Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 38-47
Der Kunst-Betrieb
Von Adrienne Braun Gianni Occhipinti
Ein legendärer Ruf eilt ihr nicht voraus. Doch mit Ehrgeiz und Disziplin hat sich die Akademie Münster seit ihrer Gründung 1988 zu einer quirligen und aufgeschlossenen Talentschmiede entwickelt. Im traditionellen Klassenverbund arbeiten Professoren und Studenten an maximaler Eigenständigkeit und der großen Frage nach dem Zustand der Kunst / GIANNI OCCHIPINTI (FOTOS)
Schuld ist letztlich Joseph Beuys. "Nur aus der Kreativität des Menschen heraus können sich die Verhältnisse ändern", sagte er und änderte mit kreativen Menschen die Verhältnisse - zumindest an der Kunstakademie in Düsseldorf. Er nahm jeden auf, der sich um einen Studienplatz bewarb. In Scharen drängten die jungen Künstler in seine Klasse, die Räume platzten aus allen Nähten. Ehe es zu einer Explosion kam, griff das Ministerium ein: In Münster wurde 1972 eine Abteilung für Kunsterzieher gegründet.
Münster? Nicht eben die erste Adresse des Kunstbetriebs, vielmehr eine kleine Stadt mit 270000 Einwohnern, Landesmuseum, Stadtmusem, Kunstverein. Und einer Kunstakademie, denn 1988 wurde die Hochschule in eine eigenständige Akademie umgewandelt, die nun Künstler und Kunsterzieher gleichermaßen und gleichberechtigt ausbildet. 17 Professoren, 13 Klassen, rund 350 Studentinnen und Studenten. Überschaubar, keine Akademie, der ein legendärer Ruf vorauseilen würde wie bei der Konkurrenz in Düsseldorf. Gerade deshalb ist die Kunstakademie Münster anders als manche Künstlerschmiede, die sich starr an ihre Traditionen klammert. Lebendig, aufgeschlossen, rührig sind die Münsteraner - gestalten statt verwalten, Großes tun statt großtun.
Für das Erfolgsrezept der Kunstakademie in Münster steht der Na-me Manfred Schneckenburger. 1990 wurde der Kunsthistoriker, der zweimal die Documenta in Kassel leitete, als Professor berufen für ein neues Gebiet, das für eine Kunsthochschule so revolutionär wie erfolgreich war: Kunst und Öffentlichkeit. Seine erste große Tat brachte die Akademie auf Anhieb an die Öffentlichkeit: "In westfälischen Schlössern" hieß der Ausstellungszyklus, den er 1992 ins Leben rief und der unter dem Motto "Frischer Wind in alten Gebäuden" bis heute Furore macht. Die Studentinnen und Studenten begeben sich an historische Plätze in der Stadt und entwickeln Arbeiten vor Ort, die his-torische Brüche aufzeigen - und zugleich demonstrieren, dass es sie, die jungen Künstler, überhaupt gibt.
Das Schlagwort "Öffentlichkeit" ist zum Leitbegriff der Akademie in Münster geworden. Als die Kunsthochschule vor zwei Jahren endlich aus ihrem alten Plattenbau aus- und in einen Neubau auf dem Leonardo-Campus einziehen konnte, wurde dies mit den Mitteln der Kunst gefeiert. Vom alten zum neuen Gebäude wurde eine Linie quer durch die Stadt gezogen, die Orte auf der Tangente wurden mit Kunst versehen: ein Fahrradgeschäft, die Uni-Mensa, ein Computer-Laden, ein Sonnenstudio, ein Wohnhaus. "Projekt Direttissima" nannte sich die Aktion, mit der die Akademie weit über die Grenzen der Stadt hinaus Schlagzeilen machte.
Ein regnerischer Abend in Müns-ter. Über die Wiese zwischen dem Kardinal-von-Galen-Ring und dem Aasee laufen kurz vor Mitternacht zwei Gestalten durch die Finsternis: Guillaume Bijl und eine Studentin. Seit knapp zwei Jahren leitet der belgische Künstler die Klasse für Bildhauerei. Gemeinsam statten sie dem Wewerka-Pavillon einen Besuch ab, in dem die Studentin gerade eine Lichtinstallation präsentiert. Der gläserne Raum wurde im Jahr 1987 zur Documenta 8 auf Schneckenburgers Initiative in Kassel aufgebaut und 1988 nach Münster exportiert.
"Es war wie Hase und Igel", sagt Schneckenburger, "als ich hierher kam, war der Pavillon schon da." Die Stadt willigte ein, den Pavillon in Münster stehen zu lassen und ihn der Akademie zur Verfügung zu stellen. Zwei Tage im Monat ist Guillaume Bijl in Münster, und um die Zeit zu nutzen, kann es auch mal vorkommen, dass er sich noch zu später Stunde aufmacht, um eine studentische Arbeit zu besichtigen.
