Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 46-53
Archiv der vergessenen Momente
Von Gerhard Mack
Auf prominente Fotografen-Namen legen sie keinen Wert. Das Basler Sammler-Ehepaar Ruth und Peter Herzog interessiert sich gerade für die abgelegenen, manchmal obskuren Aufnahmen aus der Frühzeit des Mediums. Seine einzigartige Kollektion historischer Fotografie ist nun für das Publikum zugänglich
Für diese mittelmäßige Dekoration kann ich nichts", sagt Peter Herzog und weist auf die Wand. Die hat ein Graffiti-Künstler mit den üblichen Mustern zugesprayt, um ein bisschen Farbe in das Einerlei des Dreispitzareals Basel zu bringen. Das Reich Peter Herzogs beginnt hinter der braunen Stahltür in der Wand. Dort haben er und seine Frau Ruth sich einen Lebenstraum erfüllt und ihrer "Fondation Herzog" ein "Laboratorium für Photographie" eingerichtet. Die zwei Ausstellungsräume und das Büro mit dem Rollenlager, in dem über 300000 Fotografien abgelegt sind, wurden von seinem Bruder Jacques und dessen Partner Pierre de Meuron, die 2001 den Pritzker Prize für Architektur erhielten, zurückhaltend umgebaut. Das alte Lagergebäude sieht heute so aus, als wäre hier schon immer Fotografie zu sehen gewesen.
Die meditative Atmosphäre trügt. Der stille Ort birgt von verschwommenen Fotos aus dem Jahr 1839 bis zu Bildern der Mondlandung eine kaum überschaubare Menge visuellen Wissens. Er gleicht eher der Bibliothek von Alexandria als der privaten Liebhaberei eines Paares. Im ersten Raum empfängt eine Galerie aus Lieblingsbildern den Besucher. Ein gewisser Dr. Monroe, den die Schotten David Octavius Hill und Robert Adamson um 1843 fotografiert haben, gehört ebenso dazu wie eine berühmte Aufnahme einer Säule von der Athener Akropolis von Frederic Boissonnas um 1910 oder ein Porträt des Philosophen Roland Barthes aus den späten siebziger Jahren. Herzog bezeichnet den französischen Kulturtheoretiker liebevoll als "le bon dieu de la photographie" - den guten Gott der Fotografie.
Bekanntes und Unbekanntes mischt sich zwanglos zum privaten Bilderraum der Sammler. "Unsere Sammlung ist für mich ein riesiges Lebensmosaik", sagt Peter Herzog. "Jede menschliche Verrichtung, jeder Winkel der Erde wurde fotografiert." Aus vielen Ländern und Lebensbereichen haben er und seine Frau in den letzten 30 Jahren wesentliches Bildmaterial zusammengetragen.
Gepackt wurde Peter Herzog von seiner Sammelleidenschaft schon als Kind. Mit fünf Jahren sammelte er Briefmarken. Danach, als er lesen konnte, wechselte er zur Geschichte: Statt in den Konfirmandenunterricht ging er ins Historische Museum, um zu erfahren, wie Menschen früher in Basel gelebt hatten. Über Kunst- und Antiquitätenhandel machte er sich noch als Schüler kundig. Dem Vater, einem soliden Steuerbeamten, war das als Berufsperspektive zu windig. Peter Herzog gab dem elterlichen Drängen nach, studierte Jura und arbeitete ein paar Jahre im Beruf, eine Zeit lang in London.
Nebenher blieb er in der Hauptsache aber Sammler und hielt die Nase vor dem Wind. Bereits 1972 verkaufte er seine wertvolle Sammlung mit Jugendstildesign. Da war er gerade mal 24 Jahre alt, und außer ein paar Eingeweihten interessierte sich in der Schweiz noch niemand dafür. Das Geld investierte er sofort in Art Deco, die abstraktere Variante des Jugendstils. Hernach trug er Bauhausmöbel, Bakelitobjekte und amerikanische Fruchtpressen aus den fünfziger Jahren zusammen und erwarb immer wieder auch Altmeister-Zeichnungen.
Sobald eine Sammlung beieinander war, musste sie verkauft werden. Geld war nur vorhanden, soweit er es selbst erwirtschaftete. Den Luxus anderer Sammler, aus Aktiengewinnen jedes Jahr ein paar Millionen für Kunst oder Fotografie auszugeben, hält Peter Herzog auch heute noch für langweilig. Auch wenn er nach der Explosion der Preise für historische Fotografie größeres Kapital durchaus gebrauchen könnte, würden ihm das Abenteuer der Entdeckung und das Bangen und die Freude fehlen, in die stets die ganze Familie miteinbezogen wird.
