Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 78-81

Kompromiss ohne sicheres Fundament

Von Axel Hecht

Wegweisende Schauen zeitgenössischer Kunst machten die Hamburger Deichtorhallen berühmt. Künftig sollen sie vornehmlich der Fotografie dienen. Dafür sind sie der falsche Ort. Die Sammlung von F. C. Gundlach braucht ein anderes Haus

F. C. Gundlach, 76, Sammler und Gründungsdirektor, über sein geplantes "Haus der Photographie"

art: Im kommenden Herbst soll Ihr neues Sammlungshaus in den Deichtorhallen eröffnet werden. Ist das bei der knappen Zeit überhaupt zu schaffen? Schließlich gelten Sie als Perfektionist.

Gundlach: Es wird einen längeren Vorlauf geben. Für das ganze Jahr 2003 sind bereits Ausstellungen geplant. Meine Aktivitäten können also erst im Jahr 2004 sichtbar werden.

Sie haben stets ein Zentrum für Fotografie in Hamburg gefordert. Sind sie jetzt am Ziel?

Es geht mir nicht um ein Denkmal, das ich mir errichten will. Ich will ein vitales Haus schaffen, ein Forum, das dem Medium Fotografie gewidmet ist - mit Symposien, Workshops und anderen wissenschaftlichen Veranstaltungen. Die Sammlung wird als Dauerleihgabe der Stiftung Gundlach in die südliche Deichtorhalle kommen.

Sie haben Ihre Sammlung also bereits in eine Stiftung eingebracht - und die wiederum tritt als Leihgeber auf. Ist der Leihvertrag zeitlich begrenzt?

Die Sammlung soll bei einem Personalwechsel nicht in irgendwelchen Magazinen verschwinden. Also gehen wir derzeit von einem Leihvertrag für die Dauer von 20 Jahren aus. Über das weitere Schicksal der Arbeiten muss dann das Kuratorium meiner Stiftung entscheiden.

Damit verschiebt sich die Ausrichtung vom Haus für Wechselausstellungen hin zum Sammlungshaus.

Richtig, die Institution hat zum ersten Mal einen Bestand - das wird zu räumlichen und personellen Veränderungen führen. Darüber sind sich auch alle Beteiligten im Klaren. Darüber hinaus plane ich jährlich vier große Ausstellungen, die von sechs bis acht Präsentationen in Kabinett-Format begleitet werden sollen. Ich will also permanent Impulse geben. Das Haus soll immer geöffnet sein.

Zur Unterstützung Ihrer Ideen brauchen Sie wissenschaftliches Personal.

Ich bekomme einen Assistenten, der die Arbeit vor Ort macht und die Projekte organisiert.

Glauben Sie, bei Ihrem ehrgeizigen Programm mit einem Assistenten auszukommen?

Das hängt von der Person ab.

Selbst die kleinere Südhalle ist noch ein riesiges Haus. Brauchen Fotos nicht eher Kabinette als große Säle?

Ich werde die Infrastruktur der südlichen Halle verändern. Die Großzügigkeit der Architektur, die dem Haus seinen Glanz gibt, die muss natürlich erhalten werden. Doch wir benötigen auch Kabinette.

Zusätzlich sollen unterirdisch Magazine und Depoträume angelegt werden. Die Deichtorhallen liegen aber im Überschwemmungsgebiet der Elbe. Ist dieser Plan nach den Erfahrungen, die Dresden jüngst mit Hochwasser machen musste, nicht fahrlässig?

Das ist ein heikles Kapitel. Die Fachleute behaupten zwar, ein solcher Einbau sei risikolos, aber ich bin kein Freund dieser Lösung. Es geht ja um sensible Papierarbeiten, bei denen die Luftfeuchtigkeit auch eine große Rolle spielt. Ein Raum oberhalb der Wassergrenze ist mir in jedem Fall lieber.

Denken Sie bei Assistenten und Ausstellungsmachern denn bereits an Namen?

Dazu ist es noch zu früh. Zusätzlich zu meinem Assistenten wird es ab 1.1.2004 einen Nachfolger für den bisherigen Direktor Zdenek Felix geben. Im Aufsichtsrat wird das integrierte Konzept befürwortet - also die Bespielung beider Hallen. Doch bei dieser Diskussion kommt mir die ständige Unterfinanzierung der Deichtorhallen zu kurz. Seit zehn Jahren erhalten die Häuser seitens der Kulturbehörde einen Zuschuss von 1,3 Millionen Euro und der wird in naher Zukunft kaum steigen.

