Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 82-83
Amerikas vergessene Avantgarde
Von Ute Thon
AUSSTELLUNGEN IM FEBRUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / NEW YORK: CHALLENGE OF THE MODERN: AFRICAN-AMERICAN ARTISTS 1925-45 / Das Studio Museum in Harlem stellt unbekannte schwarze Künstler der Moderne vor
Die zwanziger und dreißiger Jahre waren eine entscheidende Periode in der Emanzipation der Schwarzen in Amerika. In New York feierte man die Schriftsteller der "Harlem Renaissance", Jazz- und Swingmusik erfüllte die Clubs am oberen Broadway und eroberte von hier aus die Welt. Auch Josephine Baker tanzte mit ihrer Revue Negre in Europa. Weniger bekannt aber ist die bildende Kunst, die Schwarze in diesen Jahren hervorbrachten. Nun wird sie im Harlemer Studio Museum ausgestellt.
Während in den Südstaaten immer noch strikte Rassentrennung und Lynchmorde an der Tagesordnung waren, machten sich einige afroamerikanische Maler nach Paris auf. Die "City of Light" verhieß ihnen bürgerliche Freiheiten, die sie zu Hause nicht finden konnten. Im Epizentrum der Moderne lernten sie die Avantgarde von Claude Monet, Henri Matisse und Pablo Picasso kennen und brachten die neuen Themen und Techniken mit zurück. Mühelos lässt sich ihre Bewunderung für die großen Vorbilder in vielen Werken ablesen. Die Landschaften von Hale Woodruff (1900 bis 1980) etwa offenbaren den Einfluss Paul Cezannes, während William H. Johnsons (1901 bis 1970) kubistisch verzerrte Straßenszenen an den jüdischen Maler Chaim Soutine denken lassen.
Viele der Künstler hatten sich als Kinder der letzten Sklavengeneration erstmals einen Platz in den angesehenen Kunstschulen der Weißen erkämpft. Deshalb waren sie nicht sofort geneigt, mit allen akademischen Traditionen zu brechen. Ihre Arbeiten zeichnen sich daher kaum durch stilistische Radikalität aus. Aber die Künstler nehmen mit speziell afroamerikanischem Blick soziale und kulturelle Themen ins Visier.
Jacob Lawrence (1917 bis 2000) dokumentiert in seinen expressionistischen Arbeiten die Wanderung der befreiten Sklaven vom ländlichen Süden in die großen Städte des Nordens. Die Fotografien von James Van Der Zee (1886 bis 1983) feiern dagegen das Bild des "New Negro" im Harlem der zwanziger Jahre. Lois Mailou Jones (1905 bis 1998) wiederum fand durch die Auseinandersetzung mit dem Symbolismus und Expressionismus Zugang zu afrikanischen und karibischen Sujets, zur Kunst ihrer Ahnen, die viele assimilierte Afroamerikaner als Stigma ihrer primitiven Herkunft ablehnten. "Die Ausstellung wird demonstrieren, wie der Modernismus in der bildenden Kunst es Afroamerikanern ermöglichte, die Kultur ihrer Vorfahren anzunehmen", sagt Lowery Stokes Sims, Direktorin des Studio Museums in Harlem und Kuratorin der Schau, die eine Lücke in der modernen Kunstgeschichte schließt.
Termin: bis 30. März. Katalog: 25 Dollar. Internet: www.studiomuseum.org. Gleichzeitig zeigt das Metropolitan Museum (www.metmuseum.org) bis zum 4. Mai die Ausstellung "African-American Artists" mit Zeichnungen und Druckgrafik (Katalog: 14,95 Dollar)
Bild(er):
Bild: Stammeskunst als Symbol eigener Wurzeln: Beauford Delaney, "Abstraktionen" (1945, 46 x 61 cm)
Bild: Tanz zur Boogie-Woogie Musik: "Jitterbugs V" von William H. Johnson (1941/42, 93 x 73 cm)
Bild: Ausgelassene Stimmung im Vergnügungslokal: "Samstag Nacht" von Archibald Motley (1935, 94 x 114 cm). Dass Afroamerikaner auf Bildern porträtiert wurden, war nicht selbstverständlich
