Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 26-32

Ein maritimes Spektakel

Von Peter M. Bode

Neues Bauen am Wasser - Serie: Neues Bauen am Wasser (4) / Noch in den achtziger Jahren war der historische Hafen von Barcelona vom Stadtleben abgeschnittenes Niemandsland. Dann kamen die Olympischen Spiele 1992, und der Hafenrand blühte auf. Über ein Jahrzehnt später ist er zum belebten Amüsierviertel geworden - doch neben einigen Höhepunkten findet sich viel architektonischer Durchschnitt

Als der empfindsame literarische Beobachter Wolfgang Koeppen noch zu Zeiten der Franco-Diktatur Barcelona besuchte, empfing ihn eine traurige, graue Stadt. In seinen Notizen hielt er fest: "Keine lockende Meeresfrische, nur Staub und Schwüle." Wenn der Dichter damals zum Meer hätte vordringen wollen, wäre ihm das nur schwerlich gelungen. Denn Eisenbahngleise, eine zehnspurige Autotrasse und Lagerhäuser trennten die Altstadt von der Küste. Das hat sich grundlegend geändert, seit die katalanische Metropole den Zuschlag für die Olympischen Spiele 1992 erhielt.

In Erwartung dieses Ereignisses entwickelten die Politiker und Planer einen unglaublichen Elan. Das Bewusstsein wandelte sich: Statt, wie bisher, dem Meer den Rücken zu kehren, wandte man sich nun dem Wasser zu. Begünstigt wurde die Inbesitznahme des historischen Hafens durch den radikalen Wandel der Hafenlogistik: Weil auch in Barcelona der Containertransport die klassische Frachtschifffahrt verdrängte, verlagerten sich die kommerziellen Aktivitäten des größten Mittelmeerhafens weiter nach Süden, wo mehr Platz für die riesigen Behälter war.

Der erste entscheidende Eingriff galt der Entflechtung des wahnwitzigen Autoverkehrs: Die Ronda Litoral, eine der Küste folgende Stadtautobahn, wurde im neuralgischen Bereich zwischen Altstadt und Hafen auf einem Kilometer Länge in den Untergrund verlegt. Darüber ist auf zwei Ebenen eine von Palmenreihen gesäumte Promenade entstanden, die das Stadtzentrum mit der Moll de la Fusta, der inneren Mole des Port Vell (alter Hafen), verbindet. Von dort sind es nur noch ein paar Schritte zu den Stegen des noblen Sportboothafens. Anstelle der früher dort ankernden Fischtrawler prägen jetzt Yachten das Bild.

Wer die berühmte Rambla, die wohl quirligste Flaniermeile der Welt, zum Hafen hinuntergeschlendert ist, kann seit einigen Jahren seinen Weg auf der 300 Meter langen Rambla de Mar fortsetzen: ein überaus schwungvoll ausufernder Holzsteg, der flach übers Wasser bis zur Moll d'Espanya inmitten des Hafenbeckens führt. Bei den wellenförmigen Lichtschienen über der Plattform hat der Architekt eine abstrakte Vorstellung von "ziehenden Wolken" im Sinn gehabt. Wenn Segelboote aus der Marina kommen und über den äußeren Hafen das freie Meer erreichen wollen, müssen sie die Rambla de Mar passieren. Dafür gibt es in der erhöhten Mitte des Stegs eine Drehbrücke, die bei Bedarf geöffnet wird - etwas umständlich, aber für das Publikum jedes Mal ein Schauspiel.

Jenseits der Rambla de Mar - auf der Spitze der weit ins Wasser ragenden Moll de Barcelona - hat der New Yorker Architekt Henry Cobb, Partner des Louvre-Modernisierers Ieoh Ming Pei, angrenzend an den Passagierschiff-Terminal ein "World Trade Center" inklusive Luxushotel errichtet. Der aus vier Segmenten zusammengesetzte, blendend weiße Bau sieht von ferne aus wie eine monumentale Schichttorte. Der eingeschlossene runde Atriumhof kapselt sich merkwürdigerweise vom umgebenden Hafenpanorama völlig ab.

