Ausgabe: 03 / 2003
Seite: 12-37

Van Gogh - der Maler und sein Mythos

Von Alfred Nemeczek

TITEL: 150 Jahre Vincent van Gogh - Armut als Strategie / Sein Leben, das vor 150 Jahren in Holland begann, war von Misserfolgen, Krankheit und Entbehrung überschattet - und endete doch im Triumph: Kein Maler der Moderne wird heute so innig verehrt, keiner erzielt höhere Preise und keiner hinterließ der Nachwelt so viele Legenden. art zeigt seine schönsten Bilder und revidiert das Vorurteil vom armen, irren, stets unglücklichen Vincent van Gogh

So könnte es gewesen sein; ist es wirklich so gewesen? Düster war der Himmel, und bedrohlich kreisten schwarze Krähen, als sich der geisteskranke holländische Maler Vincent van Gogh am 27. Juli 1890 in Auvers-sur-Oise mit 37 Jahren an einem Ackerrand die tödliche Kugel gab. Der Schuss im Kornfeld wurde zum Startschuss für eine beispiellose Wirkungsgeschichte, die unter anderem viel Kapital bewegte und im Mai 1990 mit einer Versteigerung ihren vorläufigen Höhepunkt fand: Bei Christie's in New York erzielte Vincents Porträt des Mediziners Paul-Ferdinand Gachet den Rekordpreis von 82,5 Millionen Dollar. "Ich glaube der Tag wird kommen", hatte der Maler 1888 prophezeit, "wo die Leute meine Arbeit werden haben wollen." Er behielt Recht. Van Goghs Gachet-Bild ist bis heute das teuerste Kunstwerk der Moderne.

Und beflügelt den Kult vom tragischen Genie Vincent van Gogh. Sein Mythos ist unverwüstlich, wie es scheint; selbst Fälscher und Kunstdiebe aktualisieren ihn Jahr um Jahr mit ihren Verbrechen. Böte da nicht der 150. Geburtstag des Künstlers am 30. März 2003 den Anlass für eine behutsame Revision? Über ein Jahrhundert lang hält sich nun schon die Fama vom bitter armen Autodidakten, der für die Kunst übermenschliches Leid erduldet, ihr sein rechtes Ohr, den Verstand und sogar sein Leben geopfert hat. Der ein von Intuition gepeitschter Schnellmaler war und, so einst der Kritiker Max Deri, seine Bilder stets "in hemmungslosem Sturm" produzierte. Der sich in Arles sechs Kerzen an den Strohhut steckte, um bei einbrechender Dunkelheit noch schnell ein Nachtstück zu vollenden. Und der die Avantgarde anführte, obschon er nie studiert, nie ausgestellt und zeitlebens nur ein einziges Ölbild verkauft hat.

Alles falsch, bestenfalls halbwahr oder passend hingebogen - wie auch die Mär vom Gemälde "Kornfeld mit Krähen", das lange als van Goghs letztes Werk galt und vermeintlich den Freitod des Unglücklichen annoncierte. Doch van Goghs Suizid war zweifelsfrei ein Unfall oder eine Kurzschlusshandlung, und die angeblich finale Landschaft ist - vor mindestens acht "letzten" Bildern - bereits drei Wochen früher entstanden. Selbst wenn Vincent 1879 als Evangelist im belgischen Bergwerksdistrikt Borinage tatsächlich jede Raupe mitfühlend vom Weg geklaubt und auf einen Baum gerettet haben sollte (wie sich 45 Jahre später ein Pastor erinnerte) - er war ein spröder, aufbrausender Charakter, der sich selber als "grässlich und reizbar" empfand, und keinesfalls der "Christus-Mensch", zu dem ihn zunächst der einflussreiche deutsche Kunstschriftsteller Julius Meier-Graefe (1867 bis 1935) und dann der Hollywood-Regisseur Vincente Minnelli verklärten. Aber jede TV-Wiederholung des Kinomelodrams "Ein Leben in Leidenschaft" (1956, Titelrolle Kirk Douglas) stabilisiert das Vorurteil vom begnadeten Psy-chopathen, dessen Kunst zumindest partiell von den Wonnen seines Wahnsinns profitierte.

Doch damit soll nun Schluss sein. Rund 150 Arbeiten von 75 Künstlern bietet das Van Gogh Museum in Amsterdam auf, um das Zerrbild vom Schmerzensmann zu korrigieren, der im Affekt die Malerei des 19. Jahrhunderts aufmischte und dabei keiner Kunstgeschichte zu Dank verpflichtet war. Mit Gemälden von Klassikern wie Botticelli und Rembrandt, direkten Vorläufern wie Eugene Delacroix, Gustave Courbet, Jean-Francois Millet sowie Arbeiten von Zeitgenossen des Künstlers kommt in der jüngst eröffneten Jubiläumsschau erstmals "Vincents Wahl" (Ausstellungstitel) ans Licht - ein imaginäres Museum, das ihn nachweislich vom 16. Lebensjahr an begleitet und als Maler angeregt hat. Mit rund 30 typischen Werken des Holländers demonstriert die Schau sodann den Einfluss des Umfelds auf seine Entwicklung.

Viele seiner Vor-Bilder sah Vincent in den Museen von Den Haag, Brüssel, Paris und London, wo er ab 1869 in den Filialen der florierenden Kunsthandlung Goupil & Cie das Galeristenhandwerk erlernte. Untergekommen war der Pastorensohn in einer Art Familienbetrieb, an dem sein Onkel Vincent beteiligt war. Der Lehrling stammte also keineswegs aus kargen Verhältnissen und hatte außerdem zuvor eine solide Internatsbildung genossen.

Viele Meisterwerke, und zwar deutlich mehr, als die Amsterdamer Schau dokumentieren kann, hat er selber besessen - in Form einer umfangreichen Sammlung von schwarzweißen Nachstichen und Fotografien. Auch Reproduktionen der sozialkritischen englischen Illustratoren George Boughton und Hubert Herkomer hortete der Eleve. 1886/87 in Paris, als er schon Maler war, faszinierten ihn dann populäre Farbholzschnitte der Japaner Hiroshige, Utamaro und Kunisada. Vincent schaffte sie in großen Mengen an - und finanzierte ihren Erwerb durch Weiterverkauf an seine Künstlerfreunde. Was unter anderem beweist, dass der Einzelgänger seinerzeit weder isoliert noch unfähig war, Geld zu verdienen.

