Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 58-65

Bauhaus und Lederhose

Von Frank Nicolaus Enno Kapitza

Als er den Ikea-Elch vor Gericht am Geweih packte, wurde Nils Holger Moormann zum Helden einer ganzen Branche. Der bayerische Produzent minimalistisch-raffinierter Möbel verlegt Besprechungen gern mal in die Berge - und macht auch sonst so ziemlich alles anders als der Rest / ENNO KAPITZA (FOTOS)

Als Nils Holger Moormann im Frühjahr 2001 auf seinem Fahrrad über die Schotterfelder von Patagonien holperte, hatte er sich längst alles aus dem Kopf gestrampelt: die bayerischen Berge und die Geschäftsbilanzen, alle Marketingstrategien und alle Design-Entwürfe. Nur noch Wind und Weite. Herrlich. Doch plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, stand ein massiger Stier vor ihm. Den Blick starr auf die knallroten Satteltaschen des Fahrrads gerichtet, senkte das Tier seinen schweren Kopf und justierte die spitzen Hörner. Für den versierten Hemingway-Leser Moormann war es die Stunde der Wahrheit. Ohne zu zögern und mit schrillem Klingelklang, trat er beherzt in die Pedale. Da sprang der Stier erschrocken zur Seite und ließ den behelmten Fremden pikiert passieren.

Was der Stier erlebte, hatte vorher auch schon der kapitale Ikea-"Elch" aus Schweden erfahren: Einen Nils Holger Moormann kann so leicht nichts aufhalten. Mit Einfallsreichtum und Beharrlichkeit ist der Autodidakt in knapp zwei Jahrzehnten in die Prominenten-Loge der deutschen Design-Szene aufgestiegen. Er produziert und vertreibt Möbel, die regelmäßig mit renommierten Preisen ausgezeichnet werden, etliche Modelle seiner Kollektion sind bereits in Museen ausgestellt; zudem fördert er junge Entwerfer-Talente, ist Präsidiumsmitglied im einflussreichen "Rat für Formgebung" und berät auch das Bundeswirtschaftsministerium in Formfragen.

Schöne Erfolge. Aber es ist wohl vor allem seine unkonventionelle und leidenschaftliche Hingabe, die ihn zum Hoffnungsträger der Branche macht. Konkurrenten und Bewunderer schreiben ihm Charisma zu. Der 50-Jährige winkt jedoch ab: "Bloß keine Mythenbildung! Ich bin nur ein einfacher Typ."

Aschau im Chiemgau, eine voralpine Touristen-Idylle mit gerade mal 5000 bayrischen Seelen. Die Berge sind hoch, die Almwiesen sattgrün: ein Landschaftsdesign, das Nils Holger Moormann liebt. Im Sommer 1999 ist er mit seinen 21 Mitarbeitern in die ehemaligen Stallungen des örtlichen Adelsgeschlechts derer von Cramer-Klett eingezogen. In den restaurierten Boxen und Remisen, wo einst Pferde und Kutschen standen, lagern jetzt die Moormann-Klassiker: Möbel, die seinen Ruf als Design-Puristen begründet haben. Zum Beispiel die "Schuhkippe" (1984). Mit dem knapp mannshohen Kippschrank aus Stahlblech, entworfen von dem Schweizer Hanspeter Weidmann, startete Nils Holger Moormann in den achtziger Jahren seine Unternehmer-Karriere.

Zu den frühen Moormann-Stücken gehört auch das "Gespannte Regal" (1984) des Designers und Metallbildhauers Wolfgang Laubersheimer: Ein Stahlseil spannt das 240 Zentimeter hohe Gestell zur Bogenform. Das erfolgreichste Produkt der Kollektion ist das mit Preisen hoch dekorierte Regalsystem "FNP" ("Flächennutzungsplan", 1989), entworfen von Axel Kufus, Professor für Produktdesign an der Bauhaus Universität in Weimar.

Der ist eigentlich viel zu schön, um echt zu sein", sagt Nils Holger Moormann. Er steht am Fenster seines Chefzimmers und schwärmt zu einem fernen, schneebedeckten Gipfel empor. Schönheit, so wie er sie versteht, kann den 1,92 Meter großen Mann vor Ergriffenheit zum Schluchzen bringen. So setzt er sich vorsichtshalber an seinen Schreibtisch. Auch eine Schönheit. Aus eigener Kollektion: Der von dem Innenarchitekten Jakob Gebert entworfene Tisch "Spanoto" (1996) wurde bereits mit fünf Auszeichnungen bedacht, zuletzt mit dem "Bundespreis Produktdesign".

