Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 38-45
Ware tauschen, Seele suchen
Von Gerhard Mack
TITEL: Die Suche nach Glück -Daniele Buetti spielt mit den Versprechen der Werbewelt / Mit neugierigem Blick auf die Gesellschaft und die Kraft der Verführung: Der Schweizer Künstler Daniele Buetti, 46, baut Erfahrungsräume für orientierungsbedürftige Zeitgenossen
Sie heißen Claudia Schiffer, Naomi Campbell und Cindy Crawford. Und sie sind so unerreichbar schlank und schön, dass uns Normalsterbliche weder Abmagerungskuren noch Chirurgen auch nur in ihre Nähe bringen könnten. Die Schönen der neunziger Jahre bleiben unter dem Hochglanz der Magazine unberührbar. Welche Erleichterung, als Mitte des Jahrzehnts einer wie Daniele Buetti kommt und solchen makellosen Körpern Narben verpasst! Kritzeleien, die mit dem Kugelschreiber durch Magazinabbildungen gedrückt und nochmals abfotografiert sind, kleben wie Geschwüre an Wangen, Hälsen und Ausschnitten. Die Beulenpest der Kunst hat zugeschlagen. Man musste Buetti lieben, weil er die glatten Idole des Glamour und der Mode hasste. Das war Mitte der neunziger Jahre.
Die Dekade des Glitters und der schnellen Vermögen ist spätestens seit den Anschlägen aufs World Trade Center vom September 2001 vorbei, und Zürich ist an diesem Wintertag alles andere als glamourös. Nebel hängt über der Stadt. Selbst auf der Geldmeile, der Bahnhofstraße, mit ihren Juwelierläden und Banken, sehen die Menschen so aus, als ob Besitz alleine nicht glücklich macht. Ein paar Haltestellen weiter ragen Wohntürme in den leeren Himmel. Hier, am Lochergut, haben einmal Max Frisch und die intellektuellen Wortführer gewohnt. Jetzt macht sich die Trostlosigkeit von Supermärkten breit.
Um die Ecke empfängt Daniele Buetti den Besucher. Das grüne Hemd ist auf Falte gebügelt, an den Wänden des Wohnateliers lehnen Leuchtkästen, wie man sie aus der Werbung kennt. Sie zeigen das virtuelle Powergirl Lara Croft oder schmachtende Frauen und geben Sprüche wie "Have you ever considered suicide?" zum Besten, die mit kleinen Löchern in die Folien gestochen sind. Kokette Selbstmordgedanken, mit Schmelz in Szene gesetzt.
Buetti drückt ein paar Stecker in Dosen, und buntes Geflimmer verwandelt die Räume. "Das hat mich an Las Vegas so fasziniert", erzählt er. "Tagsüber machen die vielen Kabel und verrosteten Stahlgerüste den Strip mit den großen Hotels und Casinos eigentlich hässlich, aber nachts genügt ein bisschen Strom, und alles wird verzaubert."
Die Leuchtkästen sind Verkaufsware und gehören zur jüngsten Gruppe im bisherigen Werk des 1956 geborenen Schweizers. Seit ein paar Jahren kleidet er mit PVC-Folien, Dachlatten und Scheinwerfern Ausstellungsräume aus. Environments bunt schimmernder Lichtnebel, in denen zu leise dahinwaberndem Ambient-Sound Sprüche zu lesen sind wie "I dream of you" oder "I love you", die vor Kitsch triefen und von uns trotzdem gerne benutzt werden. Diese Installationen erinnern in ihrer kruden Machart an Musikschuppen, in denen Bands vor Verwandten als Stars auftreten, oder an Schülerfeten mit den ersten Joints. Ein weiterer Bruch im Umgang mit den glatten Magazin-Schönheiten - allerdings ohne sie in irgendeiner Form lächerlich zu machen.
Das wäre Buetti zuwider. Er will nichts entlarven und niemanden desavouieren. Eine klassische Zeitkritik, wie sie ein George Grosz oder Otto Dix mit ihren karikaturhaften Figuren in der Weimarer Republik betrieben, ist ihm fremd. Er hält es lieber mit Andy Warhols neugierigem Blick auf die Gesellschaft. Dass einer die schönen Models hassen muss, um sie so zu entstellen, erweist sich schnell als Fantasie des Besuchers. "Es bringt nichts, die Menschen frontal anzugehen. Kunst hat nicht mit Angriff, sondern mit Verführung zu tun", sagt Buetti. Eigentlich wirbt er um die Schönheiten, die er verunstaltet: "Ich wollte sie menschlich machen und auf eine Ebene herunterholen, die mit dem Leben zu tun hat - so wie die Kirche früher ihre Heiligen animiert hat: Deren Bilder fangen manchmal an zu bluten, zu weinen und sogar zu sprechen. Sie sind verletzlich und deshalb uns Sterblichen näher." Und ordentlich wie ein Professor im ästhetischen Seminar liefert er gleich eine Begründung hinterher: "Wir sind genauso von der Abweichung und vom Morbiden angezogen wie von der Perfektion ebenmäßiger Züge oder einer samtenen Haut."