Eigene Werke gab er kleinen Pariser Galerien in Kommission oder verpfändete sie beim Händler Julien Tanguy gegen Farben. Allen Freunden und sogar dem Malerkollegen Charles Angrand (1854 bis 1926), den er bewunderte, aber nicht kannte, bot er damals an, Bilder mit ihm zu tauschen. Rund 50 Arbeiten, schätzen die Forscher, kamen so bis zum Ende von Vincents Karriere in Umlauf, darunter etliche zu Freundschaftspreisen oder als Geschenk. Und damit wankt auch die Legende vom Verfemten, dessen Kunst zu Lebzeiten nicht wahrgenommen wurde, weil keiner sie kannte. Während der Pariser Zeit war Vincent an Ausstellungen in Cafes und einem Theater beteiligt, die er teils selber organisiert hatte. Seine seit dem Frühjahr 1888 in Südfrankreich entstandenen Bilder frachtete er regelmäßig seinem vier Jahre jüngeren Bruder Theo (1857 bis 1891). Der war Angestellter der Pariser Kunsthandlung Boussod, Valadon & Cie (Nachfolgefirma von Goupil & Cie.) und informierte nicht nur seinen großen Bekanntenkreis über Vincents Bilder, sondern brachte sie auch wiederholt im Pariser "Salon der Unabhängigen" unter.

Den besten Beleg für Vincents Präsenz auf der Avantgarde-Szene liefern 37 an Theo van Gogh adressierte Kondolenzbriefe vom Spätsommer 1890. Künstler und Kritiker aus Holland, Frankreich, Australien, Belgien, Dänemark, England und Italien variierten darin die Beileidsformel des belgischen Malers Eugene Boch, der sich kurz gefasst hatte: "Ein großer Künstler ist tot."

Die Amsterdamer Ausstellung zeigt nun mit Originalen von Peter Paul Rubens, Frans Hals und Albrecht Dürer: Der große Künstler van Gogh hat sich stets an den Größten orientiert. Doch war er deshalb schon der arrogante Autodidakt, der von lebenden Malern nichts lernen wollte? Auch hier besiegen Fakten die Legende: Nicht weniger als drei Mal hat Vincent versucht, sein Selbststudium akademisch zu unterfüttern. Den ersten Anfängerkurs besuchte er 1880 in Brüssel, die erste Malklasse im Januar 1886 an der Kunstakademie von Antwerpen. Dazwischen erteilte ihm 1882 sein angeheirateter Vetter Anton Mauve, ein Malerstar der so genannten Haager Schule, Unterricht in Den Haag, und im Jahr 1886 übte van Gogh an der Privatakademie des erfolgreichen Pariser Salonmalers Fernand Cormon (1845 bis 1924). An diesem Sammelpunkt junger Kunstrebellen traf Vincent die Kommilitonen Henri de Toulouse-Lautrec, Georges Seurat, Emile Bernard und Paul Signac, die seine Freunde wurden. Den Schulstress freilich hielt er nur drei Monate durch. Auch von Brüssel, wo die Akademie nichts kostete, hatte er nach knapp einem halben Jahr genug gehabt, von der Antwerpener Hochschule nach etwa acht Wochen.

Das systematische Studieren ging van Gogh einfach nicht fix genug - vor allem, wenn er seine Lage bedachte: Er war ja nun schon über 30 und trug schwer an seiner Hypothek als Versager, der zuvor in fünf bürgerlichen Berufen gescheitert war.

Aus dem Kunsthandel war er rausgeflogen, nachdem ihn 1875 ein christlicher Offenbarungsschub ereilte, dessen "mystische und theologische Tiefsinnigkeiten" (wie er später bereute) sich mit seinem Job nicht länger vertrugen. Aus England, wo van Gogh 1876 als unter- und meist unbezahlter Privatschullehrer voll Hingabe Gottes Wort predigte, vertrieb ihn nach wenigen Monaten das Heimweh. In Holland, nach Rück-flucht ins Elternhaus, vergeigte er ein Buchhandels-Volontariat in Dordrecht und vertat auch die Chance, sich mit dem Geld seiner reichen Verwandten für ein Theologiestudium an der Uni Amsterdam zu qualifizieren. Der Eiferer verdammte "die ganze Universität als unbeschreiblichen Schwindel wo lauter Pharisäertum gezüchtet wird" - und schmiss hin.

Letzter und folgenreichster Flop: Vincents Versuch, 1879 im belgischen Bergbaubezirk Borinage als Evangelist und Laienprediger Fuß zu fassen. Der Proband bestand weder den Vorbereitungslehrgang noch das anschließende Praktikum bei den ausgebeuteten Arbeitern, erhielt nach neun Monaten die Kündigung und sah sich erstmals vor den Trümmern seiner Existenz.

Dabei quälten ihn nicht nur Geldsorgen. Die kannte er so gut wie die nachhaltige Hilfsbereitschaft seiner Eltern, die ihn damals mit Wäschepaketen und Überweisungen unterstützten und ihm bis zum Tod des Vaters (1885) auch weiterhin aus jeder Klemme halfen. Danach sprang Bruder Theo in die Bresche. Zwei Jahre lang gewährte er Vincent in Paris Kost, Taschengeld, Malmaterial und Logis. Und als sich Vincent 1888 in den Süden absetzte, schickte Theo Scheck um Scheck in die Provence.

Als angestellter Kunsthändler verdiente Theo so viel wie ein durchschnittlicher Anwalt - jährlich etwa 7000 Franc plus Verkaufsprovision, von denen er Vincent 2660 Franc abgab. Damit kam der Künstler zwar selten aus, doch war er niemals wirklich arm und schon gar nicht mittellos. Auch dem damals schon arrivierten Impressionisten Camille Pissarro (1830 bis 1903) brachte seine Kunst im Jahr 1887 weniger als 4000 Franc ein - sehr zum Kummer seiner Frau: "Wir sind acht Personen bei Tisch."