Nun kommen aber die Kosten für Sanierung und Umbau hinzu.

Richtig, dafür sollen im Jahr 2004 rund vier Millionen Euro eingeplant werden. Steht das Geld erst dann zur Verfügung, wird sich unser Start verzögern.

Die Kulturbehörde möchte die nördliche, also die große Deichtorhalle verstärkt an Unternehmen vermieten, um zusätzliche Gelder zu erwirtschaften. Wird nun die Kunst siegen oder das fremde Geld?

Die Nordhalle soll über einen Zeitraum von drei Monaten im Jahr vermietet werden. Die Einnahmen brauchen wir auch, um das Budget auszugleichen.

Hat die Senatorin nicht viel zu hohe Erwartungen? Im vergangenen Jahr veranschlagte sie Mieteinnahmen von 250000 Euro; erwirtschaftet wurden aber nur 85000 Euro.

Jetzt wird erstmals eine Zeit festgeschrieben, zu der gemietet werden kann. Das könnte ein zusätzlicher Reiz sein.

Der Verbleib Ihrer Sammlung in Hamburg hat allgemein Zustimmung gefunden. Die Ortswahl weniger. Wie stehen Sie zu der Kritik, dass damit das Ende der Deichtorhallen als Ort für Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst besiegelt ist?

Das halte ich für völligen Blödsinn. Fotografie ist schließlich ein integraler Bestandteil der Kunst. Das wissen wir doch alle. Warum sollte also die zeitgenössische Kunst verschwinden? Natürlich findet eine Akzentverschiebung in der Südhalle zugunsten der Fotografie statt. In der Nordhalle wird es weiterhin Ausstellungen zeitgenössischer Kunst geben. Dafür braucht es ein Konzept und eine ausgewiesene Persönlichkeit. Beides muss man suchen.

Der Maler Franz Ackermann, 39, über die Deichtorhallen als neues Zentrum für Fotografie

art: Was sagen Sie zur Umwidmung der Deichtorhallen?

Ackermann: Ich sehe hier die indirekte und sehr sauber kaschierte Abwicklung eines der bedeutendsten Zentren für zeitgenössische Kunst in Europa.

Welche Erfahrungen verbinden Sie mit dem Kunstort Hamburg?

Ich bin als Student von München nach Hamburg gekommen und war - pathetisch gesprochen - ungeheuer beeindruckt von dem Dreigestirn Kunsthalle, Kunstverein, Deichtorhallen. Das hat mein Studium intensiviert.

Verklären Sie nicht die gute alte Zeit?

Überhaupt nicht, denn dieses Dreigestirn war ja perfekt eingespielt. Die Kunsthalle fuhr auf einer eher musealen Schiene; der Kunstverein wagte die schnellen, die riskanten Spiele, und die Deichtorhallen haben im Bereich der zeitgenössischen Kunst programmatisch und ganz präzise gearbeitet. Hamburg weiß einfach nicht, was es da in die Elbe wirft.

Nun sollen die Deichtorhallen ja nicht geschlossen werden, die Senatorin will den Schwerpunkt demnächst auf Fotografie legen.

Eine Monologisierung der Fotografie halte ich für beschränkt und unzeitgemäß.

Die Kultursenatorin erhofft sich dadurch aber einen Anstieg der Besucherzahlen.

Zu glauben, man könne das momentane Interesse an der Fotografie abspalten vom generellen Interesse an der zeitgenössischen Kunst, das ist fatal. Erst durch die Emanzipation der Fotografie, ihre Anerkennung als gleichwertige Gattung der zeitgenössischen Kunst und durch die Koppelung hat sich auch das Interesse des Publikums verstärkt.

Letzteres ist eine Behauptung.

Ich wiederhole: Die Fotografie ist in die gesamte zeitgenössische Kunst eingedrungen. Sie hat Fragen nach der Malerei, nach der Skulptur gestellt - besonders in Bezug auf die jüngere Kunstgeschichte. Das war unheimlich befruchtend. Deswegen prophezeihe ich auch, dass die jetzt geplante Monogamisierung der Fotografie - bei aller Wertschätzung für die Sammlung Gundlach - weitaus weniger Besucher anziehen wird, als das bisherige Modell.