Die Juristerei hängte Peter Herzog bald an den Nagel, sein Einkommen erwarb er mit Kunstexpertisen. Das brachte ihn auch zur Fotografie. Die Erben nahmen regelmäßig Haus, Geld und Aktiendepot, die Fotoalben ließen sie liegen. Dass da jeweils die Familiengeschichte im Müll entsorgt wurde, schmerzte den Gutachter. Der Mai 1974 brachte dann die Initialzündung. Auf einem Flohmarkt in Zürich sah Peter Herzog eine Fotografie von Frauen, die in einem Kreis zusammensaßen, Hanf spannen und miteinander redeten. Er war elektrisiert. "Ich merkte sofort, das ist formal und inhaltlich genau das, was mich interessiert", erinnert er sich. "Ich wollte etwas sammeln, das ästhetisch anspricht und eine historische Gegebenheit zeigt, die es nicht mehr gibt." Fotografie überzeugte ihn als eine Form von Kommunikation, als Dokumentation eines Verlusts.
Konsequent wandte er sich der historischen Fotografie zu. Die Pioniere des 19. Jahrhunderts wie William Henry Fox Talbot, Hippolyte Bayard oder Gustave Le Gray faszinierten ihn. Aber auch die Aufnahmen der vielen anonymen professionellen Fotografen, die keinen anderen Anspruch hatten, als ihre Umwelt handwerklich perfekt festzuhalten. Die Unterscheidung in Fotokunst und Dokumentarfotografie, wie sie heute weithin üblich ist, findet Peter Herzog ohnehin wenig hilfreich: "Wir haben noch nie auf große Namen gezielt, sondern wir wollen wichtige Bilder."
Aber was sind wichtige Bilder? Herzog holt zwei Alben hervor, die er und seine Frau kürzlich erwerben konnten. Das eine Album sieht ziemlich zerfleddert aus und stammt von einem Insassen der Schweizer Haftanstalt Thorberg, der um 1910 die Erlaubnis hatte, den Alltag in der Anstalt zu fotografieren. "Das ist die einzige Schweizer Zuchthaus-Dokumentation, die ich kenne", sagt der Sammler. Das andere, mit Goldschnitt veredelte Album zeigt ein Amsterdamer Kinderblindenheim des frühen 20. Jahrhunderts. Da sieht man Kinder, die lernen, trotz ihrer Behinderung die Welt zu begreifen, indem sie Spielzeug in die Hand bekommen. Wie fühlt sich ein Elefant an oder ein Segelschiff? Oder man sieht, wie Kinder zu Klavierstimmern ausgebildet werden. "So ein Album hat für uns mindestens die Bedeutung einer wunderbaren Aufnahme von Man Ray oder von Gustave Le Gray; inhaltlich ist es für uns eher wichtiger", sagt Herzog.
Die Herzogs besitzen zwar erstklassige Werke von fast allen großen Fotografen vor 1900, darauf kommt es ihnen jedoch nicht zuerst an. "Meine Frau und ich wollen wissen, woher etwas kommt, wo die Knotenpunkte von Entwicklungen liegen", erklärt der Sammler. Er löscht das Licht und führt den Besucher in den zweiten Ausstellungsraum. Da sind Papiernegative aus den 1850er Jahren in der Größe von Schreibblättern (so genannte Kalotypien) von neu entwickelten Kaltlichtfolien hinterleuchtet. Sie lassen den berühmten, in der Nähe von Paris gelegenen Wald von Fontainebleau so lebendig erstehen, dass die Augen sich in den vielen Details verlieren.
Das Licht, das durch das Astgewirr sickert und die verschiedensten Schatten wirft, war auch das Thema der Impressionisten und ihrer Vorläufer. Camille Corot, Gustave Courbet und Theodore Rousseau haben in Fontainebleau gearbeitet. Die Fotografen Gustave Le Gray, John B. Greene, Henri Le Secq und andere waren mit ihnen befreundet. Bis in die Motive der aufgestellten Getreidegarben, die an Claude Monets Heuhaufen-Serie erinnern, reichen die Berührungspunkte. Die Papiernegative wurden von einem Malerfotografen aus dem Le-Gray-Kreis erstellt, auf einem Blatt ist noch die Quadrierung für die Übertragung auf eine Leinwand zu sehen. Die Fotografie ersetzte da die vorbereitende Zeichnung. In dieser magischen Dunkelkammer stehen die Medien in einem Dialog, wie man sich ihn inniger kaum vorstellen kann.
