Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 85
Exil zwischen Antike und Moderne
Von Hans Pietsch
AUSSTELLUNGEN IM FEBRUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / LONDON: GIORGIO DE CHIRICO UND DER MYTHOS DER ARIADNE / In der Estorick Collection of Modern Italian Art wird die Beschäftigung des italienischen Malers mit dem Ariadne-Mythos vorgestellt
Das Schicksal Ariadnes, der kretischen Königstochter, hat Giorgio de Chirico Zeit seines Lebens fasziniert; in über 50 Gemälden hat er die mythologische Figur gemalt. Ein Großteil der Ariadne-Bilder wird nun in einer Londoner Ausstellung versammelt, deren eigentliches Thema das Exil ist.
Ariadnes Liebesglück mit Theseus hielt nur kurz. Der attische Held setzte sie schnöde auf der Insel Naxos aus und machte sich davon, während sie schlief. In de Chiricos Bildern steht Ariadne für Melancholie und Einsamkeit, der Maler identifizierte sich mit ihrem Schicksal als Vertriebene. Er schätzte Griechenland, wo er selbst aufgewachsen war, als seine Heimat und als Wiege des Abendlandes. Als er 18 Jahre alt war, siedelte die Familie nach Deutschland und Italien über, 1911 kam er in Paris an. In der flirrenden Metropole konnte er sich nicht heimisch fühlen und kultivierte seine Fremdheit. 1912/13 entstanden die ersten Ariadne-Bilder, eine Gruppe von acht Werken, deren Motive er dann bis in die siebziger Jahre hinein variieren sollte.
Immer steht Ariadne als antike Statue auf einem italienischen Platz, dem harte Schatten eine unheimliche Atmosphäre verleihen. Die Schlafende wirkt seltsam zeit- und ortvergessen und lässt sich nicht beirren von den rauchenden Schloten oder fauchenden Lokomotiven am Horizont - Symbole der modernen Welt, in der de Chirico nicht heimisch wurde. Ariadne ist wie der Maler selbst fremd zwischen Antike und Moderne, alter Kultur und Fortschritt. Aber sie ist auch von diesem Zwiespalt entrückt.
De Chiricos Sicht der Figur war durch Friedrich Nietzsche geprägt, der den Mythos neu interpretiert hatte: Für ihn vereinigt Ariadne als Idealbild die beiden gegensätzlichen Prinzipien des Apollinischen und des Dionysischen, der Vernunft und der Sinnlichkeit. Mit kühler Berechnung hatte sie Theseus aus dem Labyrinth des Minos geholfen und wartet nun auf Dionysos, der sie zur Frau nehmen und sich gemeinsam mit ihr dem ewigen Rausch hingeben wird.
Termin: bis 13. April. Katalog: 16,95 Pfund. Internet: www.estorickcollection.com
Bild(er):
Bild: Ariadne überdauert die Zeit: "Die Entschädigung des Wahrsagers" (1913, 136 x 180)