Das Bewusstsein permanenter Abhängigkeit vom Geld der anderen verschärfte für Vincent allerdings die Sinnfrage - erst recht nach dem Jobverlust im Borinage: "Wozu könnte ich taugen, könnte ich nicht auf irgendeine Art dienen und nützlich sein?" So sinnierte Vincent im 133. seiner über 650 Briefe an Theo. Begonnen hatte diese singuläre Korres-pondenz, die alle Bausteine des späteren Mythos enthält, bereits 1872. Sie informiert über die 22 Wohnorte Vincents, reflektiert seine Kunst- und Leseerlebnisse, dazu seine durchweg gescheiterten Liebesaffären, seine Krankheiten, künstlerischen Visionen und familiären Konflikte - Bruderkrieg inbegriffen.

Denn ganz so ideal, wie es die Herzlichkeit der meisten Briefe suggeriert, ist auch Vincents Verhältnis zu Theo nicht gewesen. Im Borinage gerieten die Brüder 1879 zum ersten Mal hart aneinander, als Theo den gestrandeten Vincent besuchte und ihm vorschlug, sein "Rentnerdasein" zu beenden und Bäcker zu werden. Den schlimmsten Knacks jedoch erfuhr die Beziehung in Den Haag. 1882 wollte Vincent dort eine schwangere Prostituierte heiraten. Im Namen der geschockten Familie van Gogh erpresste Theo den Bruder mit einer unfeinen Alternative: entweder Entmündigungsklage samt Verlust der Bezüge oder Trennung von der Geliebten. Vincent gab nach, wollte aber fortan Theos Zahlungen nur noch als Kredit eines untüchtigen Kunsthändlers betrachten, der "noch nie auch nur eine einzige Arbeit" von ihm verkauft habe. Umgekehrt litt Theo später in Paris unter seinem "beinah unhaltbaren" Hausgast und klagte: "Niemand will mich mehr besuchen."

Den Schlagabtausch im Borinage jedoch konnte Vincent noch klar für sich entscheiden. Während des ganzen Disputs mit Theo verbarg er einen Joker im Ärmel. "Um Gedanken zu klären, die sich mir beim Sehen der Dinge unwillkürlich aufdrängen", hatte er nämlich schon vor dessen Ankunft "oft bis spät in die Nacht" gezeichnet und damit einen Weg betreten, auf dem ihm während der nächsten zehn Jahre kein Fehltritt mehr unterlief: Van Gogh hatte sich entschlossen, Künstler zu werden.

Von Anfang an begriff er bildende Kunst auch als Verkündigung des überirdisch Wahren. Denn steckte nicht "etwas von Rembrandt im Evangelium oder etwas vom Evangelium in Rembrandt"? Bis zum Ende seiner Tage sah er die malerische Form im Dienst des Inhalts. Aber klug vermied er - so der Kunsthistoriker Roland Dorn - "alle vordergründige Symbolik oder Symbolistik, die sonst in diesem Zeitraum so verbreitet war." Immer wollte er "hin zum Gewichtigen, Echten." Und auch in glücklichen Momenten, wenn er von Pinselstrichen schrieb, die "wie mit der Maschine" gingen, "war und blieb van Gogh davon überzeugt, hinzulernen zu müssen" (Dorn).

Bisweilen forcierte Vincent sein Tempo und malte - "hingerissen, hingerissen von dem, was ich sehe" - in Arles mit dem Sonnenuntergang um die Wette. Dennoch war er nie der Schnellmaler, zu dem ihn seine Nachwelt machte, sondern eher ein bedächtiger Motiv-Stratege: Meist brauchte er "einen halben Tag oder mehr", errechnete Dorn, "um die Komposition festzulegen" - in der Regel auf einer Zeichnung. Erst dann folgten Natur- oder Modell-"Studien" in Öl. Nur die besten wurden schließlich im Atelier zum "Bild" oder zur "Komposition" entwickelt.

"Arbeitsrausch" und "Arbeitswut", von denen in den Briefen die Rede ist, betrafen daher vor allem das immense Arbeitspensum, mit dem sich der Autodidakt überforderte. Er hatte sich ja 1880 zum Ziel gesetzt, "möglichst schnell präsentable und verkäufliche Zeichnungen machen zu lernen, so dass ich durch meine Arbeit zu verdienen anfange". Und weil er kaum Begabung mitbrachte, war für ihn das Erlernen des künstlerischen Handwerks ein verzweifeltes "Sichdurcharbeiten durch eine unsichtbare eiserne Wand, die zwischen dem was man fühlt und dem, was man kann, zu stehen scheint". Trotzdem wahrte der Zeichner Disziplin; erst nach zwei Jahren riskierte er in Holland 1882 sein erstes Ölgemälde.

Drei Jahre später hat er dann schon rund 200 eindringliche Studien von Landschaften, Webern und Bauern in tonigen Erdfarben sowie das Meisterwerk "Die Kartoffelesser" auf seiner Liste - und ist nun ein versierter Maler, der sogar Privatschüler unterrichtet. In Paris, wo auch 29 seiner 37 Selbstporträts entstehen, erhellt das Farbenfest des Impressionismus seine zuvor dumpfe Palette; in der Provence findet er ab 1888 zu seiner eigenen expressiven Farbsymphonik, die viele Jahre lang nur wenige begreifen oder gar durch Ankauf adeln mochten.

Dass da einer als Erster den Sonnenball pastos ins Bild setzte - ein Visionär, der mit dem Sämann das Leben, mit der Ernte den Tod, mit dem "Nachtcafe" die Vorhölle und mit dem innigen Porträt einer Kinderfrau Seeleute meinte, die "wieder ihr eigenes Wiegenlied" hören: All diese "Abweichungen, Umarbeitungen, Veränderungen der Wirklichkeit" (van Gogh) sprengten den herrschenden Kunstbegriff. Sogar Vincents bester Malerfreund, der Avantgardist Paul Gauguin (1848 bis 1903), hatte mit so viel anmaßender Innerlichkeit seine Schwierigkeiten.