Kann man die Besucherzahlen überhaupt zum entscheidenden Gradmesser für die Wichtigkeit eines Instituts machen, das sich mit zeitgenössischer Kunst auseinandersetzt?

Bis vor zehn Jahren wurden Forderungen wie die, dass die Besucherzahlen stimmen müssten, doch gar nicht an die zeitgenössische Kunst gestellt. Diese Fixierung auf Massenpublikum kam doch erst mit den eventorientierten Veranstaltungen. Zeitgenössische Kunst ist keine Populär-Kultur, sie ist eine schwierige, teilweise elitäre Kultur. Wenn jetzt die Kanten und Ecken abgeschliffen werden sollen, dann wird das zu einem großen Verlust führen.

Sehen Sie die Gefahr, Hamburg könne provinziell werden?

Das ist noch der harmloseste Begriff. Ob ich zur Biennale nach Vilnius fahre, nach New York, Los Angeles oder Sizilien - die Deichtorhallen kennt jeder, die sind eingeführt, und die Leute dort haben die Kataloge. Man unterschätzt in Hamburg einfach die Außenwirkung eines der größten intakten und erfolgreichen Ausstellungshäuser.

In München bekommt gerade das Haus der Kunst einen neuen Leiter und vermehrte Mittel, in Frankfurt wird die Schirn Kunsthalle gestärkt, Düsseldorf hat das neue Kunstquartier K21.

Da sehen Sie es doch. Der öffentliche Blick ist wieder verstärkt auf bildende Kunst gerichtet. Die Welt ändert sich gewaltig. Und da sagt ausgerechnet Hamburg: Wir klinken uns aus. Damit nehmen die Kulturpolitiker den Künstlern das Herz raus. Ein Skandal.

Die Zukunft der Deichtorhallen, von Hamburgs forscher Kultursenatorin Dana Horakova zur Chefsache gemacht, steht auch weiterhin unter keinem günstigen Stern: Bereits die Presse-Erklärung, mit der Horakova am 13. Dezember die zuvor im Handstreich verkündete Umwidmung des bisherigen Zentrums für zeitgenössische Kunst in ein "Haus der Photographie" (art 9/2002) untermauern wollte, geriet ihr zum Konfliktpapier.

Die Senatorin hatte zwar einen über 20 Jahre laufenden Leihvertrag mit dem Sammler F. C. Gundlach, 76, verkündet, es aber unterlassen, Gundlach als Gründungsdirektor des neuen Museums vorzustellen. Erst das eilig nachgereichte Ersatzpapier präsentierte den Eigentümer der rund 12000 Werke umfassenden Kollektion auch in seiner Leitungsfunktion (bis 31. Dezember 2005).

Tags zuvor hatte der Aufsichtsrat der als GmbH geführten Deichtorhallen endlich beschlossen, die Nachfolge des zum 31. August 2003 ausscheidenden Direktors Zdenek Felix auszuschreiben. Ursprünglich hatten Horakova und ihre Behörde Gundlach zum Intendanten machen und ihm einen Abteilungsleiter zur Seite stellen wollen.

Laut Stellenausschreibung soll es jetzt die Aufgabe des zukünftigen Direktors sein - erst wohl parallel zu Gundlach, später als dessen Nachfolger - "in der südlichen Deichtorhalle ein "Internationales Haus der Fotografie` zu betreiben und in der nördlichen Deichtorhalle weiterhin Ausstellungen internationaler zeitgenössischer Kunst auszurichten".

Der unter Federführung des Aufsichtsratsmitgliedes Hans-Jochen Waitz mit allen Beteiligten ausgehandelte Kompromiss steht - auch finanziell - auf unsicherem Fundament: Zwar wurde bereits 2002 im Senatshaushalt eine Summe von 2,5 Millionen Euro bereitgestellt. Der Betrag ist aber allein für notwendige Renovierungen vorgesehen. Die zusätzliche Investition in Höhe von vier Millionen Euro ist für den geplanten Umbau der Südhalle viel zu gering angesetzt.

Schließlich plant Leihgeber und Gründungsdirektor F. C. Gundlach nicht nur den Bau notwendiger Depoträume, er will auch die Raumsituation der Südhalle entscheidend verändern, ein Bistro sowie einen Museumsstore bauen lassen und in der größeren Nordhalle Kabinette integrieren.