Peter und Ruth Herzog suchen nach Bildern, die Entwicklungen der Bildsprache aufzeigen, statt nur berühmte Schlusspunkte zu setzen. Besonders deutlich machen das zwei Alben aus St. Petersburg, die einem sowjetischen Minister für Erziehung und Kultur gehörten. Sie zeigen die brodelnde Stadt ein Jahr nach der Oktoberrevolution. Da sind die Zarenpaläste mit Tüchern und Dachlatten zu vollkommen neuen Architekturen verkleidet. Politische Aufmärsche erinnern an religiöse Prozessionen. Da sind Armenküchen und Arbeiterschlafsäle in ehemaligen Palästen zu sehen, Wandzeitungen, Fahnen, Rednertribünen und immer wieder Frauen, denen die Revolution eine neue Freiheit versprach. Die Aufbruchstimmung des Landes ist direkt zu spüren, ein Land feiert über Monate hinweg ein riesiges Happening. Solche Bilder hat außerhalb Russlands niemand. "Wir sammeln, was es sonst nirgendwo gibt, nicht was jeder sofort wiedererkennen und preislich einordnen kann", sagt Herzog.
Die Preise spielen in jüngster Zeit allerdings eine dominierende Rolle. Seit den Auktionen der Sammlung von Marie-Therese und Andre Jammes liegt der Rekord für historische Fotografien bei knapp einer Million Euro für eine Aufnahme. Da können Ruth und Peter Herzog trotz allerbester Beziehungen zu den einschlägigen Händlern nicht mehr mitbieten. Jetzt tritt mit dem Laboratorium der Fotografie die Vermittlung ins Zentrum. "Fotografie ist weitgehend immer noch eine weiße Landkarte", sagt Peter Herzog.
Selbst den Schriften so renommierter Theoretiker wie Walter Benjamin oder Villem Flusser merke man an, dass ihre Materialkenntnis sehr begrenzt war. Einzig Roland Barthes mache da eine Ausnahme. Aber die Herzogs verstehen ihre neue Institution nicht nur als Anlaufstelle für die internationale Fachwelt. "Fotografie versteht jeder", sagt Herzog. Da hat niemand Hemmungen drüber zu reden." Das Medium sei "ein Bildesperanto", das über alle Schichten hinweg verbinde. Diesen direkten Zugang zum Medium möchte er nutzen, um die Auseinandersetzung mit unserer visuellen Kultur zu fördern. "Denn wer Bilder nicht interpretieren kann, ist der Bilderflut ausgeliefert." So wie Ruth und Peter Herzog ihrer unbändigen Lust auf Fotografie.
"Jeder Winkel der Erde wurde fotografiert", sagt Peter Herzog
Schon mit fünf Jahren wollte Herzog nur eines: sammeln
Fotografie ist eine universale Sprache - ein Bildesperanto
Adresse: Fondation Herzog, Oslostraße 8, CH-4023 Basel Dreispitz, Zollfreilager, Tor 13, Tel. 0041/613331185. Öffentliche Verkehrsmittel: Haltestelle Dreispitz, Tram 10, 11/Bus 36. Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 14-18.30 Uhr, Sa 13.30-17 Uhr oder nach Vereinbarung. Internet: www.fondation-herzog.ch
Bild(er):
Bild: Anonyme Fotografie eines Elefanten vor dem Pariser Variete (Aluminiumabzug, um 1860, 17 x 21 cm)
Bild: Eine Mond-Aufnahme der Fotografen Freres Henry (Albuminabzug 1890, 23 x 17 cm)
Bild: Kinderkundgebung am ersten Jahrestag der Oktoberrevolution 1918 auf dem Uritsky-Platz in Petrograd (St. Petersburg)
Bild: Mathematikunterricht im Amsterdamer Blindenheim für Jugendliche, fotografiert von Nic Schuitvlot (Gelatineabzug, um 1910, 12 x 17 cm)
Bild: "Muranoleuchter" von Ludwig Belitski (Salzpapierabzug, um 1854, 22 x 18 cm)
Bild: Das Licht sickert durch das Astgewirr: Henri Le Secq fotografierte um 1856 den Wald von Fontainebleau (Salzpapierabzug, 37 x 50 cm).
Bild: Rechts: Sichtbarmachung von Elektrizität, anonym um 1900, Abzug auf Silbergelatine, 22 x 16 cm
Bild: "Wir sammeln, was es sonst nirgendwo gibt": Ruth und Peter Herzog
Bild: Die mikroskopische Aufnahme eines Fliegenflügels stammt von dem Franzosen Auguste Bertsch (Salzpapierabzug von 1853, 21 x 12 cm)