Dramatisch, mit der Selbstverstümmelung des rechten Ohrs, wurde Ende 1888, während Gauguins Besuch in Arles, dann Vincents Geis-teskrankheit manifest. Sie ließ den Maler nicht mehr los, nährte nach seinem Selbstmord den Märtyrer-Mythos und lieferte den Verächtern seiner Bilder Argumente. Aber nie hat van Gogh so genannte "Irrenkunst" produziert. Seine Krise in Arles und die Anfälle im freiwilligen Exil der Psychiatrie von Saint-Remy erzwangen vielmehr strikte Kunst-Pausen, nach deren Ende der Patient jedoch wieder malen konnte, als wäre nichts gewesen.

Am Ende seiner Tage ging esvan Gogh paradoxerweise besser als vor seiner Krankheit. Er stand sich selbst nicht mehr im Wege, und sein Können gab ihm Halt. Zu den größten Leistungen seines oft erbärmlichen, tragischen Lebens gehört wohl die Wirkung auf die nachfolgenden Künstler-Generationen. Weil Vincent sich malend und schreibend nichts vormachte, weiß jeder, was ihm bevorsteht: im schlimmsten Fall ein trivialer Mythos.

Dr. Gachet wartet im Tresor auf neue Käufer

Es ist nicht das letzte, wohl auch nicht das beste von Vincent van Goghs großartigen Porträts, aber es ist das teuerste. Als der japanische Papierfabrikant Ryoei Saito 1990 das "Bildnis Dr. Gachet" für 82,5 Millionen Dollar ersteigerte, hielt es den Rekord als höchstbezahltes Kunstwerk aller Zeiten. Seit 2002 ein Rubens-Gemälde noch mehr erzielte, rangiert es als teu-erstes Bild der Moderne auf Platz zwei eines goldenen Höchstpreis-Dutzends. Ein Selbstporträt, ein Schwertlilien- und ein Sonnenblumengemälde van Goghs halten die Plätze fünf, neun und zwölf.

Kein schlechtes Resultat für einen Außenseiter, der zu Lebzeiten nur einmal für ein Bild den Marktpreis von 400 Franc erzielte. Mehr als 50 bis 100 Gulden (etwa 200 bis 400 Euro) konnte anfangs auch Vincents Schwägerin Johanna van Gogh-Bonger nicht kassieren, die das Oeuvre vermarktete, als kurz nach dem Maler 1891 auch ihr Mann, sein Bruder Theo, starb. Johannas im Januar 2003 erstmals veröffentlichtes Haushaltsbuch dokumentiert es.

Erst nach 1900 stiegen die Preise. Für 20000 Franc (heute rund 65000 Euro) erwarb Frankfurts Städel 1911 das Gachet-Porträt - es wurde 1937 von den Nazis konfisziert. Inzwischen - Rekordbieter Saito ist 1996 hoch verschuldet gestorben - wartet es in einem Banktresor auf Käufer. Und um die einst 24,75 Millionen Pfund teuren "Sonnenblumen" ist eine Echtheitsdebatte entbrannt.

Van Gogh - Leben, Werk und Wirkung

1853 Vincent Willem van Gogh, geboren am 30. März als ältester Sohn des protestantischen Pfarrers Theodorus van Gogh (1822 bis 1885) und seiner Frau Anna Cornelia, geborene Carbentus (1819 bis 1907) in Zundert (Brabant). Vincent hat drei Schwestern und drei Brüder, von denen der älteste kurz nach der Geburt gestorben ist.

1857 Geburt des Lieblingsbruders Theo van Gogh.

1861-1868 Dorfschule in Zundert (bis Sommer 1862), Privatunterricht (bis Oktober 1864), Privat-Internat in Zevenbergen (bis August 1866), staatliche Internats-Mittelschule in Tilburg (bis März 1868). Perfekte Beherrschung der Fremdsprachen Englisch, Französisch, Deutsch.

1869-1872 Lehrling in den Filialen Den Haag und Brüssel der Kunsthandlung Goupil & Cie.

1872 Beginn der Korrespondenz mit Theo, der 1873 Lehrling in der Brüsseler Goupil-Niederlassung wird. Bis 1890 über 650 Briefe Vincents an den Bruder.

1873 Praktikant in der Pariser Goupil-Zentrale und Arbeit in der Filiale London (mit gelegentlicher Aushilfstätigkeit in Paris).

1874 Unglücklich verliebt in Eugenie Loyer,

Tochter der Londoner Zimmerwirtin.

1875 Gehilfe bei der Pariser Kunsthandlung Goupil & Cie.

1876 Verliert seinen Job während einer Phase obsessiver Frömmigkeit und intensiver Bibellektüre. Privatlehrer für Französisch, Deutsch und Arithmetik sowie Hilfsprediger in England. Weihnachten Rückkehr zu den Eltern, die jetzt in Etten bei Breda leben.

1877-1880 Ab Januar 1877 Buchhandelsvolontär in Dordrecht. Im Mai Umzug nach Amsterdam, um die Universitätsreife für ein Theologiestudium zu erwerben. Abbruch der Privatstudien und 1878 erfolgloser Lehrgang an einer Evangelistenschule in Laeken bei Brüssel. Ab Januar 1879 Probezeit als Laienevangelist im belgischen Bergwerksdistrikt Borinage. Als ihm nach neun Monaten an dieser "großen Hochschule des Elends" die Festanstellung verweigert wird, bleibt van Gogh im Borinage, um nunmehr Künstler zu werden. Intensives Zeichnen nach Mustermappen und Reproduktionen der Gemälde von Jean-Francois Millet (1814 bis 1875). Theo, nun angestellt bei Goupil & Cie in Paris, beginnt, den Bruder finanziell zu unterstützen. Im Oktober 1880 belegt Vincent einen Anfängerkurs an der Brüsseler Kunstakademie.

1881 Zeichnen bei den Eltern in Etten. Leidenschaftliche Liebe zu seiner verwitweten Cousine Kee Vos, die ihn mit den Worten "nie, nein, nimmer" abweist.

