Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 86-87
Versiegelte Orte
Von Kira Van Lil
AUSSTELLUNGEN IM FEBRUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / BASEL: MICHAEL RAEDECKER - "INSTINCTION" / Bilder des holländischen Künstlers im Museum für Gegenwartskunst
Flache Bungalows mit breiter Auffahrt zur Garage oder urige Blockhäuser mit rustikalem Kaminschlot sind häufige Motive in den Bildern des 39-jährigen niederländischen Malers - typische Schauplätze aus unbeschwerten Hollywood-Filmen der fünfziger und sechziger Jahre. Doch Michael Raedecker stellt die Häuser verloren in unbestimmte Landschaften, einsam ragen sie aus einem Meer gedämpfter Farben heraus - Olivgrün, Schlamm, Lavendel oder Beige. Seltsam entrückt erscheinen so die Orte, wie im Traum.
Menschen fehlen immer in diesen Kulissen, und ihre Abwesenheit drängt sich geradezu auf - es herrscht die Stille versiegelter Orte. Und es scheint, als sei dort etwas Beunruhigendes passiert, oder das Unheil drohe erst noch. Doch verlieren kann man sich in der unheimlichen Leere nicht, denn der Blick bleibt buchstäblich an einzelnen Partien der Bilder hängen, die mit Garn und Wolle bestickt sind: Lange Fäden zeichnen Vorhänge an großen Fenstern oder einen Holzsteg am Seeufer nach, und fusselige Fadenknäuel stellen das Laub von Bäumen dar. Einzelne Dinge wachsen so regelrecht aus dem Bild heraus, als könne man sie greifen oder streicheln.
Diese Stickereien verselbständigen sich stellenweise zu rätselfhaften Gewächsen, aber sie dienen auch dazu, die Gegenstände in den Bildern zu umreißen. So kann Raedecker der Farbe freien Lauf lassen: Er gießt sie zu dicken Pfützen oder lässt dünne Rinnsale tropfen, die sich dann als dichte Decke auf dem Bett oder als Blitze im Himmel lesen lassen. So schwanken Raedeckers Bilder zwischen konkret und abstrakt, prägnant und unfassbar, nah und fern.
In den Niederlanden hatte Michael Raedecker zuerst Mode studiert. Dann aber widmete er sich der Malerei und ging 1996 nach London, wo er sich unter den erfolgreichen Young British Artists schnell einen Namen mache. Vor zwei Jahren wurde er für den Turner Prize nominiert. Die Basler Ausstellung zeigt nun einen Überlick über sein Werk der letzten vier Jahre - und offenbart einen zweifachen Virtuosen: im Umgang mit Nadel und Faden wie mit der Farbe.
Termin: 15. Februar bis 20. April. Katalog: 42 Franken. Internet: www.mgkbasel.ch
Bild(er):
Bild: Unheimlicher Ort: "Auftauchen" von 2002 (140 x 110 cm)
Bild: Die Bettdecke in dem schönen weißen Schlafzimmer besteht aus gegossener Farbe, die fast einen Teich bildet. Gestickte Fadengespinste wachsen stellenweise aus der Leinwand heraus. Raedeckers Bild "Auszug" von 1999 (153 x 203 cm)
