Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 88-89

Frauen ohne Wiederkehr

Von Kerstin Schweighfer

AUSSTELLUNGEN IM FEBRUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / GRONINGEN: FEMMES FATALES / Das Groninger Museum untersucht ein weibliches Rollenbild, das Ende des 19. Jahrhunderts die Kunstwelt eroberte

Das durchsichtige Gewand enthüllt ihren makellosen Körper mehr als es ihn bedeckt. Ihr verführerischer Mund ist leicht geöffnet. Hoch erhobenen Hauptes sitzt Circe auf ihrem Thron, in der ausgestreckten Hand den Becher mit dem Zaubertrunk, der Männer in Schweine verwandelt.

Im griechischen Mythos bietet ihn die Zauberin Odysseus an. Der englische Maler John William Waterhouse lässt den listigen Helden auf seinem Bild aus dem Jahre 1891 lediglich als Reflexion in einem Spiegel hinter dem Thron auftauchen. Statt dessen schaut Circe direkt dem Betrachter ins Auge; der Maler setzt ihn ihrer unwiderstehlichen weiblichen Anziehungskraft aus. Von einer "äußerst starken visuellen Erfahrung" spricht Henk van Os, Altdirektor des Amsterdamer Reichsmuseums und Kurator der Ausstellung "Femmes Fatales" im Groninger Museum.

Der niederländische Kunsthistoriker hat 28 Gemälde sowie Zeichnungen, Aquarelle und Grafiken aus internationalen Museen und Privatkollektionen zusammengetragen; unter den Künstlern sind Waterhouse, Gustave Moreau, Franz von Stuck oder Lawrence Alma-Tadema. Sie alle haben sich mit Femmes fatales auseinandergesetzt: Angefangen bei den antiken Heldinnen Circe, Helena, Medea oder Klytämnestra über biblische Figuren wie Judith und Salome bis hin zu den aggressiven Frauen des Edvard Munch, die als Vampire oder Raubvögel auftreten.

Die Femme fatale, die dem Mann durch ihre als bedrohlich erfahrene Sexualität und Schönheit zum Verhängnis wird, ist ein Produkt der Romantik. Ihr Rollenbild entstand im 19. Jahrhundert, als die Bourgeoisie zu Macht und Reichtum aufstieg. Tagsüber widmete man sich nüchtern dem Geldverdienen, abends wurden als Ausgleich im Theater und in der Oper Dramatik und große Gefühle gesucht.

Auch die bildende Kunst bot der Bourgeoisie die Möglichkeit, eine neue geheimnisvolle Wirklichkeit hinter der aufgeklärten Welt zu entdecken, die ebenso faszinierend wie Furcht erregend war. Das Charakteristische dieser Bilder ist ihre ungewöhnlich starke Ausstrahlung: Die Figuren werden aus dem erzählerischen Zusammenhang gerissen, um ihre verführerische Wirkung umso stärker zu entfalten. Die Eröffnungsrede soll übrigens das "Denver"-Biest Joan Collins halten - für Museumsdirektor Kees van Twist "Inbegriff der Femme fatale von heute".

Termin: bis 4. Mai. Katalog: 25 Euro.

Internet: www.groninger-museum.nl

Bild(er):

Bild: Betörender Gesang soll die Seeleute anlocken: Herbert Draper malte 1910 das Bild "Odysseus und die Sirenen" (127 x 153 cm)

Bild: John William Waterhouse: "Circe überreicht den Becher an Odysseus (1891,147 x 91 cm)

Bild: Femme fatale mit Frischobst: "Die Kirschen" (79 x 129 cm) malte Sir Lawrence Alma-Tadema 1873