1882/1883 Umzug nach Den Haag, wo den Zeichner ein entfernter Vetter, der Maler Anton Mauve, zur Ölmalerei ermutigt. Ein Onkel, der Amsterdamer Kunsthändler Cornelis van Gogh, bestellt bei Vincent 19 Zeichnungen: Ansichten von Den Haag und Amsterdam für insgesamt 50 Gulden. Im Auftrag der schockierten Familie zwingt Theo den Bruder zur Trennung von der Prostituierten Clasina Maria ("Sien") Hoornik. Vincent zürnt den Eltern: "Schäme mich gewissermaßen, dass sie so sind." September bis Dezember 1883: Malen in der Provinz Drenthe.

1884/1885 Wieder bei den Eltern, die nun in Nuenen leben. Bis Ende November 1885 rund 200 tonig-expressive Ölgemälde von Textil- und Landarbeitern, darunter das erste Meisterwerk "Die Kartoffelesser". Studiert nach einem Buch von Charles Blanc den Komplementärkontrast. Malt sechs dekorative Bilder für einen Eindhovener Goldschmied und unterrichtet lokale Amateurmaler. Selbstmordversuch der Nachbarin Margot Begemann, die sich in Vincent verliebt hat. Tod des Vaters nach einem Schlaganfall. August 1885: erste Ausstellung von Bildern van Goghs in zwei Schaufenstern des Farbenhändlers Leurs in Den Haag; Ende November Abreise nach Antwerpen.

1886 Ab Januar Studien an der Antwerpener Kunstakademie. Erscheint im März überraschend bei Theo in Paris und zieht bei ihm ein. Studiert im Privatatelier des Salonmalers Fernand Cormon. Lernt dort als Kommilitonen die postimpressionistischen Maler Henri de Toulouse-Lautrec, Emile Bernard, Paul Signac und Georges Seurat kennen, begegnet in Paris aber auch den Impressionisten Edgar Degas und Camille Pissarro, der ihn mit Paul Gauguin (1848 bis 1903) bekannt macht. Vincent malt rund 40 Blumenstillleben, um Farbkontraste zu erproben.

1887 Vincent entdeckt in populären japanischen Farbholzschnitten die "Gegenbilder der europäischen Kunstideale" (Kunsthistoriker Hans Belting) und organisiert eine Verkaufsausstellung dieser Blätter im Restaurant "Tambourin", zeigt dort auch eigene Bilder. In einem anderen Gasthaus arrangiert er eine Schau für sich und seine Malerfreunde. Erste Bilderverkäufe zu klei-

nen Preisen durch den Farbenhändler Julien

("Pere") Tanguy. Letzte halbwegs verbürgte Liebesaffäre Vincents mit der "Tambourin"-Wirtin Agostina Segatori. Bilanz der Pariser Zeit: Vincent holt den Impressionismus nach und malt auch pointillistisch; seine Palette wird heller. Mehr als 300 Zeichnungen und Bilder, darunter 29 seiner insgesamt 37 Selbstbildnisse. Bildertausch mit Kollegen.

1888, Frühjahr 20. Februar: Eintreffen in Arles (Provence) mit großen Plänen. Vincent, im hektischen Paris "beinah ein Säufer" geworden, will beim Malen vor der Natur "Ruhe und Gleichgewicht wiederfinden" und für seine Künstlerfreunde ein "Atelier des Südens" samt Produzentengalerie einrichten, um "den endlichen Sieg" über seine Geldnot zu erzwingen. Malt zunächst die Langlois-Zugbrücke und während der Baumblüte eine Serie von Obstgärten. Mietet im Mai das so genannte "Gelbe Haus" als Atelier. Lädt Paul Gauguin ein, mit ihm dort zu wohnen. 30. Mai bis 3. Juni: Fahrt in der Postkutsche nach Saintes-Maries-de-la-Mer. Rückkehr mit drei Gemälden und acht Zeichnungen, die zu seinen besten Arbeiten gehören.

1888, Sommer Abstecher nach Tarascon. Begegnung mit dem belgischen Maler Eugene Boch, mit dem Zuaven-Unterleutnant Paul-Eugene Milliet und dem Postbeamten Joseph Roulin, die er später porträtiert. Gauguin akzeptiert die Einladung nach Arles. Arbeit an Erntebildern, darunter "Der Sämann". Im Spätsommer und im Herbst entstehen die berühmtesten der rund 350 Werke von Arles: die Serie der "Sonnenblumen", das "Nachtcafe" und die "Cafeterrasse bei Nacht", der "Sternenhimmel" sowie das "Schlafzimmer". Kommt mit Theos Geld nicht aus, leidet unter Einsamkeit, trinkt viel und setzt sich bei der Arbeit unter Stress. Deutet im September die Möglichkeit an "zu verblöden".

1888, Herbst Ende Oktober: Paul Gauguin trifft in Arles ein; gemeinsames Malen, Trinken und "hygienische Spaziergänge" (Gauguin) ins Bordell. Abstecher nach Montpellier: erregte Diskussionen vor Bildern von Eugene Delacroix und Gustave Courbet im Musee Fabre.

1888, Winter Das Verhältnis der Freunde wird immer gespannter, nur schwer erträgt Vincent Gauguins Kritik an seiner Arbeitsweise. Als Gauguin Abreisepläne äußert, kommt es am 23. Dezember nachts während eines Streits zum Zusammenbruch und zur Selbstverstümmelung van Goghs. Er bringt das abgetrennte Ohrstück in ein Bordell. Später findet ihn die Polizei im Gelben Haus und schafft ihn ins Krankenhaus. Gauguin, der in ein Hotel ausgewichen ist, telegrafiert Theo herbei. Nach einem Besuch im Hospital reist Theo am 26. Dezember mit Gauguin wieder nach Paris.