Draußen ein barockes Bergpanorama, drinnen ein aufs Wesentliche reduziertes Design: "Ich finde diesen Kontrast inspirierend und spannend", sagt Nils Holger Moormann und ergänzt nicht von ungefähr: "Der große amerikanische Entwerfer Charles Eames hatte übrigens auch ein Faible für die Natur." Seelenverwandtschaft? Ein amerikanischer Kunde hat es ihm schriftlich gegeben: "There is still hope after Eames!", schrieb der enthusiastisch nach Aschau. Für den Design-Autodidakten Moormann zählt ein solches Lob zu den höheren Weihen. Nicht weniger stolz ist er freilich auf den Titel, den ihm seine Mitarbeiter verliehen haben: "d'Gschwoarschädl". Diese rustikale Respektbezeugung, die dem hochdeutschen "Dickkopf" entspricht, verdankt er einer tollkühnen Elch-Jagd, genauer: seinem spektakulären Prozess gegen den Branchenriesen Ikea.

Insider gaben ihm keine Chance, als er 1997 eine einstweilige Verfügung gegen die Möbelhauskette erwirkte. Streitobjekt war der von den Designern Jörg Sturm und Susanne Wartzeck für die Moormann-Kollektion entworfene Tischbock "Taurus" (1993). Das scheinbar schlichte Produkt hat einen praktischen Clou: Eine flexible Metalltraversale zwischen den Buchenholzstreben macht den Bock auch auf unebenen Böden wackelfest. Die Kundschaft war begeistert. Ikea auch. Und schon bald brachte der schwedische Konzern mit dem Tischbock "Sture" eine preiswerte Nachahmung auf den Markt. Moormann sah sich bestohlen und zog gegen den "Elch" zu Felde.

Ikea engagierte prompt mehrere Gutachter und trat zur Gegenwehr an. Das Verfahren zog sich hin. Gewann der Kläger, ließ der Beklagte sogleich Revision einlegen. "Mir ging allmählich der Atem aus", erinnert sich der Gschwoarschädl. "Bei dieser David-gegen-Goliath-Nummer stand die Existenz meines Unternehmens auf dem Spiel. Der Streitwert belief sich auf eine sechsstellige Summe." Schließlich obsiegte das Original. 2001 lehnte der Bundesgerichtshof als höchste Instanz eine weitere Revision ab. Ikea musste "Sture" wegen "unlauterer Nachahmung" vom Markt nehmen. Die Branche frohlockte und feierte Moormann als Helden. Designer, Einzelhändler, Großunternehmer und andere Sympathisanten schickten Glückwünsche. Und Elche. Noch heute hängt in der Aschauer Firma eine große Elchkopf-Trophäe aus Plüsch über dem Türsturz des Konferenzzimmers.

Design sei sein Leben, sagt Moormann. Es gilt auch der Umkehrschluss: Rückblickend gerät ihm sein Leben zum Design, und zwar zum Modell "per aspera ad astra" - über raue Pfade zu den Sternen.

Seine Wanderjahre begannen früh. In der Schule litt der 1952 in Stuttgart geborene Gymnasiast Moormann wahre Höllenqualen. Als seine Eltern in den späten sechziger Jahren ihr Textilunternehmen aufgaben und nach Aschau zogen, blieb er allein in Stuttgart zurück. Den Unterricht besuchte er nun nur noch selten, lernte lieber fürs Leben: jobbte nachts bei der Post und stand nachmittags am Fließband einer Fabrik. "Sehr stark geprägt" habe ihn auch seine Zeit bei den Pfadfindern. Überlebenstraining in frostkalten Wäldern, Wandern bis an die Schmerzgrenze. Moormann: "Seit diesen wunderbaren Torturen habe ich eine ausgeprägte Neigung zur Askese."