Als kaum zu kalkulierendes Risiko gilt der Einbau von Depots im Kellergeschoss der Südhalle am überschwemmungsgefährdeten Elbufer. Die "Trockenlegung der Sümpfe" (Behördenjargon) kann nach einem internen Gutachten zwischen fünf und zehn Millionen Euro verschlingen. Da der jährliche Zuschuss der Kulturbehörde von 1,3 Millionen Euro auch für die Zukunft festgeschrieben ist, wird für die nördliche Halle und damit für die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst kaum mehr etwas übrig bleiben. Schließlich plant Gundlach in seinem "Haus der Photographie" ein ambitioniertes Programm (siehe Interview).

Helmut Sander, Verwaltungsdirektor der alten wie der neuen Deichtorhallen, hat denn auch vorsorglich gewarnt: "Jährlich eine oder zwei Ausstellungen in der Nordhalle sind denkbar, mehr aber nicht." Sander setzt zwar auf Mehreinnahmen durch verstärkte Vermietung der großen Halle, muss aber die eigenen Zahlen kennen. Im vergangenen Jahr sollten durch Fremdnutzung 250000 Euro eingespielt werden, tatsächlich erzielt wurden aber nur 85000 Euro.

Wer immer also den Posten des neuen Direktors antreten sollte, der wird, zumindest was die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in der knapp 4000 Quadratmeter großen Nordhalle betrifft, ein Habenichts sein.

Dass die Freie und Hansestadt sich auch großzügig geben kann, bewies die Kulturbehörde zeitgleich mit einer anderen richtungsweisenden Entscheidung: Für die Sammlung von maritimen Memorabilia (Kapitänsuniformen, Seekarten, Sextanten und Schiffsansichten) des ehemaligen Verlagsmanagers Peter Tamm, die in der alten Seefahrtsschule untergebracht werden sollen, wurden auf einen Schlag 30 Millionen Euro bereitgestellt.

Bild(er):

Bild: Noch strahlt der Titel an der Fassade einer Deichtorhalle. Doch bald werden hier die Mittel knapp. Dann macht die internationale Kunst woanders Station

Bild: Elf glanzvolle Jahre - Herausragende Ausstellungen in den Deichtorhallen - ein Rückblick - 1992: Michelangelo Pistoletto - Unter dem Titel "Die Minus-Objekte. Spiegel. Gitter." zeigte Direktor Zdenek Felix kurz nach Amtsantritt Ausschnitte aus dem Werk des italienischen Künstlers

Bild: 1993: Andy Warhol - In der Retrospektive wurde auch der "Ausstellungsraum für Kinder" gezeigt, für den Warhol eigens eine Fischtapete entworfen hatte

Bild: 1994: Der zerbrochene Spiegel - In der Übersichtsschau versammelten die beiden Kuratoren Kasper König und Hans-Ulrich Obrist neue Positionen der Malerei. Hier eine Arbeit von Maria Eichhorn

Bild: 1995: Robert Morris - Die Retrospektive zeigte den Klassiker der amerikanischen Minimal Art als formstrengen Künstler-Philosophen. Abbildung: "The Fallen and the Saved"

Bild: 1996: Ilya Kabakow - Der ukrainische Künstler baute einen "Lesesaal" auf. Daraus hier "Der Komponist"

Bild: 1997: Home Sweet - Home zeigte den "Gebrauchsgegenstand Kunst`. Nebelflur von Tobias Rehberger

Bild: 1998: Emotion Junge amerikanische Kunst aus der Sammlung Goetz. Abbildung: "Lard Box" von Robert Gober

Bild: 1999: Martin Kippenberger Früher als viele Kollegen erkannte Direktor Zdenek Felix die Bedeutung des deutschen Künstlers. Blick in die Ausstellung "The Happy End of Franz Kafkas ,America`"

Bild: 2000: Jason Rhoades Aus polierten Stangen baute der amerikanische Künstler seine "Perfect World" als Hommage an den Garten seines Vaters. Einen Teil der Installation erwarb der Hamburger Sammler Harald Falckenberg

Bild: 2001: Vom Eindruck zum Ausdruck In der Präsentation der Sammlung Grässlin wurde auch die Skulptur "Pferd" von Markus Oehlen gezeigt

Bild: 2002: Art & Economy Die Schau über Zusammenhänge von Kunst und Wirtschaft zeigte auch die Arbeit "Money-back Life!" von Matthieu Laurette