Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 110
Ein treusorgender Doktor
Von
Erbstreit: Kam der umstrittene Arzt Claude Gubler rechtmäßig an das Erbe von Ruth Tillard-Arp?Sie habe in den vergangenen Tagen eine Menge Spritzen bekommen, sei aber wohlauf, sagte Ruth Tillard-Arp noch an ihrem 85. Geburtstag zu Freunden am Telefon. Ihr Arzt habe ihr für den Abend ein festliches Diner in seiner Pariser Wohnung avisiert. Zehn Tage später, im Januar 1998, war die Nichte von Hans Arp tot. Und besagter Doktor Claude Gubler trat überraschend als Erbe ihrer Kunstsammlung auf. Erst zwei Monate vor ihrem Tod hatte die Patientin ihr Testament geändert. Statt des Vereins "Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp" in Remagen-Rolandseck sollte nun der treu sorgende Arzt ihre 82 Werke von Sophie Taeuber-Arp (1889 bis 1943) und Hans Arp (1886 bis 1966) mit einem Schätzwert von mehreren Millionen Euro erhalten. Höchst merkwürdige Umstände.
Der ehemalige Leibarzt von Francois Mitterrand war schon einmal in die Schlagzeilen geraten, als er sich am Tod eines Patienten bereichert hatte. Nach Mitterrands Tod 1996 hatte er dessen Krankenakte als Buch veröffentlicht. Deswegen muss-te Gubler Mitterrands Erben Schadenersatz bezahlen und verlor seine Zulassung.
Auch Gublers Arp-Erbschaft wurde bald gerichtsnotorisch, denn nach französischem Recht kann ein behandelnder Arzt nicht der Erbe seines Patienten werden. Seit 1998 streitet der Verein aus Rolandseck um sein Recht. Damals wurde im Eilverfahren eine von Gubler in Paris anberaumte Auktion der Werke verhindert, die das Nachlass-Konvolut zerstreut hätte (art 12/1998).
Im November letzten Jahres aber hat der Pariser Cour d'Appel im Berufungsverfahren Gubler das Recht zum Verkauf erteilt. Dessen Anwälte hatten argumentiert, dass der Ausschluss des Erbfalls nur dann geboten sei, wenn der Arzt die Krankheit behandelt hat, die ursächlich für den Tod des Patienten gewesen ist. Woran Madame Tillard-Arp starb, ist jedoch im Nachhinein gar nicht mehr feststellbar. Der Arp-Verein kämpft weiter und hat einen Revisionsantrag bei der letzten Instanz eingereicht, dem Pariser Kassationsgericht. Anwalt Thierry Marembert von der Paris Kanzlei Kiejman & Marembert, die schon Mitterrands Familie gegen Gubler vertreten hat, ist der Ansicht, dass allein die Tatsache, dass Gubler Ruth Tillard-Arp behandelt hat, ihn als Erben ausschließt. Ob der Prozess jedoch noch rechtzeitig stattfinden kann, ist ungewiss. Der Revisionsantrag hat keine aufschiebende Wirkung. Und nach dem neuesten Urteil hat Claude Gubler Zugang zu der bei einem Sequester eingelagerten Sammlung. Schon gibt es einen neuen Auktionstermin: Im Juni sollen die 82 Werke in Paris versteigert werden.
Bild(er):
Bild: Claude Gubler mit dem Buch über Mitterrands Krankengeschichte
Bild: Auch Hans Arps Bronze "Schwelle mit Pflanzenzinnen" aus dem Jahr 1959 (Höhe 74 cm) soll nun versteigert werden