Bei seinen Angestellten sorgt sein Hang zum Harten gelegentlich für Irritationen. Während der Möbelmessen in Köln sind die Moormann-Mitarbeiter stets in noblen Hotels untergebracht, der Chef aber übernachtet lieber auf dem Rücksitz seines Autos. Oder: Wenn er in Aschau den Blues bekommt, kann es passieren, dass er spontan eine Iso-Matte auf den Gepäckträger seines Fahrrads schnallt und wochenlang ins Blaue radelt. Vor drei Jahren dachte er erst in Irland wieder an eine Rückkehr.

Irgendwie schaffte er als 22-Jähriger das Abitur und begann lustlos ein Jurastudium. Zwölf Semester lang sah er keinen Ausweg aus dem akademischen Tal der Tränen. Doch dann traf er 1980 auf der Autobahn einen Tramper, der ihm von Möbelentwürfen des Münchener Architekten Andreas Weber vorschwärmte. Ein Glücksfall. Nils Moormann wollte "diesen Weber unbedingt kennen lernen". So geschah es. Wenige Wochen später war er als Handelsvertreter des Architekten auf Achse. Mit Webers minimalistischer Möbelkollektion reiste er in jede Ecke der Republik, klapperte Firmen und Design-Ateliers ab, schlief nachts im Zelt oder auf Parkbänken. Design wurde für ihn "zu einer Art Religion". Schließlich gab er die Juristerei auf, um sich "ganz und gar meinem eigentlichen Studium hinzugeben".

Er lernte zur rechten Zeit. In den achtziger Jahren feierte die internationale Design-Szene ein Fest der Ideen. In Mailand gründete der Italiener Ettore Sottsass die heute legendäre Gruppe "Memphis". Architekten und Designer wie Michele De Lucchi, Aldo Cibic, Michael Graves, Hans Hollein und Arata Isozaki rebellierten mit Formen-Vielfalt und kühnen Material-Kombinationen gegen den funktionalistischen Kanon der Bauhaus-Tradition. Alles schien möglich, auch in der Bundesrepublik: Junge Entwerfer verschrieben sich einer "Neuen Einfachheit", die aber mit ironischem Witz und Leichtigkeit einherging. In der Szene drängelten und reüssierten zahlreiche Talente, unter ihnen Volker Albus, Andreas Brandolini, Thomas Bley, Peter Maly, Stiletto und Winfried Scheuer. Und mittendrin Moormann.

1987 zog er zu den Bergen nach Oberbayern, mietete einen baufälligen Bauernhof inklusive Plumpsklo und machte sich mit der "Schuhkippe" und einem Startkapital von 2500 Mark selbständig. Die Aufbauphase war so hart, dass Gelegenheitsmasochist Moormann sie heute als die schönste Zeit seines Lebens preist.

Seine Kollektion wuchs langsam. Bei der Auswahl der Entwürfe orientierte er sich von Anfang an weniger an Marktsignalen als an einem "typischen Kribbeln im Bauch". Heute sagt er: "Es ist wie beim Verlieben." Entsprechend wählerisch ist Nils Holger Moormann, wenn es um sein Programm geht: Junge wie ältere Designer machen ihm ständig Avancen und schicken Modelle und Ideen ein. Oft vergeblich. Moormann erwirbt, um zu besitzen: In Teamwork mit den Auserwählten und seinem Hausdesigner überarbeitet er die Entwürfe solange, bis sie perfekt in die Kollektion passen. Zur Zeit hat er 30 Modelle im Angebot - Möbel in einem funktionalistischen, auf klare Formen reduzierten Design. Aber mit Raffinesse: "In jedem meiner Produkte steckt eine wirkliche Erfindung", erklärt Moormann stolz.

Besonders augenfällig ist das innovative Extra beim dem zweifach prämierten Regal "Es" (1999) des Münchner Star-Designers Konstantin Grcic: Das Gestell aus Holzstäben und Brettern steht stets schief; die flexible Konstruktion nimmt bei jeder neuen Belastung eine andere stabile Position ein. Zum Ausstellungsobjekt mehrerer Museen ist die "Deutsche Bank" (1997) von Michaela Bisjak, Markus Graf und Kai Richter avanciert. Das Bankgeheimnis: Die einzelnen Sitz-Elemente lassen sich mit wenigen Handgriffen individuell zusammenstellen. Der Produktname provoziert interessante Assoziationen. So schockte einmal das "Handelsblatt" seine Leser mit der Meldung: "Moormann verkauft die Deutsche Bank".