"Looking for Love", auf der Suche nach Liebe, heißt diese Werkgruppe denn auch. Das klingt so sanft und verführerisch wie Buettis eigene Stimme, und es mag für den Künstler auch so stimmen; immerhin hat er die ersten "Pseudovernarbungen", wie er die Kugelschreiberattacken nennt, an Fotos von Freunden und Bekannten ausprobiert. Dennoch sind diese Arbeiten schärfer. Was den Betrachter heute nicht loslässt, ist die Ambivalenz aus Härte und Zärtlichkeit, aus Zerstörung und Aneignung, die mit dem heiter-oberflächlichen Touch einer Talkshow daherkommt.
Dass Buetti sich bei Werbekampagnen großer Marken und den Fotografien berühmter Fotografen bedient, ist der Medienbranche nicht entgangen. Die Anwälte von Peter Lindbergh und Bettina Rheims meldeten sich bei Nicola von Senger von der Zürcher Galerie arsFutura und verlangten, dass die Bilder, die auf Arbeiten ihrer Mandanten zurückzuführen seien, abgehängt würden. Doch Galerist und Künstler stellten sich stur. Die Urheberrechtler gaben nach.
Vielleicht auch, weil schnell deutlich wird, dass Buetti mehr im Sinn hat als ein paar gute Gags, die auf dem Kunstmarkt wirkungsvoll sind. Das hat er bereits mit den Arbeiten gezeigt, die den Kuli-Geschwüren unmittelbar vorausgingen. Da schrieb er Zeitgenossen die Namen großer internationaler Konzerne auf die Haut und nannte diese "Good Fellows", weil ihre Produkte uns ein Leben lang begleiten. Im Video "Only you" streichelt und küsst eine Frau zärtlich die Innenfläche ihrer Hand. Zwischendurch ist dort Nike, Sony oder IBM zu lesen. "Fetischismus in Kinderschuhen", nennt das Buetti und löst leichtes Gruseln aus. Mit Wirtschaftsmultis mag eigentlich niemand schmusen, sie sind uns heute aber näher gerückt als so manche Liebsten.
Was wir wirklich erleben und was wir über die Medien als Alltag wahrnehmen, vermischt sich immer dichter. Millionen von Zuschauern leiden täglich mit den Helden der Seifenopern, als wären diese ihre engsten Verwandten. Dabei geht die Fähigkeit verloren, eigene Bedürfnisse und Fantasien zu entwickeln und sich daran zu orientieren. "Wie können wir überhaupt noch herausfinden, wer wir sind und sein wollen? Wieweit brauchen wir dazu Vorbilder? Welche Rolle spielen dabei die Medien?" Buetti wird leidenschaftlich, bricht ab und kommt, als hätte er sich vergessen, auf seine Biografie zu sprechen.
Als er anfing, Kunst zu machen, hatte er bereits eine Reihe von Jobs und Berufen hinter sich. Der Vater betrieb ein galvanotechnisches Labor, das er übernehmen sollte. Doch nach zwei Jahren büchste er aus und tingelte als Verkäufer von Drahtschmuck durch Europa. Danach wollte er "etwas Sinnvolles tun" und absolvierte eine Gärtnerlehre, um Obst anzubauen. Eher zufällig kam er 1978 an die Zürcher Schule für Gestaltung. Anschließend holte er sich an der Hochschule der Künste in Berlin ein theoretisches Fundament und war bald bei jeder wichtigen Ausstellung von Kunst aus der Schweiz mit dabei.
Vielleicht hat es mit diesem "etwas gequälten Werdegang" zu tun, von dem Buetti nicht ohne Ironie erzählt, dass er zunächst einmal fragte, was seine Rolle als Künstler in der Gesellschaft sein könnte. Er wollte ein Zeichen schaffen, das "so einfach und verständlich war wie eine Verkehrsampel". Das passte gut in das Klima der achtziger Jahre. Das Wiederaufleben einer neoexpressiven und mythenschwangeren Malerei im großen Format gab den Ton an. Die Galerien und Museen waren besetzt. Junge Künstler wandten sich der Gesellschaft zu. Das "Betriebssystem Kunst" kam auf den Prüfstand. Daniele Buetti entwarf ein Flügelpaar aus fünf Quadraten und einem Kreis und nannte es "Flügelkreuz". Die Form fand er zufällig, sie erlaubte Assoziationen zwischen Kreuzigung und rettenden Engeln. Damit ging er zu den Menschen.
