Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 114
Happy Birthday, Oma Tyson
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Turner-Preis: Die Verleihung ist nicht mehr, was sie mal war
Das waren noch Zeiten, als Pop-Diva Madonna bei ihrer Laudatio die Anwärter auf den Turner Prize "Motherfucker" nannte! In diesem Jahr glich die Preisverleihung an Keith Tyson in der Londoner Tate Gallery eher einem müden Kaffeekränzchen mit Sekt und altbackenen Häppchen, das zwar im Fernsehen übertragen wurde, aber kaum echte Prominenz zu bieten hatte.
Richtig Zoff hatte es dagegen im Vorfeld der Preisverleihung gegeben. Nicht nur die Konservativen gingen - business as usual - gegen die vier Kandidaten auf die Barrikaden. Nein, auch der linke Kulturstaatssekretär Kim Howells schäumte vor Wut, nachdem er die Werke der Aspiranten - Fiona Banner, Catherine Yass, Liam Gillick und Keith Tyson (art 11/2002) - in der Tate besichtigt hatte. Er tat die Arbeiten als "kalten, mechanischen, konzeptuellen Dreck" (schöner im Original: "Bullshit") ab. "Wenn das Kunst sein soll", schimpfte der Politiker, "dann gute Nacht britische Kunst."
Selbst Supersammler Charles Saatchi, als Erfinder des Begriffs Brit Art der Avantgarde durchaus zugetan, sprach abschätzig von "aufgewärmten Phrasen".
Eher blumige Worte hatte die Turner-Preis-Jury für Tysons witzige, pseudowissenschaftliche Kritzeleien übrig: Sie lobte "die Energie, den inhaltlichen Reichtum und die Verspieltheit seiner grafischen Arbeiten". Architekt Daniel Libeskind hielt sich gänzlich zurück und drückte dem Preisträger den Scheck über 20000 Pfund (31200 Euro) fast wortlos in die Hand.
Draußen demonstrierten, wie üblich als Clowns verkleidet, lautstark die "Stuckisten", eine konservative Künstlergruppe, die gegen zeitgenössische Konzeptkunst zu Felde zieht. Ihren Titel "Kunst-Clown des Jahres" musste sich schon zum zweiten Mal Tate-Direktor Nicholas Serota anheften lassen. Nicht bekannt ist, ob er die mit dem Preis verbundene Sahnetorte in Empfang nahm, um sie sich wie im Slapstick-Film selbst ins Gesicht zu schmieren. Eigentlich brachte nur der Preisträger (Spitzname "verrückter Professor") so etwas wie menschliche Wärme in die Veranstaltung: Er grüßte seine Oma, die am selben Tag den 87. Geburtstag feierte.
Bild(er):
Bild: Das grafisch verspielte Werk von Keith Tyson lobten nur die Juroren