1889 7. Januar: Entlassung Vincents aus dem Hospital; 8. Januar: er malt wieder - alles sei "nur ein einfacher Künstlerrappel" gewesen. 7. Februar. Neuer Anfall, zweiter Krankenhausaufenthalt bis 17. Februar. 18. Februar: Bürger protestieren schriftlich gegen van Gogh, der sich angeblich unsittlich aufführt. Polizeiliche Internierung im Krankenhaus. Besuch des Pariser Malers Paul Signac, der ihn in guter Verfassung vorfindet. 8. Mai: Vincent geht freiwillig in die Anstalt Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Remy-de-Provence. Bleibt dort 53 Wochen und erleidet vier schwere Rückfälle. Dennoch entstehen nahezu 300 Zeichnungen und Gemälde, darunter "Schwertlilien" und "Sternennacht". Beide werden ausgestellt im Pariser "Salon der Unabhängigen". Im November Einladung, mit der Künstlergruppe "Les XX" in Brüssel auszustellen, dabei erster Verkauf eines Bildes zum regulären Kunsthandelspreis von 400 Franc.

1890 Die Pariser Kritiker J. J. Isaäcson und Albert Aurier publizieren erste Artikel über Vincents Malerei. Ausstellung von zehn Bildern bei den "Unabhängigen". 16. Mai: als "geheilt" aus der Anstalt entlassen. Besuch bei Theos Familie in Paris. Theo hat 1889 die Holländerin Johanna Gesina Bonger (1862 bis 1925) geheiratet; ihr Sohn Vincent Willem van Gogh ist dreieinhalb Monate alt. Umzug Vincents nach Auvers-sur-Oise. In zehn Wochen rund 60 Zeichnungen und 82 Ölbilder, darunter zwei Porträts seines dortigen Arztes Paul Ferdinand Gachet, der Vincent das Weitermalen als Therapie empfiehlt und sonst wenig für ihn tut. Van Gogh porträtiert auch Gachets Tochter Marguerite (21 Jahre), in die er angeblich verliebt ist. 27. Juli: Vincent verletzt sich durch einen Pistolenschuss. 29. Juli: stirbt in Theos Gegenwart im Gasthof Ravoux. Theo honoriert Gachet mit einem Selbstbildnis Vincents und weiteren Gemälden, darunter "Kirche von Auvers". Im September zeigt Theo in einer Pariser Wohnung 350 Arbeiten für Freunde. Oktober: Theo erleidet einen Tobsuchtsanfall, Einlieferung erst in die psychiatrische Klinik Passy, dann in eine Utrechter Anstalt.

1891 25. Januar: Tod Theo van Goghs. Seine Witwe Johanna bringt zehn Bilder Vincents im Pariser Salon der Unabhängigen unter.

1892 Johanna unterstützt Van-Gogh-Ausstellungen in Paris (Galerie Louis-Leon le Barc de Boutteville), Amsterdam, Rotterdam, Den Haag.

1893 Erste Veröffentlichung von Briefen van Goghs an den Maler Emile Bernard; Ausstellung in Kopenhagen (zusammen mit Bildern Gauguins).

1894 Ein Gemälde Vincents aus dem Nachlass des Farbenhändlers Julien Tanguy für 100 Franc versteigert.

1895 Ausstellung in der Galerie Ambroise Vollard, Paris.

1901 Erste große Pariser Van-Gogh-Retrospektive in der Galerie Bernheim-Jeune; finanziell erfolglos. Erste deutsche Ausstellung im Berliner Kunstsalon von Paul Cassirer.

1902 Das Museum Folkwang (damals noch in Hagen) kauft für 1500 Mark als erstes öffentliches Institut ein Gemälde van Goghs: "Die Ernte" (1889).

1903 Paul Gauguin behauptet in seinem Buch "Vorher - nachher", dass Vincent sich am 23. Dezember 1888 in Arles "mit einem offenen Rasiermesser in der Hand" auf ihn gestürzt habe.

1904 "Zum erstenmal wieder seit dreihundert Jahren gibt es einen holländischen Meister": Kritiker Julius Meier-Graefe (1867 bis 1935) im Van-Gogh-Kapitel seiner "Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst".

1912 Sonderbund-Ausstellung in Köln mit 108 Gemälden und 16 Zeichnungen van Goghs, davon ein Drittel aus Privatbesitz.

1913/14 Dreibändige Erstausgabe der Briefe Vincents an Theo in den Originalsprachen Holländisch, Französisch, Englisch, herausgegeben von Theos Witwe Johanna. Zur ersten deutschen Briefedition im März 1914: zehnte Van-Gogh-Ausstellung bei Paul Cassirer, der die Übersetzung auch verlegt hat.

1932 Verurteilung des Fälschers Otto Wacker, der in seiner Berliner Galerie 30 zweifelhafte Werke zu Preisen zwischen 30000 und 65000 Mark als Arbeiten van Goghs angeboten hatte.

1962 Im Namen der Familie bringt Vincents Neffe Vincent Willem van Gogh 205 Gemälde und 524 Zeichnungen für 18,5 Millionen Gulden in die Amsterdamer Vincent van Gogh Stiftung ein.

1973 Eröffnung des Van Gogh Museums in Amsterdam, das die Werke der Stiftung bewahrt und ausstellt.

1990 Auktionsrekord bei Christie's in New York: Vincents Porträt seines

Arztes Paul-Ferdinand Gachet erzielt den Preis von 82,5 Millionen Dollar.

2002 Expertenstreit um die Echtheit des Van-Gogh-Gemäldes "15 Sonnenblumen in einer Vase" (1889), das ein japanischer Konzern im Jahr 1987 bei Christie's in London für 24,75 Millionen Pfund ersteigert hat. Als mögliche Urheber werden Paul Gauguin und sein Freund, der Maler Emile Schuffenecker, genannt. Im Dezember Diebstahl von zwei Frühwerken Vincents aus dem Van Gogh Museum in Amsterdam.