Am nächsten Morgen steht er gutgelaunt vor seiner großen internationalen Klasse - darunter mehrere Künstler aus Korea, Chile, Frankreich. Gemeinsam sitzen sie am Tisch und diskutieren in lustigem Kauderwelsch das Projekt einer jungen Frau, von Haus aus Ärztin, die Bakterien sichtbar machen will und dazu einen Nährboden aus Algen angelegt hat. "Es gibt viel Potenzial", sagt Bijl, weshalb er sich auch vorgenommen hat, jedes Jahr eine Ausstellung mit seinen Studenten zu machen und dabei die Kontakte zu nutzen, die er als erfolgreicher Künstler hat.
Schneckenburger, der 1995 zum Rektor ernannt wurde, vertritt das herkömmliche Klassensystem, auch wenn das "in Europa als konservativ, fast reaktionär gilt", wie er sagt. Denn die Klasse ist genauso wichtig wie der Professor, meint er, deshalb spricht man in Münster auch nicht von Korrektur, sondern von Kolloquium, wenn es darum geht, die Arbeit eines Einzelnen zu analysieren. Wenn Schneckenburger etwas nicht will, so sind es Epigonen, die ihrem Meister nacheifern.
Die Wahl der Professoren ist für jede Akademie ein heikles Thema. Viele von ihnen haben sich Künstlerstars eingekauft, um Glanz ins Haus zu bekommen, und haben sich dabei eine Menge Probleme aufgehalst: ein verärgertes Kollegium voller Konkurrenz, vernachlässigte Studenten, weil die Top-Garde des Kunstbetriebs oft nur am eigenen Ruhm arbeitet und durch die Welt jettet, statt in der Klasse präsent zu sein. "Wenn man sich einen Paik oder Kounellis aufhalst, dann hat man ein Problem", sagt Schneckenburger. Und Probleme kann er sich nicht leisten, aus ökonomischen Gründen und weil die Zahl der Professoren zwar verlässlich, aber knapp bemessen ist. Die Klassenstärke ist größer als in Dresden oder Düsseldorf, wenn ein Professor emeritiert wird, muss direkt im Anschluss sein Nachfolger beginnen, denn Vertretungen lassen der knappe Personalhaushalt und das Budget nicht zu. Zwang zur Disziplin, der sich bewährt - an anderen Hochschulen werden Berufungen oft Monate hinausgezögert und die Studenten behelfsmäßig abgespeist.
Es scheint, als sei es Manfred Schneckenburger gelungen, Professoren zu finden, die prominent, aber dennoch engagiert sind. Katharina Fritsch ist eine von ihnen. Sie schaut zwar auch nur selten vorbei, "bringt aber absolute Energie rüber", wie eine Studentin erzählt. "Sie reißt einen mit und hilft, die eigenen Bilder, die man im Kopf hat, weiterzuentwi-ckeln." In dem kleinen, vollen Atelier stehen Gipsabgüsse von Affen mit verschiedenen Dekors, hier hat jemand Babyplanschbecken zu einem Turm gestapelt, dort einen Kirchenstuhl zum Thron umgebaut - und man sieht einigen Objekten durchaus an, dass die Studenten ihrer Meisterin nacheifern. "Vom Stil her beeinflusst sie uns gar nicht", sagen sie, "aber es gibt schon gewisse Gemeinsamkeiten."
In der kleinen Galerie im Erdgeschoss nimmt Ulrich Erben gerade eine Prüfung ab und scheucht mürrisch den Fotografen weg - der einzige, der nicht in nervöse Euphorie verfällt, weil die Presse sich endlich auch mal für Münster interessiert. Am AStA-Brett hängt eine Protestschrift, so emsig scheinen die Vorbereitungen für den art-Besuch gewesen zu sein. "Wer hat dem kleinen Kinde gesagt, er solle sein Zimmer aufräumen, weil Onkel und Tante kommen?", steht in dem offenen Brief, und "wo sind denn die eckigen Persönlichkeiten der Akademie?" Ein gutes Zeichen, dass es hier bei aller Harmonie wohl doch noch einige Rebellen gibt. Neben dem Neubau der Kunstakademie sind noch alte Ställe, in denen Ateliers und Werkstätten eingerichtet wurden und es immer noch ein bisschen nach Pferd riecht. Einerlei, wohin man sich bewegt, ob in das großzügige Betonfoyer, ob in die verwirrenden Gänge mit den vielen Klassenzimmern, auf die Wiese, überall tauchen wie in einem Slapstick zwei Männer auf. Der eine groß, der andere kleiner, in lustig-modischen Anzügen huschen beide über das Areal und scheinen allgegenwärtig zu sein.