Bei aller Askese: Einmal im Jahr lässt Nils Holger Moormann es richtig krachen. Dann bittet er die Branchen-Prominenz zum kollektiven "Almrausch" nach Aschau. Sein Ruf ergeht europaweit, und sie kommen alle, die Designer, Manager und Museumsleute. Die große Sause beginnt harmlos. So lud er beispielsweise im Oktober 1999 die 300 Teilnehmer zunächst zu Tisch.

Das Schmausen ist immer nur ein Vorspiel. Am Morgen danach wird es ernst: Noch vor Sonnenaufgang scheucht der ehemalige Pfadfinder seine Gäste aus den Betten und führt sie ins Gebirge. Auf steilen Pfaden geht's zum Gipfel empor. Stundenlang. Bis zum Matratzenlager in einer kargen Hütte. Für Nils Holger Moormann ist der Aufstieg nicht nur eine Gaudi: "In der freien Bergluft hat man bessere Ideen als in Konferenzräumen", behauptet er. "Außerdem beschert die Tour den Gästen ein starkes Gemeinschaftsgefühl." Wahr ist, dass sich beim "Almrausch"-Kraxeln schon etliche geschäftliche Seilschaften gebildet haben.

Zuhause empfängt der Unternehmer Moormann nur abgehärtete Gäste. Bis vor vier Jahren hat er in einem windschiefen Gartenhäuschen gelebt. Als in seiner Nachbarschaft gebaut wurde, zog er in ein über 400 Jahre altes Haus am Ortsrand. In besonders kalten Nächten treibt es ihn oft in einen Bretterverschlag nebenan. Dort bettet er sich auf eine Iso-Matte und denkt und träumt. Zum Beispiel von einer Revolution. "Damit endlich etwas Neues entstehen kann, müssen unsere jungen Designer auf die Barrikaden gehen und mit allen Regeln brechen", fasst er seine Nachtgedanken zusammen.

Von Zeit zu Zeit sorgt er selber für Aufruhr. Letztes Jahr eröffnete Nils Holger Moormann, der Schrecken des schwedischen Elchs, eine neue Jagdsaison im Design-Revier - mit umgedrehtem Spieß: Auf der diesjährigen Kölner Möbelmesse präsentierte er das Regal "Billy Clever". Der Gschwoarschädl freut sich: "Der fast gleichnamige Ikea-Klassiker kommt nicht ohne Schrauben aus. Unser Modell hingegen lässt sich blitzschnell und ohne Werkzeug aufbauen." Waidmannsheil.

Internet: www.moormann.de

Vor der barocken Kulisse der bayerischen Alpen werden spartanische Möbel entworfen. Gerade der Kontrast wirkt inspirierend auf Moormann und seine Designer

Die gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Riesen Ikea war ein riskantes Unternehmen. "Finanziell ging mir allmählich der Atem aus", sagt Nils Holger Moormann

Die Auswahl der Möbel ist ein bisschen wie Verlieben. Kein Wunder, dass berühmte und unbekannte Designer ständig versuchen, Moormann zu becircen - oft vergeblich

Bild(er):

Bild: Der Firmensitz in Aschau im Chiemgau: In ehemaligen Stallungen entstehen Moormanns Möbelkollektionen

Bild: Nils Holger Moormann im Konferenzraum, den die Mitarbeiter nur "s'Ratschkammerl" nennen

Bild: Oben: das Wandregal "Magnetique" (Swen Krause, 2000) - die Teile sind auf der Magnetwand verschiebbar. Rechts: die "Deutsche Bank" (Michaela Bisjak, Markus Graf und Kai Richter, 1997) mit flexiblen Elementen

Bild: Von links: das in der Höhe variable Regal "Egal" (Axel Kufus, 2002), der umkämpfte flexible Tischbock "Taurus" (Jörg Sturm, Susanne Wartzeck, 1993). Rechte Seite: das Regal "Es" (Konstantin Grcic, 1999)

Bild: Und täglich grüßt der Elch: Die Stoff-Trophäe erinnert an den Sieg gegen Ikea

Bild: Die Tischbeine werden in die Zargen auf der Unterseite hineingespannt, und sind auch schnell wieder zu lösen: "Spanoto" (Jakob Gebert, 1996)