Ausgabe: 03 / 2003
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Liebe Leserin, lieber Leser

Von Axel Hecht

Das Bildgedächtnis der zivilisierten Welt kennt Pablo Picassos Gemälde "Guernica" als das Symbol gegen Krieg, Leid und gewaltsamen Tod. Jetzt wurde das monumentale Werk des Spaniers just an jenem Ort beschädigt, an dem die internationale Völkergemeinschaft um die Lösung von Konflikten und die Vermeidung von Kriegen ringt - in der New Yorker Zentrale der Vereinten Nationen.

Seit 1985 hängt ein großer Wandteppich, gewebt nach dem Vorbild von "Guernica", im Foyer des Sicherheitsrates. Das Mahnmal ist Leihgabe der Familie Rockefeller an die UN. Als der amerikanische Außenminister Colin Powell jüngst den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen von der Notwendigkeit eines Krieges gegen den Irak überzeugen wollte, wurde "Guernica" ausgeblendet.

Picassos Abbilder von sterbenden Kindern, krepierenden Pferden und klagenden Müttern, so ein Diplomat kaltschnäuzig, seien "kein angemessener Hintergrund" für den Auftritt von Powell und John Negroponte, den Botschafter der Vereinigten Staaten bei den UN. Pablo Picasso hatte sein monumentales Bild einst als Reaktion auf das Inferno in der baskischen Kleinstadt Guernica gemalt: Durch Bombardierung waren Flieger der deutschen "Legion Condor" 1937 im Spanischen Bürgerkrieg den faschistischen Truppen unter Leitung von Francisco Franco gegen die Republikaner zu Hilfe gekommen. Damals starben 1654 Kinder, Frauen und Männer im Bombenhagel.

Während New York jetzt, im Februar 2003, schlief, wurde der Wandteppich "Guernica" mit blauem Tuch verhängt, auf dem das UN-Logo prangt. Am Morgen darauf war der Krieg weit weg - keine Kunst störte vor den Kameras der Reporter den Auftritt der Weltmacht.

Der unsouveräne Akt dieser Zensur ist auch ein Affront gegen die Kunst. Doch weit mehr zählt: Der Eingriff setzte sich kalt über die Opfer hinweg und versuchte, im Ringen um Krieg und Frieden das Leid und den Tod auszublenden. Er wollte die Auseinandersetzung mit möglichen Folgen einer gewaltsamen Aktion behindern. Wir alle erinnern uns noch an die von der amerikanischen Heeresführung zensierten Fotos aus dem Golfkrieg im Jahr 1991. Die jetzt erfolgte kurzfristige Verhüllung von "Guernica" steht in dieser Tradition.

Der taktische Coup ist nicht gelungen - das zeigte die weltweite Reaktion. Sie bewies auch: Es ist kein Hintergrund denkbar, der für das Thema dieser UN-Debatte angemessener gewesen wäre, als Picassos "Guernica".

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Bild: Kein "angemessener Hintergrund" für USPolitiker mehr: Botschafter John Negroponte (links) bei einem frü-heren Besuch im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen vor dem Bildteppich von Picassos "Guernica"