Vincent im Dialog mit seinen Vorbildern

Vincent van Gogh hatte Vorbilder - unerreichbare wie den 1875 gestorbenen "Bauernmaler" Jean-Francois Millet, unbekannte wie den japanischen Holzschneider Hiroshige (1797 bis 1858) und unmittelbare wie den 15 Jahre jüngeren Freund Emile Bernard. Auf dessen Stillleben "Blaue Kaffeekanne" reagierte er 1888 mit einer noch virtuoseren Replik. Auf Hiroshiges "Brücke" antwortete er mit einer ehrfüchtigen Kopie und dem Bekenntnis: "Meine ganze Arbeit baut sich sozusagen auf den Japanern auf." Und inbrünstig inerpretierte er Millet-Motive in der Heilanstalt von Saint-Remy. Das ganze, unerhört vielfältige Spektrum des Nehmens und Gebens dokumentiert jetzt die Amsterdamer Jubiläumsschau.

Häufig krank und am Ende das Opfer seiner Schwermut?

Kein Zweifel, Vincents Gesundheit war nicht stabil. Vor allem nach 1880, als er sich in kargen Verhältnissen das Zeichnen und Malen beibrachte, hat er oft übel gelitten. Im Juni 1882, noch während seiner Liaison mit der Prostituierten Sien, meldet er seinem Bruder Theo aus dem Den Haager Stadtkrankenhaus, 4. Klasse, "das was man einen Tripper nennt". Im Februar 1883 hat er eine Augenentzündung, und bald darauf funktioniert der Magen nicht. Sein Aufenthalt in Antwerpen endet mit "Schwächezuständen" und Gebissproblemen, die erst in Paris behoben werden.

Nicht weniger als 46 Mal klagt Vincent 1888 in Arles über Krankheiten - von der Verdauungsstörung bis zum Zahnweh, vom Schwindelanfall bis zur Halluzination. Er trinkt zuviel Wein und Absinth, raucht Pfeife und überbrückt auch schon mal Hungerphasen vor dem Eintreffen von Theos Scheck mit "23 Tassen Kaffee". Doch ist das die Ursache für den Schnitt ins eigene Ohr und eine Geisteskrankheit, deren Schübe ihn noch 1889, während 15 von 53 Wochen in der Heilanstalt von Saint-Remy, am Malen hindern?

Darüber existieren mittlerweile über 150 meist spekulative Befunde, die von Epilepsie und den Spätfolgen einer Syphilis über Bleivergiftung mit metallhaltigen Farben bis hin zu einer glaubhaften These von Wilfried N. Arnold reichen. Der australische Biochemiker diagnos-tizierte 1993 "Akute intermittierende Porphyrie" (AIP), eine erstmals 1889 beschriebene erbliche Stoffwechselkrankheit, an der auch Vincents Bruder Theo und beider Schwester Wil gestorben sein könnten.

Vincent van Gogh selber attestierte sich "Schwermut", wie sie sich auch im Antlitz seines letzten Arztes Paul-Ferdinand Gachet abzeichnet, den er 1890 in Auvers porträtierte. War also Depression der Grund für den Selbstmord - oder war es doch ein Unfall? Angeblich hat sich Vincent den Revolver nur geliehen, um Krähen zu vertreiben, die ihn beim Malen störten.

150 Jahre Vincent van Gogh - das Programm

Ausstellungen: Van Gogh Museum, Amsterdam: "Vincents Wahl" (14.2. bis 15.6., mit rund 200 Arbeiten von Künstlern, die van Gogh inspirierten) und "Gogh Modern" (27.6. bis 12.10., zeigt seinen Einfluss auf die Gegenwartskunst). Zur "Geburtstagsfeier" am 30.3.03 Eintritt gratis. Tel. +31/20/5 70 52 00, Internet: www.vangoghmuseum.nl. Kröller-Müller Museum, Otterlo: "Vincent & Helene" (14.2. bis 12.10., mit Werken aus der Sammlung). Tel. +31/3 18/59 61 61. Internet: www.kmm.nl. Zwischen den Ausstellungen in Amsterdam und Otterlo verkehrt ein Shuttle-Bus.

Weitere Veranstaltungen: In van Goghs Geburtsstadt Nuenen sind kleinere Ausstellungen im städtischen Kulturzentrum geplant, außerdem werden diverse Touren zu den Wirkungsstätten des Malers angeboten. Eine 5-tägige "Tour van Gogh" führt über Zundert, Nuenen, Etten-Leur, Ams-terdam und Otterloh. Informationen zu all diesen Touren beim Fremdenverkehrsamt Brabant, Tel. +31/13/5 36 60 61, Internet: www.toerismebrabant.nl. In der Provinz Drenthe, wo van Gogh wohnte und malte, wird das Van-Gogh-Haus von Nieuw Amsterdam wiedereröffnet. Auch hier gibt es diverse Touren und Workshops. Tel. +31/59/1 55 56 00, Internet: www.vangogh-drenthe.nl. Deutscher Ansprechpartner für Reisen in die Niederlande ist außerdem das Niederländische Büro für Tourismus (NBT), Postfach 27 05 80, 50511 Köln. Tel. 0 18 05/34 33 22 (0,12 E/Min.). Fax 0 18 05/34 33 20 (0,12 E/Min.). Internet: www.niederlande.de

Buch-Neuerscheinungen zu Vincent van Gogh

Mit den Augen Vincent van Goghs. Seine Wahlverwandtschaften und sein Kunstempfinden. Katalog zur Ausstellung in Amsterdam. Belser Verlag, Stuttgart. 320 S. mit 300 Abb. 49,90 Euro

Viviane Forrester: Van Gogh oder Das Begräbnis im Weizen. Edition Nautilus, Hamburg. 343 S. 28 Euro

Stefan Koldehoff: Van Gogh - Mythos und Wirklichkeit. Biografie. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln. 300 S. mit 100 Abb., davon 50 in Farbe. 29,90 Euro

Stefan Koldehoff: Vincent van Gogh. RoRoRo-Monografie. Rowohlt Verlag, Reinbek. 160 S. 8,50 Euro

Edgar Lein: Van Gogh. Monte bei DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln. 268 S. mit zahlr. meist farbigen Abb. 24,95 Euro

Uwe M. Schneede: Vincent van Gogh. Leben und Werk. Reihe Wissen im C.H. Beck Verlag, München. 128 S. mit 24 Abb. 7,90 Euro