Auf der Moll d'Espanya steht das Amüsierzentrum "Maremagnum" - ein glitzernder Hallenkomplex mit 100 Geschäften, Kinos, Spielsälen, Discos und Gastronomie. Über 18 Millionen Menschen lassen sich jährlich durch die Hallen treiben. Über die ebenso ambitionierte wie konfuse Glamour-Architektur dieses aufgeregt dekorierten Schuppens täuscht das nicht hinweg. Acht Kinos auf der Mole sind anscheinend nicht genug. Deshalb gibt es auch noch ein separates Imax-Cinema, dessen gewaltige Leinwände in einem prismatisch angeschrägten, abweisend verschlossenen Kubus stecken. Auch das benachbarte "Aquarium", eines der größten Europas, ist ein mit Disney-Design angereichertes Gebilde aus rechteckigem Unterbau und zylindrischer Mitte, ist architektonisch unbedeutend.

Wer die Moll d'Espanya in Richtung Yachthafen verlässt, freut sich auf die solide gemauerte Gründerzeit-Architektur des "Palau de Mar" auf der Moll del Diposit. Dieser "Palast des Meeres" ist das einzige historische Bauwerk, das nicht dem Großreinemachen im Port Vell zum Opfer gefallen ist. Es beherbergt das Museum der katalanischen Geschichte, in dem der Widerstand Kataloniens gegen die zentralspanische Vorherrschaft und vor allem gegen Franco dokumentiert wird.

Am Palau de Mar beginnend, erstreckt sich ein großzügiger, angenehm schlichter Hafenboulevard zwischen dem Wohnviertel Barceloneta und der Wasserkante bis zur äußeren Mole. Zugleich ist das auch der kürzeste Fußweg vom Zentrum Barcelonas zum nächstgelegenen Badestrand. Dieses Vergnügen, noch nach der Arbeit oder während der Mittagspause im Meer schwimmen zu können, hat so keine andere europäische Großstadt zu bieten. Die Strände sind frei, gleichwohl erstaunlich sauber, ebenso wie das Wasser. Das war nicht immer so. Vor der Sanierung des städtischen Küstenabschnitts und vor dem Bau zweier Kläranlagen waren Ufer und Meer lebensgefährlich verdreckt. Der feine gelbe Sand musste mit Pumpen aus dem Wasser ans Land befördert werden, um die Strände zu verbreitern.

Wo die Stadt und das Meer unmittelbar aufeinandertreffen, wie in Barceloneta, ist die platzartig erweiterte Uferpromenande vor der Häuserfront mit Steinplatten gepflastert und mit Bäumen bepflanzt. Anschließend an diese urbane Zone vermittelt ein mit Holzplankenrosten bestückter Streifen zwischen dem harten Belag und dem weichen Sand - subtile Übergänge. Eine Installation von Rebecca Horn erinnert kritisch-wehmütig an die Zeit, als noch viele schwarz gebaute Fischlokale (die "Chiringuitos") das Ufer besetzten. Die deutsche Künstlerin hat ihnen mit dem "Verletzten Shootingstar" ein Denkmal gesetzt: Vier windschief übereinander getürmte leere Containerhäuschen mit Fenstern künden metaphorisch vom Verlust eines wildwüchsigen Lebens, das zugunsten anderer Freizeitwerte wegsaniert wurde.

Einen Kilometer nördlich von Barceloneta, im ehemaligen Industrierevier Poble Nou, hat man mit dem Bau des Olympischen Dorfes und des Olympia-Segelhafens Stadt und Meer ein weiteres Mal zusammengeführt. Der städtebauliche Entwurf der "Vila Olimpica" ist weniger originell als das kompakte, terrassierte Olympia-Dorf in München, das 20 Jahre früher gebaut wurde. Die sechsgeschossigen Gebäude an breiten Alleen und schmaleren Wohnstraßen wurden von 23 katalanischen Architekten geplant, alle haben sich um eine je eigene Handschrift bemüht. Aber die angestrengte Fassadenvielfalt mündet in Beliebigkeit und verhindert einen charakteristischen Gesamteindruck.

Was im Gedächtnis haften bleibt, sind die beiden quadratischen Turmhäuser, die zwischen Dorf und Sporthafen den Zugang zum Meer flankieren. Ihre Bedeutung verdanken der Hotelturm und der Büroturm allerdings nicht der Architektur (die ist in beiden Fällen banal), sondern allein der hier ungewöhnlichen Höhe von 150 Metern. Ein ganz besonderer Blickfang ist jedoch der aus Kupferbändern "gewebte" Megafisch, den der amerikanische Architekturstar Frank O. Gehry vorm Eingang zum Spielcasino auf der Strandpromenade an Land gesetzt hat. Die formale Kraft des in der Sonne goldglänzenden Ungetüms erhebt sich ästhetisch weit über das bauliche Durchschnittsdurcheinander rund um den Hafen.

