in ihr aufhalten. Als Schattenriss, meist auf dem Boden liegend, ist der Künstler so im eigenen Bild gegenwärtig.

Ausstellung: "Japan - Keramik und Fotografie" noch bis 4. Mai in den Hamburger Deichtorhallen. Galerien: Toshio Shibita bei Laurence Miller, New York. Ryuji Miyamoto bei Rudolf Kicken, Ber-lin. Naoya Hatekeyama bei L.A. Galerie, Frankfurt am Main

Fotografie und Architektur - diese uralte Allianz wird in Japan neu beseelt

Untergrund, Rückseiten, Ränder: Die Bilder zeigen das andere Gesicht der Städte

RYUJI MIYAMOTO

nannte seine frühen Bilderserien "Architektonische Apokalypse". Bis heute interessiert sich der 1947 in Tokio geborene Künstler vor allem für Gebäude im Niedergang. Er fotografierte verlassene Gefängnisse oder Theater im Abriss. Doch so sehr Miyamoto auch das Extreme sucht, seine Bilder wirken nicht durch Schock, sondern durch den Eindruck der konzentrierten Stille. In Europa wurde er vor allem durch seine Aufnahmen der 1995 durch ein Erdbeben verwüsteten Stadt Kobe bekannt. 1996 erhielt er dafür den Goldenen Löwen der Architekturbiennale in Venedig.

NAOYA HATAKEYAMA

verfolgt die Spur der Steine. In zwei großen Serien erforschte der 1958 geborene Fotograf zunächst die Umstände und Folgen des Gesteinabbaus in seiner Heimat. Er zeigte monströse Fabriken, verwüstete Landschaften und Jahre danach noch einmal die Gewalt der Sprengungen. Später ging er dorthin, wo der Rohstoff Stein zu einem kaum überschaubaren Moloch verarbeitet wurde: nach Tokio. Mit streng komponierten Bildern dokumentierte er die verborgenen Seiten der Stadt: die Kanäle und die Kanalisation. Stadt und Steinbruch, stellt er dabei fest, sind wie das Negativ und das Positiv ein und derselben Fotografie.

TOSHIO SHIBATA,

geboren 1949, wollte ursprünglich Maler werden. Seinen Fotografien, aufgenommen mit der größtmöglichen Plattenkamera, sieht man das Interesse an der abstrakten Form bis heute an. So rigide die Veränderung der Landschaft durch Einbauten auch immer ausfallen mag, Shibata versteht es, seine Bilder von Staudämmen und Hangbefestigungen vollendet durchzukomponieren. Um pure Ästhetik geht es dabei trotzdem nie. Die klaren, kühlen Bilder machen die Verflechtung von Natur und Kultur sichtbar.

Bild(er):

Bild: Im Jahr 1987 erkundete Ryuji Miyamoto die "Kowloon Walled City" in Hongkong - die Siedlung war damals der am dichtesten besiedelte Ort der Welt

Bild: Aus der Serie "Kobe" von 1995: Das mehrstöckige Gebäude liegt am Boden wie ein gestürzter Riese

Bild: Zerstörte Ladenzeile in Kobe: als hätte eine große Hand hindurchgefegt

Bild: Nach dem Erdbeben gesperrte Straße in Kobe: Die blühende Industriestadt wurde zum Katastrophengebiet

Bild: Schockgefrostete Explosion: In der Serie "Blast" von 1995 zeigte der Fotograf Sprengungen im Steinbruch

Bild: Aus der Serie "River" (1993/94). Hatakeyama begab sich zum Fluss unterhalb der belebten Straßen Tokios

Bild: Hangbefestigungen im Stadtgebiet von Tokio, 1994

Bild: Ein Kanal aus Beton in der Nähe der Stadt Honkawane, aufgenommen 1997 - das Bauwerk wird zur abstrakten Form

Bild: Textur der Technik: Verwitterte Hangbefestigung in der Stadt Tajima, 1989 fotografiert von Toshio Shibata