Chris Stolwijk, Han Veenenbos: The account book of Theo van Gogh and Jo van Gogh-Bonger. Verlag Primavera Pers, Leiden. 224 S. 39,90 Euro

Judy Sund: Van Gogh. Art & Ideas. Phaidon Verlag, Berlin. Engl. Ausgabe. 352 S. mit 190 Farbabb. 22,95 Euro

Hüseyin Cirpici, Joachim Dicks u.a.: Nach Süden. Über Vincent van Gogh. Audio-CD Der Audio Verlag, Berlin. 14,95 Euro

Bild(er):

Bild: Plackerei vor idyllischer Kulisse: Bei der "Zugbrücke mit Kutsche" (54 x 65 cm, 1888) waren van Gogh die Wäscherinnen sehr wichtig

Bild: "Selbstporträt mit grauem Filzhut" (41 x 32 cm, Paris 1887)

Bild: Beschwörung des einfachen Lebens holländischer Bauern im ersten Hauptwerk des Autodidakten: "Die Kartoffelesser" (82 x 114 cm, 1885)

Bild: Der Kunsthandels-Assistent Vincent van Gogh mit 19 Jahren. Letztes gesichertes Fotoporträt des späteren Malers

Bild: Stillleben voller Kraft und Dramatik aus Vincent van Goghs Pariser Zeit: "Zwei abgeschnittene Sonnenblumen" (43 x 61 xm, 1887)

Bild: Voll Verehrung für den Bauernmaler JeanFrancois Millet zeichnete der Anfänger van Gogh 1881 seinen ersten "Sämann" (48 x 37 cm)

Bild: Mit der weiträumigen "Erntelandschaft" (73 x 92 cm), 1888 gemalt in Arles, war sogar der stets selbstkritische Künstler zufrieden

Bild: Diese herbstliche "Pappelallee" (99 x 66 cm, 1884) zählt zu Vincent van Goghs ersten gelungenen Landschaften in Öl

Bild: "Selbstporträt als Maler" (66 x 51 cm, 1888) als Bilanz der Pariser Jahre: Der Holländer ist französischer Impressionist geworden

Bild: Gemalt in der Heilanstalt von Saint-Remy: "Selbstporträt" (65 x 54 cm, 1889)

Bild: Nervöse Pinselhiebe: "Selbstbildnis mit Strohhut" (41 x 33 cm, Paris 1887)

Bild: "Selbstporträt mit dunklem Filzhut" (41 x 33 cm, 1886)

Bild: An Blumenstücken Farbkontraste erprobt: "Vase mit Herbstastern" (61 x 46 cm, 1886)

Bild: Die Aussaat als Gleichnis für den immerwährenden Neubeginn des Lebens: "Sämann bei untergehender Sonne" (32 x 40 cm, Arles 1888)

Bild: "Weizenfeld mit Zypressen" (73 x 92 cm, 1889)

Bild: Virtuoses Meeresidyll: "Fischerboote am Strand von SaintesMaries-de-la Mer" (65 x 81 cm, 1888)

Bild: Van Goghs "Bildnis Pere Tanguy" (92 x 75 cm, 1887) ehrt den Pariser Händler, bei dem er seine Bilder gegen Farben und Leinwand eintauschen konnte. Den Hintergrund bilden japanische Farbholzschnitte, deren Exotik Vincent bis zuletzt inspirierte

Bild: Die innere Ruhe der "Berceuse" (Kinderfrau) Augustine Roulin (92 x 73 cm, 1888) sollte auf die Betrachter dieses Symbolporträts abstrahlen, von dem es fünf Versionen gibt. Es zeigt die Frau des mit van Gogh befreundeten Postmeisters von Arles

Bild: Über die "Cafeterrasse bei Nacht" (81 x 66 cm, 1888) an der Place du Forum von Arles, dieses Interieur im Freien, wachen die Sterne

Bild: Die Kosmologie "Sternennacht" (73 x 92 cm, 1889) entstand nicht vor der Natur

Bild: Als "Ort wo man verrückt werden und Verbrechen begehen kann" beschrieb van Gogh seine surreale Version des "Nachtcafes" von Arles (70 x 89 cm, 1888). Er ist dort Stammgast gewesen

Bild: Das unheilschwangere "Weizenfeld mit Raben" (51 x 101 cm, 1890) galt lange als van Goghs letztes Gemälde, ist aber Wochen vor seinem Tod in Auvers entstanden

Bild: 1973 eröffnet, Erweiterungsbau,1999, von Kisho Kurokawa: Van Gogh Museum in Amsterdam

Bild: 2002 aus dem Amsterdamer Van Gogh Museum gestohlen: "Strand von Scheveningen mit Figuren und einem Schiff" (35 x 51 cm, 1882)

Bild: Teuerstes Bild der Moderne: "Porträt des Dr. Gachet" (66 x 57 cm, 1890)

Bild: 71,5 Millionen Dollar: "Selbstporträt ohne Bart" (40 x 31 cm, 1889)

Bild: 53,9 Millionen Dollar: "Schwertlilien" (71 x 93 cm, 1889)

Bild: 24,75 Millionen Pfund und nun umstritten: "15 Sonnenblumen in einer Vase" (100 x 76 cm, 1889)

Bild: Nach Bernard: van Goghs "Stillleben mit Kaffeekanne" (65 x 81 cm, 1888)

Bild: Mit der Replik vereint: Emile Bernards Stillleben "Blaue Kaffeekanne" (55 x 46 cm, 1888)

Bild: Van Gogh hatte nur wenig zu verändern oder zu korrigieren: sein Pariser Gemälde "Brücke im Regen" (73 x 54 cm, 1887), oben, und das Vorbild von Utagawa Hiroshige

Bild: Van Gogh: "Schafscherer (nach Millet)" (43 x 29 cm, 1889)

Bild: Jean-Francois Millet: "Schafscherer" (164 x 113 cm, um 1860)

Bild: Erste Station nach Anfall und Selbstverstümmelung: "Schlafsaal im Hospital von Arles" (74 x 92 cm, 1889)

Bild: Das "Selbstporträt mit verbundenem Ohr" (60 x 49 cm, 1889)