Es sind Maik und Dirk Löbbert, die gemeinsam Eingriffe in Architektur und öffentlichen Raum vornehmen, die in Münster gemeinsam die Klasse für Bildhauerei leiten - und meist auch gemeinsam sprechen. "Zu zweit sind wir sehr stark ...", sagt Maik Löbbert, "... und anstrengend", ergänzt Dirk, wieder Maik: "... ein Dialog, der permanent läuft." Wenn sie mit ihren Studenten beim Kolloquium sitzen, geht es darum, "immer ganz genau zu schauen", "einen Diskurs in Gang zu setzen, sich gegenseitig zu fragen", "zu ärgern." Man kann sich vorstellen, wie die Brüder sich die Bälle hin- und herwerfen. Schneckenburgers Ziel ist es, einen Prozess "ständig wachsender Selbstkritik" in Gang zu setzen. Er spricht von "maximaler Eigenständigkeit", will "jeden einzelnen möglichst optimieren". Wenn man in die Kolloquien der einzelnen Klassen hinein horcht, merkt man, wie mühselig dieser Prozess ist. Bei Mechthild Frisch, Professorin für Malerei, stellt sich gerade ein Student einer anderen Klasse vor. Er hat Fotografien mitgebracht, die man in großer Runde dis-kutiert. "Auf die Farbe hab' ich nicht so ein großes Augenmerk gelegt", antwortet der junge Mann auf die bohrenden Fragen. Als Frisch schließlich fragt: "Wieso sind das Kunstwerke?", herrscht Schweigen. "Es tut weh um jeden Künstler, der in eine Werbeagentur geht", sagt Andreas Köpnick, der die "Fylmklasse" leitet, wie an der Tür steht, und Film, Video, Fotografie und Neue Medien unterrichtet. Nur wenige der 350 Studierenden werden eine große Karriere machen. Der Anteil derer, die später von Kunst werden leben können, ist gering - fünf Prozent, schätzt Schneckenburger. "Aber es sind nicht immer die schlechtesten, die kein Geld verdienen", sagt er.
Auch wenn es dauert, das kreative Potenzial freizulegen, gelingt es in Münster doch immer wieder, erfolgreich Kunst in die Stadt zu bringen, nicht nur im Wewerka-Pavillon, sondern auch bei den verschiedenen Projekten im öffentlichen Raum, bei denen die Studenten zugleich lernen sollen, Anträge zu stellen, mit Behörden zu verhandeln und Sponsoren zu finden. Wenn der Transporter, den die Akademie besitzt, nicht ausreicht, müssen die Studenten selbst die Initiative ergreifen. "Die Akademie bietet einen Schutzraum, in dem Situationen exemplarisch durchgespielt werden, die die Studenten später erwarten", sagt Martin Henatsch, der für Kunst und Öffentlichkeit zuständig ist.
Das Engagement und die Spezialisierung auf Kunst im öffentlichen Raum zahlt sich aus: Gut die Hälfte aller Preise, die bundesweit in diesem Bereich ausgeschrieben werden, geht inzwischen nach Münster. Die Projekte in der Stadt sind aber auch wichtig, weil es immer wieder Unmut gibt, dass keiner der Professo-ren in der Stadt lebt - wohnen will eben doch niemand in Münster. Die Kunstakademie Münster: so international wie möglich, so regional wie nötig. Die Studenten scheinen das Programm in jedem Fall zu schätzen. Rund 400 junge Künstler bewerben sich pro Jahr, Künstler aller Richtungen, weil Münster nicht wie die Konkurrenten auf Malerei oder Fotografie abonniert ist, sondern alle Sparten abdeckt - angefangen von Performance und Feldforschung mit Lili Fischer bis zu Bildhauerei und Totalkunst mit Timm Ulrichs. Professoren, bei denen sich Schneckenburger sicher sein kann, dass sie die jungen Künstler nicht "windschnittig machen", aber ihnen trotzdem beibringen können, wie man sich auf dem Markt behauptet.
Weil hier jede Klasse ihr eigenes Profil hat, funktioniert diese straff or-ganisierte Kunstakademie besser als manch andere. "Bei uns gibt es viele Brücken, Kurven, werden Haken geschlagen", sagt Manfred Schneckenburger nicht ohne Stolz, "die Freiheit ist relativ groß."
Das Schlagwort "Öffentlichkeit" wurde zum Leitbegriff der Akademie
Künstler sollen erfolgreich, aber keinesfalls "windschnittig" werden
Studenten lernen auch, mit Behörden und Sponsoren zu verhandeln
Bild(er):
Bild: Die Löbberts und ihre Akademie: Als unzertrennliches Duo leiten Maik und Dirk die Bildhauer-Klasse
Bild: Feldforschung im Reich der Performance: Professorin Lili Fischer und ihre Studenten inszenieren ein Bild
Bild: "Wieso sind das Kunstwerke", fragt Professorin Mechtild Frisch in die Runde? Antwort: Schweigen
Bild: Ort für Experimente: Sebastian Wickeroth aus der Klasse von Ulrich Erben arbeitet mit dem ganzen Raum
Bild: Neubau der Kunstakademie in Münster mit den ehemaligen Pferdeställen im Hintergrund
Bild: Brachte "frischen Wind in alte Gebäude": Rektor Manfred Schneckenburger
Bild: Will jedes Jahr eine Ausstellung mit seiner in-ternationalen Klasse machen: Guillaume Bijl
Bild: Zwischen Lernen und Abgrenzen: Ein Turm aus Planschbecken im Atelier der Fritsch-Klasse
Bild: Abtauchen in Münster: Henri Alain Unsenos Beitrag zum Stadtprojekt "Direttissima"
Bild: Sensibler Moment zwischen Anerkennung und produktiver Kritik: Professor Udo Scheel mit Studenten
