Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 108-109

Die Schau mit dem grünen Punkt

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Weltausstellungen: Pavillons zu Schulheften - wie die Expo 2000 in Hannover innerhalb von zwei Jahren dem Recycling zugeführt wurde

Bei der Expo 2000 gehörten die Grundidee der "nachhaltigen Entwicklung" zur Inszenierung: Die Besucher staunten, wenn sie erfuhren, dass der japanische Pavillon - ganz aus Papier - nach dem Ende der Weltausstellung zu Schulheften recycelt werde. Und sie bewunderten die Weitsicht der katholischen und evangelischen Kirche, deren Christus-Pavillon bereits als Anbau eines Klosters eingeplant war. Die Zeit verschwenderischer Schau-Architektur sei vorbei, so lautete die ökologisch korrekte Botschaft aus Hannover.

Nun, knapp über zwei Jahre später, kann Bilanz gezogen werden. Am 31. Dezember des vergangenen Jahres wurde die Expo 2000 GmbH, die das Spektakel organisiert hatte, aufgelöst. Etwas mehr als zwei Jahre nach den Abschlussreden ist die Weltausstellung damit auch wirtschaftlich abgeschlossen. Die Zukunft der meisten Bauten ist entschieden - und das "sehr erfolgreich im Sinne des Konzepts", wenn man Wolfgang Schatz von der "Expo Grund" glauben darf. Das Unternehmen kümmert sich vor allem um die Nachnutzung der Pavillons. Von insgesamt 54 Länderpavillons sind 27 laut Schatz "vor Ort gerettet" - die meisten von ihnen beherbergen heute Firmen und Institutionen. 13 Pavillons wurden an anderer Stelle wieder aufgebaut oder auf andere Weise nachgenutzt. Der Rest wurde abgebaut, inklusive des japanischen Papierbaus, der seinen Weg in den städtischen Recyclinghof fand - und damit womöglich wirklich, wie versprochen, in die Schulen.

Die Pavillons waren während der Expo auf zwei Orte verteilt: den ephemeren Bauten wurde das westliche Areal zugewiesen, das der Messe AG gehört. Sie mussten nach der Weltausstellung einem neuen Riesen-Parkplatz weichen. Auf dem östlichen Ausstellungsgelände hingegen stehen die meisten Pavillons noch. Es gehört wohl zu den architektonisch vielfältigsten Gewerbeparks der Welt.

Wer dorthin fährt, darf allerdings kein pulsierendes Leben erwarten. Wo sich im Sommer 2000 Menschenmassen drängten, fährt heute nur hin und wieder ein Auto vom Parkplatz. Dass die Expo-Wüste lebt, ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Im ehemaligen belgischen Pavillon feilt heute Mousse T., einer der erfolgreichsten deutschen Pop-Produzenten, an Techno- und Soulplatten. Im stilecht orientalischen Pavillon des Jemen will die Firma "Brunch TV" Filme und Serien produzieren - unter anderem eine Sitcom. Der berühmte niederländische Pavillon der Architektengruppe MVRDV, heimliches Wahrzeichen der Schau, erhält demnächst eine neue Fassade und wird dann als Zentrum für regenerative Energien genutzt.

Weitere Beispiele für gelungenes Recycling: Der italienische Pavillon steht heute auf dem Messegelände in Rom; Litauen hat seinen Bau einer Firma aus Vilnius verkauft; auf dem Grundstück der Franzosen befindet sich heute ein riesiger Sportartikelmarkt. Noch ungeklärt ist die Zukunft des dänischen Pavillons - die dänische Textilfirma "Bestseller" erwarb Grundstück und Gebäude, zog aber bisher nicht ein. Nun soll hier wahrscheinlich ein Expo-Museum eingerichtet werden. Ebenfalls leer stehen das UFO-hafte Medienzentrum des Bertelsmann-Konzerns - und der ungeliebte deutsche Pavillon. Zwar finden darin hin und wieder Messepräsentationen statt, und ein Drittel der Fläche wird für Büros genutzt. Doch eine Gesamtnutzung des einst als "implodierter Schuhkarton" geschmähten Baus ist bisher nicht in Sicht.

Zukunftsland ist abgebrannt

Auch der Themenpark der Expo 2000, seinerzeit als Parcours der Zukunftsvisionen ein gro ßer Publikumserfolg, sollte nicht einfach in den Abfall wandern. Schon kurz nach dem Ende der Weltausstellung wurden die Aufbauten und einzelne Objekte versteigert. Die Stadt Oberhausen etwa erwarb die Bereiche "Wissen" und "Mobilität" und plant einen dauerhaften Themenpark. Eine unglückliche Wendung nahm die Wiederverwendung der Ausstellungsteile "Planet of Visions" und "Das 21. Jahrhundert". Für über 500 000 Euro wurden sie von der Projekt Ruhr GmbH erworben, einer landeseigenen Gesellschaft zur Förderung von "Innovationsprozessen" in Nordrhein-Westfalen. Die Ausstellung sollte auf einem alten Stahlwerksgelände in Bochum dauerhaft zu sehen sein, Thyssen-Krupp wollte für zehn Millionen Euro eine Halle dafür bauen. Doch dem vom Land gefundenen zweiten Investor, einer Firma namens C.u.b.a. Media & Entertainment AG, fehlte das Eigenkapital. Sie musste schließlich sogar Insolvenz anmelden. Vorläufiger Tiefpunkt in der längst zur Farce gewordenen Geschichte: Ende des vergangenen Jahres lösten spielende Kinder einen Brand aus, bei dem große Teile des Materials zerstört wurden.

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Bild: Äußerlich hat sich wenig geändert, nur die Banner wurden ausgewechselt. Doch im Innern des ehemaligen belgischen Pavillons ist nichts mehr wie zuvor: Im "Peppermint Park" wird unter der Leitung des Pop-Produzenten Mousse T. Techno- und Soulmusik eingespielt und vermarktet

Bild: Der Pavillon der Schweiz: Peter Zumthor verarbeitete 3000 Kubikmeter Holz zu einer lichten Konstruktion. Etwa 60 Prozent davon wurden bei der Ausstellung "Schweiz Expo 02" im vergangenen Jahr für den Pavillon "Palais de l'Equilibre" in Neuenburg wiederverwendet

Bild: Der Pavillon des Jemen wurde Ende 2001 an die Filmproduktionsfirma Brunch TV verkauft. Geschäftsführer Antonia Claudius S. will dort nach dem Umbau Fernsehserien produzieren. Bis dahin sind für das Jahr 2003 Veranstaltungen geplant - so ein "Wochenende des Lawrence of Arabia"

Bild: Der Christus-Pavillon ist heute Teil der Klosteranlage Volkenroda in Thüringen. Das älteste erhaltene Bauwerk des Zisterzienserordens in Deutschland war im Laufe des 20. Jahrhunderts fast völlig verfallen und wurde nach 1989 als geistliches Kulturzentrum wieder aufgebaut

Bild: Landete komplett in der Recycling-Anlage: der Japan-Pavillon aus Papier