Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 113
Papagei, tot oder lebendig
Von
GLOSSE
Das Musee d'Art Moderne de la Ville de Paris wollte ein Hauptwerk des Belgiers Marcel Broodthaers (1924 bis 1976) ankaufen. Lobenswert, sollte man meinen. Allerdings gehört zu der Installation "Sagen sie nicht, ich hätte es nicht gesagt - der Papagei" aus dem Jahr 1974 neben einer Vitrine, einem Tonband und Palmen auch ein Papagei. Und damit hatte Direktorin Suzanne Page nicht nur die rechte Opposition im Stadtparlament, sondern auch noch die Tierschützer gegen sich. Allen voran die gefürchtete Brigitte Bardot, die öffentlich eine "lebenslängliche Verurteilung" des Vogels beweinte. Elisabeth de Fresquet von den Konservativen hingegen fürchtete Geldverlust durch baldiges Ableben des exotischen Geflügels - 210000 Euro seien viel zu teuer für so eine unsichere Sache. Der städtische Kulturbeauftragte Christophe Girard wütete zurück: Dem Faschismus seien Tür und Tor geöffnet, wenn sich Abgeordnete in die Kaufentscheidung des Museums einmischten.
Der Kauf wurde beschlossen, mit den Tierfreunden zimmerte man einen Kompromiss: Höchstens drei Monate im Jahr soll die Arbeit zu sehen sein. Der Papagei wird aus dem Zoo entliehen und wöchentlich vom Tierarzt untersucht.
Broodthaers selbst hatte die Sache vergleichsweise unverkrampft gesehen: Ihm genügte zuweilen ein ausgestopfter Papagei, der seinen Tonbandpamphleten lauscht. Des Meisters Witwe zu art: "Auf Dauer dreht da jeder Vogel durch."
Bild(er):
Bild: Erhitzt die Gemüter: ein Papagei zwischen Palmen im Museum
