Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 90-91

Allein mit Katzen und Mäusen

Von Burcu Dogramaci

AUSSTELLUNGEN IM FEBRUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / VIDEO / Einzelausstellungen in Paris, Los Angeles, Köln und anderswo präsentieren die Stars und Nachwuchskünstler der Videoszene

Die vergangene Documenta 11 zwang ihre Besucher in die Dunkelheit. In schwarzen Kammern flimmerten Filme und ließen die Eintretenden manchmal stundenlang verharren. Als Triumph der Videokunst wird die Kasseler Ausstellung in Erinnerung bleiben, und auch im Jahr danach widmen sich Museen in Europa und den USA dem Medium, das längst eine zentrale Gattung zeitgenössischer Kunst ist: Heute verwendet eine junge Generation von Künstlern Videotechnik so selbstverständlich wie einen Bleistift.

Mit Steve McQueen und Kutlug Ataman werden nun zwei Künstler mit Ausstellungen bedacht, deren Beiträge zu den intensivsten Eindrücken der Documenta zählten. Das Musee d'Art Moderne in Paris zeigt vier Arbeiten des 33-jährigen Briten Steve McQueen, darunter "Girls Tricky" und "Illuminer" von 2001. Binnen kurzer Zeit avancierte der Künstler zum Shootingstar und wurde für seine reduzierte Bildsprache 1999 mit dem renommierten Turner Prize ausgezeichnet. Ob McQueen die Ausbeutung von Goldminenarbeitern in Südafrika zeigt oder eine Hommage an sein Idol, den Trip-Hop-Sänger Tricky, inszeniert - stets findet er authentische, treffende Bilder.

Der türkische Künstler und Regisseur Kutlug Ataman stellt seine dokumentarisch anmutenden Filme in der Londoner Serpentine Gallery aus. Atamans Protagonisten kehren in langen Monologen ihr Innerstes nach außen. So filmte der 40-jährige Künstler die exaltierte Opernsängerin Semiha Berksoy und besuchte die Pflanzenzüchterin Veronica Read. In seinem neuesten Werk "1 + 1 = 1" lässt er die Dichterin Neshe Yashin zu Wort kommen, die auf Zypern lebt und persönliche Eindrücke vom endlosen Grenzkonflikt weitergibt.

Während Ataman zwischen subjektiver Geschichte und gesellschaftlicher Problematik balanciert, rühren Bill Violas Videos an die Grundfragen menschlicher Existenz. Leben und Sterben, Liebe und Gewalt werden in symbolischen Bildern behandelt. Ein religiöser Beiklang ist nicht zu überhören. Im Los Angeles Getty Museum ist die Serie "The Passions" zu sehen, die in den vergangenen zwei Jahren entstand. In Anlehnung an Altarbilder der Renaissance lässt Viola seine Akteure elementare Gefühle wie Liebe, Hass, Schmerz und Verzweiflung ausdrücken. Durch filmische Verlangsamung ("Slowmotion") bekommt der Zyklus monumentale Züge.

Neben Viola gehört Bruce Nauman zu den Altmeistern der Videokunst. In seinen Arbeiten hat Nauman stets das Verhältnis von Körper, Gewalt und medialer Vermittlung untersucht. Sein jüngstes Werk, "Mapping the Studio I", wird nun im Kölner Museum Ludwig präsentiert. Im Vergleich zur Vehemenz älterer Werke wirkt die Arbeit sehr ruhig. Jeden Abend, wenn der Künstler nach seinem Tagwerk das Atelier verließ, stellte er Infrarotkameras auf, welche die Nacht hindurch den verlassenen Raum aufzeichneten. Nur Mäuse und eine lethargische Katze beleben den Ort. In der Videoinstallation kann der Betrachter nun fünf Stunden lang auf sieben Bildschirmen gleichzeitig das Atelier beobachten - ohne Künstler. Der mythische Ort, in der Geschichte der Kunst immer wieder als Geburtsstätte künstlerischer Produktion überhöht, präsentiert sich als ganz normaler Raum. Dennoch ist man von der geheimnisvollen Atmosphäre der Infrarot-Aufnahmen gefesselt. Nauman ernüchtert den Künstler-Kult und aktiviert ihn zugleich.

Ausstellungen mit Videokunst:

Steve McQueen: Musee d'Art Moderne de la Ville, Paris, 7. Februar bis 31. März. Katalog: Paris-Musees. Internet: www.paris.org/Musees/Art.Moderne.Ville

Kutlug Ataman: Serpentine Gallery, London, 11. Februar bis 16. März. Katalog: Long Streams, 17,95 Pfund. Internet: www.kutlugataman.com, www.serpentinegallery.org

Bill Viola: The Passions, The J. Paul Getty Museum, Los Angeles, 24. Januar bis 27. März. Katalog: 45 Dollar. Essayband: Representing the Passions, 40 Dollar. Internet: www.getty.edu

Bruce Nauman: Mapping the Studio I, Museum Ludwig, Köln, 8. Februar bis 11. Mai. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, zirka 15 Euro. Internet: www.museenkoeln.de/museum-ludwig

Rodney Graham: K21, Düsseldorf, 15. Februar bis 25. Mai. Erste Einzelpräsentation des kanadischen Künstlers (*1949) in Europa. Graham hat seit den siebziger Jahren ein vielschichtiges Werk entwickelt, das Film, Video, Skulpturen und Musikkompositionen miteinander kombiniert. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 20 Euro. Internet: www.kunstsammlung.de

Jeanne Faust, Jennifer Nelson, Rosa Barba: Compilation I, Kunsthalle Düsseldorf, 26. Januar bis 30. März. Für die drei jungen Künstlerinnen ist dies die erste umfassende Ausstellung. Jeanne Faust (*1968) verfasst für ihre sorgfältig geplanten Drehs Storyboards, Jennifer Nelson (*1969) verbindet Tanzperformance mit Installationen, Rosa Barba (*1972) nutzt manipulierte Projektionsapparate, Montagetechnik und Perspektivwechsel. Katalog: Jeanne Faust, Snoeck Verlagsgesellschaft mbH, 19,80 Euro; Jennifer Nelson, Memory/Cage Editions, 19,80 Euro; Rosa Barba, Verlag der Buchhandlung Walther König, zirka 24 Euro. Internet: www.kunsthalle-duesseldorf.de

Christian Marclay: Video Quartet, Kunsthalle Fridericianum, Kassel, bis 23. März. Der Kalifornier Christian Marclay (*1955) bewegt sich zwischen Musik und bildender Kunst. In audiovisuellen Räumen verschmelzen musikalische Komposition und visuelle Skulptur. Internet: www.fridericianum-kassel.de

Bild(er):

Bild: Amaryllenzüchterin: "Die vier Jahreszeiten der Veronika Reed" von Kutlug Ataman (2001)

Bild: Bruce Naumans Kartografie seines Ateliers in sieben Projektionen: "Mapping the Studio I (Fat Chance John Cage)" von 2002 - ein über fünfstündiger Zusammenschnitt von nächtlichen Infrarot-Observationen

Bild: Steve McQueen: "Western Deep" von 2002, in den Tiefen einer südafrikanischen Goldmine

Bild: Emotionen in Zeitlupe: "Das Quintett der Erstaunten" von Bill Viola (2000)