Noch weiter nördlich, kurz vor der Mündung des Flusses Besos, ist derzeit ein Unternehmen im Gange, das mit dem durch die Olympischen Spiele bewirkten Aufschwung durchaus zu vergleichen ist. Gebaut wird für das "Forum universal de les Cultures 2004" - eine monströse Veranstaltung mit Tausenden von Teilnehmern aus aller Welt, die sich mit den Problemen der Globalisierung beschäftigen werden.

Städtebaulich wird das ausgedehnte Forum-Gelände durch die schon seit langem geplante Weiterführung der ganz Barcelona schräg durchschneidenden Magistrale "Diagonal" bis zum Meer definiert. Um am Ende der Avenida Platz zu gewinnen und um die störend querende Küstenautobahn verschwinden zu lassen, schüttet man Land auf und legt eine riesige Betonplatte übers gesamte Terrain. Diese "Esplanade" schiebt sich wie eine Halbinsel ins Wasser vor. Nördlich der gigantischen Plattform wird Barcelonas dritter Sporthafen angelegt; südlich entsteht ein "Aqua-Zoo" mit Meeres-Biotopen. Westlich wird eine neue Industriehochschule errichtet, und am östlichen Rand der auch mit einem Park versehenen Esplanade soll eine sehr große photovoltaische Anlage für die nötige saubere Energie sorgen.

Das Forum-Gebäude mit diversen Ausstellungssälen und einem Auditorium für 3500 Menschen entwerfen die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron. Es schließt die Achse der Diagonal ab, schwebt über einer Plaza und hat die Form eines gleichschenkligen, 26 Meter hohen Dreiecks mit 160 (!) Metern Seitenlänge. Das Dach des dunkelblauen "Edificio Forum" wird eine Wasserfläche sein, von der aus Wasser durch eine Vielzahl von Lichtschächten "mal tosend, mal tröpfelnd" auf die Plaza fällt. Eine unterirdische Verbindung verknüpft das Forum mit dem benachbarten Kongresszentrum, in dem 15000 Teilnehmer die Themen der Zukunft diskutieren können. Fast zwei Milliarden Euro werden in den gigantischen städtebaulichen Gewaltakt investiert. Jacques Herzog nennt ihn schon jetzt "Barcelonas Potsdamer Platz".

Spielcasinos und Einkaufszentren, Restaurantketten und Kinokomplexe - wo der historische Hafen war, stehen heute die glitzernden Paläste der Freizeitgesellschaft

Wohnen am Wasser ist attraktiver als je zuvor - nicht zuletzt wegen des gesäuberten Strandes. Mit Pumpen wurde Sand vom Meeresgrund an das Ufer befördert

Noch ein Großprojekt: 2004 soll in Barcelona ein Forum stattfinden, das Probleme der Globalisierung diskutiert

Karte: BARCELONA

Bild(er):

Bild: Blickfang im ehemaligen Industrierevier "Poble Nou": Vor dem Olympischen Dorf von 1992 hat der Stararchitekt Frank O. Gehry mit dem aus Kupferbändern "gewebten" gigantischen Fisch ein Zeichen gesetzt. Das 150 Meter hohe Hotel-Turmhaus erlaubt Ausblicke auf Land und Meer

Bild: Die "Avinguda d'Icaria" im Olympischen Dorf: An den Gebäuden führt diese breite Allee vorbei. 23 Architekten waren an dem Komplex beteiligt, was zu verwirrender Fassadenvielfalt führte

Bild: Hier wird das Klima erforscht: das "Meteorologische Zentrum" am Olympischen Dorf

Bild: Über einen Holzsteg gelangt man zum Port Vell, einer Plattform inmitten des Hafenbeckens. Dort zieht unter anderem das Amüsierzentrum "Mare Magnum" Besucher an. Bei den wellenförmigen Lichtschienen dachte der Architekt wohl an ziehende Wolken

Bild: Die LampenSkulpturen des Architekten Albert Viaplana erleuchten den Port Vell, doch nach Ladenschluss der Einkaufszentren leert sich die Plattform merklich

Bild: "Barcelona, mach dich hübsch" hieß der Slogan, als für die Spiele 1992 das Olympische Dorf gebaut wurde. Heute gehört es zu den nobelsten Wohnsiedlungen der Stadt

Bild: Blick auf Hafen und Meer: Das "World Trade Center" mit angeschlossenem Luxushotel

Bild: Ganz nah am Hai: Besucher des gigantischen Aquariums auf dem Port Vell