Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 84-85

Schreckensbilder

Von Verena Lugert

AUSSTELLUNGEN IM FEBRUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / DÜSSELDORF: JAKE AND DINOS CHAPMAN: "ENJOY MORE!" / Das Museum Kunst Palast zeigt eine Werkschau der britischen Brüder

So etwas hätte man nicht erwartet von den bösen Brüdern Jake und Dinos Chapman: Der Raum ist feierlich abgedunkelt, auf Postamenten wird kostbare Stammeskunst ausgestellt, getaucht in sanftes Licht. Eine Atmosphäre wie im Völkerkundemuseum umgibt afrikanisch anmutende Objekte und patinierte Holzschnitzereien. Aber die Chapmans kippen das Vertraute: Die Fruchtbarkeitsfigur umklammert einen McDonald's-Milkshake und eine Pommes-frites-Tüte, das Gesicht eines Totems entpuppt sich als lachender Hamburger. Der vermeintlich primitiven Kunst propfen die Chapmans westliche Konsum-Ikonen auf.

Neben diesen aktuellen Arbeiten ist aber auch die Skandal-Installation "Hell" (art 10/2000) in Düsseldorf zu sehen. Im Spielzeugformat werden Schreckensszenen vorgeführt: An dürren Bäumen sind Opfer aufgeknüpft. Vor einem Krematorium stapeln sich nackte Leiber. Die Landschaft ist mit Gekreuzigten, Aufgespießten und Massengräbern übersät.

"Hell" erscheint als Genozid im Däumlingsland, als Albdruck in neun Vitrinen, die in Hakenkreuzform angeordnet sind. Das Werk ist vom Holocaust bis hin zu den ethnischen Säuberungen auf dem Balkan ein Bild-Brevier für Hass, Gewalt und Völkermord. Eine Zusammenschau gewesener und kommender Kriege, eine Allegorie der Grausamkeit.

"Dieses Kunstwerk bringt nichts anderes zur Anschauung als Unmenschlichkeit", sagt Dinos Chapman. Ähnlich etwa wie die Höllenstürze eines Hieronymus Bosch (1450 bis 1516) oder die Kriegsgreuel eines Francisco de Goya (1746 bis 1828), mit denen die Werke der Chapmans verglichen werden. Auch ihr an Goyas "Schrecken des Krieges" angelehnter Radierungszyklus "Disasters of War" (2001) ist nun im Museum Kunst Palast zu sehen. In den 83 Blättern greifen die beiden Künstler wieder Motive wie Gewalt und Nazi-Symbolik auf. Jake, 37, und Dinos, 41, Chapman wurde fahrlässiger Umgang mit dem Tabu vorgeworfen, die spekulative Nutzbarmachung des Holocaustgrauens.

Doch für die Chapmans ist der Tabubruch Programm: In den neunziger Jahren hatten sie bereits die Pädophilie zum Thema ihrer Kunst gemacht: Ihre "Zygots" sind nackte Kinderkörper aus Fiberglas, missförmig miteinander verwachsen, mit Penisnasen und Körperöffnungen überall - anatomische Phantasmagorien, die die Genmanipulation in die Nähe der Zucht von Übermenschen im Dritten Reich verlegen. Im Text eines ihrer Ausstellungskataloge heißt es denn auch wie ein genetischer Code: mummi-+-DADDi-ARent-g'-ing-t'--pR'-teCt-i'-u---theiiR-n'--thin g-'-R-AusChwitz---ziiig'-s.

Termin: 1. Februar bis 4. Mai. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 38 Euro. Internet: www.museum-kunst-palast.de

Bild(er):

Bild: Exotik und Ironie: Götzenbild mit Pommes frites und Milkshake aus dem Jahr 2002

Bild: Ein Hakenkreuz aus geborstenen Fingern. Daneben kleine Männchen und Spielzeugfiguren, ganz rechts ein Miniaturhitler mit Teddybär. Radierung aus der Serie "Disasters of War" (2001, 25 x 35 cm)