1993 verkaufte er im Münsterland als fliegender Händler auf regionalen Märkten Wäsche, Socken und T-Shirts. An jedem Textil war ein kleiner Karton befestigt, der neben den üblichen Angaben zur Ware auch sein Zeichen aufgedruckt hatte, versehen mit den gestalterischen Grundbegriffen "das Licht", "die Farbe", "das Maß". "Das Tauschgeschäft funktionierte perfekt, die Kunden kauften Unterhosen und zogen sie an, ich verkaufte meine Kunst", sagt Buetti. Im fahrenden Händler fand er sein Modell für den Künstler. Nicht nur wegen Marcel Duchamp und dessen berühmtem Museum im Koffer. "Wenn ich an einen Ort reise, um eine Ausstellung vorzubereiten, wen sehe ich da im Hotel? Am Frühstückstisch sitzen lauter Vertreter und andere Geschäftsleute", resümiert Buetti seinen Alltag.
Solche Feldarbeit haben viele Künstler gemacht, bei Buetti geht sie aber über den Trend hinaus. Als Fahrender ist er auch ein Verkünder, ein später Nachfahre von Joseph Beuys, der den Heilsanspruch der Kunst nicht aufgeben will. 1993 trug er sein Flügelkreuz am eigenen Körper. "Ich war ein bisschen die tragikomische Figur des Dorfidioten, Abgesandter einer obskuren Bruderschaft, ein wenig bekloppt, ein wenig Schamane." Kunst dient als geistige Krücke in einer Gesellschaft, die sich zu aufgeklärt und cool gibt, um an Religion zu glauben, und hinterrücks von der Kunst doch wieder Wunder erwartet. Das beschäftigt Buetti bis heute. "Best of Karma" heißt eine Installation, die dieses Jahr bei der Messe "Art" in Basel zu sehen war. Es ist nicht unbedingt neu, aber damit trifft seine Kunst eine Befindlichkeit unserer Tage.
"Ich wollte sie menschlich machen und auf eine Ebene holen, die mit dem Leben zu tun hat - so wie die Kirche früher ihre Heiligen animiert hat"
"Ich war ein bisschen die tragikomische Figur des Dorfidioten, Abgesandter einer obskuren Bruderschaft, ein wenig bekloppt, ein wenig Schamane"
"Das hat mich an Las Vegas so fasziniert: Tagsüber machen die vielen Kabel und verrosteten Stahlgerüste den Strip mit den großen Hotels und Casinos eigentlich hässlich, aber nachts genügt ein bisschen Strom, und alles wird verzaubert"
Ausstellung: Kunstverein Freiburg, 14. Februar bis 30. März. Es erscheint ein Katalog (deutsch/englisch) im Verlag Hatje Cantz, Ostfildern. Internet: www.kunstvereinfreiburg.de; Galerien: Ars Futura, Zürich, Tel. 0041/1/2018810, www.arsfutura.ch; Galerie Sfeir-Semler, Hamburg, Tel. 040/ 37519940. Internet: www.sfeir-semler.de; Galerie Reinhard Hauff, Stuttgart, Tel. 0711/609770. Internet: www.reinhardhauff.de
Bild(er):
Bild: Kugelschreiber-Attacken aus der Serie "Looking for love": "Christian Dior", 1997-2000, Farbfoto, 109 x 183 cm (ganz links) und "Chanel", 1996-2002, Farbfoto, 180 x 120 cm (links). Aus der Serie Good Fellows: "Gaultier Paris", 1996-2001, Farbfoto, 120 x 180 cm (oben)
Bild: Schön lebensmüde: "Have you ever considered suicide?", 2002, Leuchtkasten, 120 x 160 x 10 cm
Bild: Bühnendeko wie in einem Musikschuppen: "JUST ONE MORE", 2000, Installation im Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich 2000 (oben). Daniele Buetti im Kunst-Einsatz: "Tattoo Stand", New York, August/ September 1994
Bild: Buetti, zivil und incognito: Als Batman würde er sich am liebsten in art sehen, gestand er der Redaktion
Bild: Die ungestillte Sehnsucht nach großen Emotionen und ein bisschen Unsterblichkeit: "I love you", 2002. Installationsansicht Galerie Sfeir-Semler, Hamburg. Linke Seite: "Handrücken Blau", 2002, Leuchtkasten 104, 127 x 97 x 10 cm
